Regen bringt Segen

Die Universität Aveiro entwickelt ein ,,Haus für die Zukunft” mit Einspeisung und Recycling von Regenwasser. Nachdenken über die Nutzung des Niederschlags ist in Portugal noch immer vor allen Dingen ein akademisches Gedankenspiel. Das soll sich ändern

 
Wasser zirkuliert zwischen Meer, Atmosphäre und Land. Dabei geht es nicht verloren, es ändert nur seinen Zustand. Soweit die Natur. Alltag und Umwelt haben vielfältige Eingriffe in diesen Kreislauf gebracht. Weitere werden nötig, um das lebensnotwendige Nass verfügbar zu halten. Rund die Hälfte aller Menschen, die mit weniger als einer Million Liter Wasser im Jahr auskommen müssen, lebt rund um das Mittelmeer. Da durch den Klimawandel auch Länder mit zunehmender Wasserknappheit rechnen müssen, die bisher kaum Engpässe kannten, werden nationale Konzepte erarbeitet. Das Instrument dafür heißt Rainwater Harvesting. Das ,,Ernten von Regenwasser”, erdacht als Konzept für die Dritte Welt, wurde auf dem Weltwasserforum in Instanbul im März 2009 in einem symbolischen Film verdeutlicht: Eine Windbö trägt einen aufgespannten Regenschirm durch die Luft bis er verkehrt herum liegen bleibt. Regen sammelt sich im inneren Rund des Schirms. Das zufällige Ereignis inspiriert Passanten, die beginnen, die Tropfen vom Himmel in allen verfügbaren Gefäßen zu sammeln. Der Film entstand in Indien, seine Botschaft ,,gilt für alle”, so Eusébio da Conceição, Ingenieur an der Algarve-Universität. Er meint, ,,Regenwasser ist das Stiefkind der portugiesischen Umweltpolitik”. Seit dem Weltwasserforum haben in Portugal die Kongresse zur Wasserwirtschaft zugenommen, Firmen entdecken den Sektor: Der potenzielle Markt sei gewaltig, doch erweise sich die Politik bisher als ,,träge Masse, die gemeinsames Handeln von Wissenschaft und Wirtschaft behindert”, so Vitor Simões, Chef des Unternehmens Ecoágua, das sich auf Systeme zur Regenwassernutzung im industriellen und im häuslichen Umfeld spezialisiert hat: Ein vier-Personen-Haushalt kann durch Regenwassernutzung jährlich bis zu 70.000 Liter Trinkwasser sparen. Seit 2006 bereist Simões Portugal und demonstriert Konzepte und Anlagen. Die Nutzung des Regenwassers sei eine Herausforderung für viele Bereiche der Gesellschaft, insbesondere angesichts immer größer werdender Städte, sagt Wissenschaftler Conceição. Einerseits wird mehr Trinkwasser benötigt, andererseits sammelt sich mehr Abwasser an und ausgedehnte, zubetonierte Flächen erfordern, mit 36 ,,Regenwasser in der steinernen Stadt umzugehen”. Er orientiert sich am Beispiel Deutschlands, wo die Frage der Nutzung von Regenwasser über die Norm DIN 1989 für Regenwasser-Nutzungsanlagen in die Stadtplanung integriert ist, und das ,,obwohl Deutschland weniger von Wasser knappheit bedroht ist als Portugal”. Die Nutzung des Regenwassers ,,sei hier zu Lande ,,weder in den Konzepten der Stadtentwicklung noch im ländlichen Raum geregelt”. Mário Valente Neves von der Universität Porto nennt alle bisherigen Unternehmungen ,,rudimentär”. Der Forscher arbeitet in der Fundação Nova Cultura da Água (www.unizar.es/fnca/index 3.php?id=2&pag=16). In der Stiftung arbeiten Forscher von siebzig portugiesischen und spanischen Universitäten, die ,,die Materie H2O ganzheitlich und als Bestandteil der Kultur” betrachten. Neves und Conceição haben Regenwassermanagement an ihren Fakultäten als Studienbestandteil durchgesetzt. In Alltag aber treffen die Wissenschaftler nur wenige aufgeschlossene Kommunalpolitiker. Die ,,kapitulieren schon bei der Idee, Abwassergebühren neu zu regeln”. Gemessen an den modernen technischen Möglichkeiten des Sektors sei Portugal ,,hinter seine eigene Historie zurückgefallen”: Auf der Iberischen Halbinsel haben Zisternen alte Tradition. Araber bauten aljibes, heute noch in der Burg von Silves zu betrachten. Die Römer kannten mit dem atrium impluviatum eine zum Innenhof geneigte Dachkonstruktion mit einer Öffnung, durch die der auftreffende Regen in ein Auffangbecken geleitet wurde. Auch das Militär legte in vergangenen Jahrhunderten Zisternen zur Versorgung der Soldaten an. Die ,,Geschichte der Regenwassernutzung in Portugal ist ein Buch, das noch zu schreiben ist”, meint Vitor Simões. Heute werde Regenwasser in bautechnischen Berechnungen nicht berücksichtigt und gilt lediglich als Abwasser. Die mangelnde Achtung führe nicht nur zum Verlust einer Ressource: Immer wenn es, wie gerade erst wieder im Januar, Überschwemmungen gibt, weil die Kanalisation in versiegelten, kanalisierten Gebieten plötzlichen Starkregen nicht fassen kann, wird Schaden aus dem was eigentlich nutzbringend sein sollte”.
Henrietta Bilawer

ESA 02/10

 

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