Wissen aus dem Eis

Kenntnisse über die erdgeschichtliche Klimaentwicklung sind die Basis für eine wissenschaftliche Klimaforschung. Viele Hinweise liegen im ewigen Eis. In der Antarktis sammeln nun portugiesische Forscher im Rahmen des Internationalen Polarjahres Erkenntnisse

Klimatologen verbinden die Fachbereiche Geografie und Meteorologie, erforschen, was in zeitlicher und räumlicher Hinsicht über die Erdgeschichte und die Erdatmosphäre bekannt ist, aber auch, was objektiven Daten zufolge nicht eingetreten ist. So entstehen Modelle für die Analyse des Klimas und des Biotops Erde und für die Klimapolitik. Sogenannte Klimaproxies, indirekte Anzeiger zur Rekonstruktion des Klimas der Vergangenheit, stecken in natürlichen Archiven wie Baumringen, Korallen oder MeeresSedimenten, aber auch im ewigen Eis. So wies ein dänisches Forscherteam nun nach, dass vor einer halben Million Jahren in Grönland ein Klima wie heute in Schweden herrschte. Statt einer kilometerdicken Eisschicht bedeckten Kiefern, Eiben und Erlen die größte Insel der Erde; Käfer, Fliegen, Spinnen und Schmetterlinge lebten dort. Das fanden die Forscher anhand von DNA-Funden vom Boden des grönländischen Eispanzers heraus. Sie verglichen dieses älteste bisher bekannte Erbgut mit Tier- und PflanzenDNA aus einer paläontologischen Datenbank und folgerten, die später entstandene Eisdecke sei stabiler als vermutet, da sie verschiedene erdgeschichtliche Tauperioden überstand. Das beeinflusst Theorien, wie Eis auf einen Klimawandel reagiert. Inês Martins hofft auf spannende Erkenntnisse auch am Südpol. Als eine von sieben Studenten hat sie beim Wissenschaftswettbewerb Latitude 60, ausgeschrieben unter anderem vom Centro de Ciências do Mar do Algarve, eine Reise in die Antarktis gewonnen. Dort beteiligen sich portugiesische Forscher am ,,Internationalen Polarjahr 2007 – 2009″, koordiniert vom Internationalen Wissenschaftsrat (ICSU), um zu erforschen, was sich über, im und unter dem Eis abspielt, dessen Gebirge an den Polen bis zu 4.000 Meter hoch sind. Geschichte, Ökologie, Geologie, Klimatologie und Paläoklimatologie sind Grundlagen der Forschung; 50.000 Wissenschaftler aus 63 Staaten arbeiten an 228 Projekten. Neue Erkenntnisse sind wichtig für die moderne Wissenschaft, denn die heutige Polarforschung beruht vor allem auf Erkenntnissen des letzten Internationalen Polarjahres 1957-58. Das erfuhren die Studenten von dem kanadischen Glaziologen Roy Koerner. Der 74-Jährige übt seinen Beruf heute als Hobby aus. Noch immer finde er Dinge, die ihn für das Eis begeistern wie am ersten Tag, erzählte er den jungen Portugiesen. Das liege daran, dass im Eis Jahrtausende alte Spuren der Erdgeschichte erhalten blieben, die erst heute mit Satelliten, Flugzeugen, Motorschlitten, Forschungsschiffen und Unterwasserrobotern erfasst und mit moderner Technik untersucht werden können, meint der Meeresbiologe Adelino Canário von der Universidade do Algarve. Er arbeitet an einer Studie zur Anpassungsfähigkeit der Fische in der Antarktis an Stress bei Veränderungen im natürlichen Lebensraum. Die Ergebnisse seien ,,auf jeden Fall für die Fischerei vor der portugiesischen Küste nützlich”. Am antarktischen Meeresboden gibt es eine Artenfülle, die mindestens siebzehn Mal so groß ist wie in der Nordsee. Wie das Leben im ewigen Eis gedeiht, ist bisher unbekannt. Teil des Internationalen Polarjahrs ist auch ein ,,Zensus des antarktischen marinen Lebens”, bei dem mit ungeheurem technischen Aufwand jedes Lebewesen vom Krill bis zum Wal verzeichnet wird. Polarforschung, so Canário, ist eine einsame, beschwerliche Sache. Zum ersten Mal stehen den Wissenschaftlern nun Satellitendaten zur Verfügung, die Arbeiten in einem Netzwerk ermöglichen. Ab 2009 zeichnet der Satellit Cryosat 2 der European Space Agency Veränderungen der Polkappen und des Treibeises drei Jahre lang kontinuierlich auf. In Portugal sei bisher die Polarforschung vernachlässigt worden, bedauert Carla Freitas. Die Portugiesin arbeitet für das Norsk Polarinstitutt im norwegischen Tromsø. Es sei an der Zeit, besonders jungen Menschen den Inhalt der Expeditionen und die Bedeutung ihrer Erkenntnisse nahezubringen. Die Pole ,,geben Auskunft über Klimawandel, Folgen von Eingriffen in Ökosysteme und sich verändernde Lebensbedingungen und -gewohnheiten der Menschen”. Ebenso wichtig sei aber die Zusammenarbeit mit Kollegen aus aller Welt und ein Austausch über Methoden und Wissen. Die portugiesische Teilnahme am Polarjahr soll nicht nur Eingang in die internationale Forschung finden, sondern auch für portugiesische Gewässer nutzbringend sein: ,,Was in der Antarktis passiert, betrifft auch Portugal.”   Die offizielle Seite zum Polarjahr www.ipy.org bietet aktuelle Nachrichten, Blogs sowie eine Übersicht über die weltweiten Veranstaltungen. Um Polargebiete und Forschungsprojekte dreht sich auch www.polarjahr.de, die umfangreichste deutsche Seite. Den portugiesischen Beitrag bildet die Seite www.anopolar.no. sapo.pt/latitude60/index.html. Genaueres über die Antarktis-Expedition der sieben portugiesischen Studenten ist auf www.aumpassodalatitude60.blogspot.com. Wissenswertes rund ums Forschen im Eis und um die Zusammenhänge zwischen den polaren Ökosystemen und dem globalen Klima liefert www.awi.de/de, die Seite des Alfred-WegenerInstituts für Polar- und Meeresforschung. Auch die Europäische Kommission gibt auf www.ec.europa.eu/ research/rtdinfo/ special_pol/index_de.html Einblicke in die Polarforschung. Wer Filmausschnitte zu Expeditionen oder zur Polarforschung anschauen will, klickt auf www.iwf.de/IWF/Institut/Projekte/LNW/ Internationales+Polarjahr.htm. Wie Leben und Arbeiten auf einer deutschen Antarktis-Station ablaufen, schildert www.antarktisstation.de.

ESA 3/08

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