Der Fuchs im Hühnerstall

NATURPARKS
Das portugiesische Umweltministerium will ,,Gewaltenteilung” bei der Verwaltung der Naturschutzparks und im Landschaftsschutz und nimmt die Kommunen aus der Pflicht. Die protestieren gegen Machtverlust und Zentralisierung und sehen den lokalen Umweltschutz gefährdet.
Naturschutzgebiete sind friedliche Landschaften, geografisch umrissen, um den natürlichen Lebensraum von Tieren und Pflanzen zu bewahren, Menschen Natur pur zu bieten und landschaftliche und erdgeschichtliche Charakteristika zu pflegen. Das soll eine Reihe von Gesetzen gewährleisten, die unter anderem die Verwaltung des jeweiligen Gebietes regeln. Die Natur fügt sich still, ein Streit um Kompetenzen tönt umso lauter durch die Amtsstuben. Umweltminister Francisco Nunes Correia hat das für Naturschutz zuständige Instituto da Conservação da Natureza (ICN) neu strukturiert und die Schutzgebiete mit landesweiter Bedeutung (Áreas Protegidas de Interesse Nacional) den fünf neuen Zentralbehörden für Tourismus (s. ESA 1/08) zugeordnet. Die Regierung hat Verwalter für die Naturparks eingesetzt. Zuvor gab es 25 Regionalämter, deren Posten nach Ausschreibung besetzt wurden, Städte und Gemeinden platzierten Kandidaten, ,,Leute, die mit Orts- und Sachkenntnis das Erbe unserer Natur umsorgten und keine von oben geschickten Schreibtischtäter”, so Artur Trindade, Sprecher des Städtetags Associação Nacional de Municípios Portugueses (ANMP). Schon seit 2005 sind die Kommunen nicht mehr an der Ernennung der Direktoren der Parks beteiligt, nun fühlen sie sich im Umgang mit dem Naturerbe gänzlich ausgeschlossen und protestieren gegen ,,Entmachtung und Zentralisierung”. Die Gemeinden würden ,,wegen verlockender Steuereinnahmen und prestigeverdächtiger Stadtentwicklung oft gegen Naturschutz und für Baugenehmigungen entscheiden”, entgegnet das Umweltministerium. Das sei wie ,,der Fuchs im Hühnerstall”. Gemeinden wollen weiterhin auch Vertreter von Nicht-Regierungsorganisationen, lokalen Interessenverbänden und Umweltschützer in der Administration der Naturparks sehen: ,,Jäger und Angler sind leichter von Jagdund Fangregelungen zu überzeugen, wenn sie den Betrieb von innen kennen”, sagt ein Sprecher des Naturschutzgebietes Ria Formosa. Salvador Massano Cardoso gibt den Städten recht. Die Kommunen dürften nicht außen vor bleiben, meint der Medizinprofessor, Mitglied der nationalen Ethikkommission und Ombudsmann für Umweltfragen in Coimbra. Sonst werde der Naturschutz ,,ineffizient, nicht zeitnah, zusammenhanglos”. Es sei schließlich bekannt, dass ,,auch bei zentralen Entscheidungen zu Projekten von nationalem Interesse Bedenken vom Tisch gefegt” werden, was die Nachhaltigkeit ebenso negativ beeinflusse wie die Lebensgestaltung von Menschen, die in solchen Gebieten wohnen. Als Beispiel nennt er die Absicht des Umweltministers, von Juni bis September Mautgebühren für die Durchfahrt in Naturschutzgebieten zu erheben. Für Portugals einzigen Nationalpark Peneda-Gerês hat sich der Wegezoll von 1,50 Euro seit der Einführung vor zwei Jahren als sinnlos erwiesen: Die Einnahmen decken kaum den Aufwand des Straßenamtes. Die immergrüne Landschaft von Peneda-Gerês gilt als eine der schönsten auf der Iberischen Halbinsel und gehört zu den Distrikten Viana do Castelo, Vila Real und Braga. Knapp acht Prozent des 70,3 Hektar großen Naturparks mit 114 Dörfern sind Staatbesitz, 28 Prozent Privateigentum, der Rest Allmende. Der Tourismus werde beeinträchtigt, so António Dias, Bürgermeister von Pitões das Júnias. Das malerische Dorf lebt vom Ökotourismus (Trekking, Canyoning, Wintersport) und einem weithin bekannten Naturkunde-Museum. Und ,,das Gesetz über die Lokalfinanzen lässt Ausgleichszahlungen an betroffene Ortschaften nicht zu”. Vassalo Abreu, Stadtvater des Ortes Ponte da Barca meint, die ,,Auslese, wer in den Park kommt und wer nicht, findet über den Geldbeutel statt, nicht über ökologisch sinnvolle Aktionen”. Er plädiert für Verkehrsbeschränkungen. Weder der Städtetag, noch die Gemeinden seien konsultiert worden, klagt auch die ANMP. Das Umweltministerium versprach nun den Gemeinden eine ,,beratende Funktion” in Naturschutzgebieten; sie würden bei ,,strategischen Entscheidungen” gefragt. Dem Städtetag ist das nicht genug: Er will beim Obersten Gerichtshof klagen, der ,,Ausschluss der Gemeinden bei der terrotorialen Verwaltung ist verfassungswidrig”.
Henrietta Bilawer

ESA 06/09

45

Share.

Comments are closed.