Abwasser-Entsorgung

Manchmal ist der erste Eindruck von Portimão olfaktorischer Natur. Wer über die Aradebrücke nördlich der Stadt fährt, riecht an vielen Tagen, was der Stadtrat schon vor drei Jahren erklärte: Die kommunale Kläranlage ist überlastet. Lösungen liegen bis heute in weiter Ferne

Reiseleiter haben sich für den Fall des Falles ein paar Scherze zurechtgelegt. Die erzählen sie, wenn sie einen Bus mit Touristen über die Aradebrücke nördlich von Portimão begleiten und der Wind ungünstig steht oder die Sonne bei Ebbe den Schlamm im Flussbett erwärmt. Das umschreibende Vokabular ist vielfältig: Parfüm, Odeur, Landluft, Aroma. Manch einer lernt hier das portugiesische Wort Maresia. Es beschreibt die Brise und den Geruch des Meeres. Doch auch dieser Euphemismus will nichts anderes sagen als: Es stinkt zum Himmel. Schuld ist das Klärwerk der Stadt, das seine Kapazitäten längst überschritten hat. Zuständig für die Verwaltung des städtischen Wassernetzes der 16 Kreise der Algarve ist Águas do Algarve, eine Aktiengesellschaft mit staatlicher Mehrheitsbeteiligung. Die Firma soll ,,Abwasser aus Haushalten, Industrie und Landwirtschaft auffangen und aufbereiten”. Bisher entsorgt das System Flüssigabfälle von 239.054 Haushalten der Region. Noch sind nicht alle Häuser an die Kanalisation angeschlossen, vieles geht ungeklärt in die Gewässer. Portimão ist da nur ein Fall. Selbst mitten in der Stadt an der Uferpromenade, etwa in Höhe des Burger-Ranch-Imbiss, befindet sich ein Rohr, durch das von Zeit zu Zeit Unaussprechliches in den Fluss schwappt. Das Problem entsteht am Anfang der Entsorgungskette, ,,die Brühe staut sich”, so ein Mitarbeiter der Kläranlage in Portimão, auf Portugiesisch ETAR (Estação de Tratamento de Águas Residuais). Konzipiert war das Klärwerk für 120.000 Menschen im gesamten Kreis. Zwischen den Volkszählungen von 1991 und 2001 ist die Bevölkerung um 15,4 Prozent gewachsen. Seither sind weitere Neubürger hinzu gekommen, dazu Hotels und Ferienwohnungen. Im Juli und im August fließen im Schnitt 58 Prozent mehr Abwasser zur ETAR als im Januar, wobei das gesamte Jahresvolumen seit 2001 von 5,545 auf 8,043 Millionen Kubikmeter angewachsen ist. Zu viel, wie Bürgermeister Manuel da Luz und das Wasserversorgungswerk der Stadt (EMARP) schon 2004 erklärten. Während des Kommunalwahlkampfes im Herbst 2005 versprach Manuel da Luz eine ,,neue ETAR mit einem Umweltpark” am rechten Aradeufer bei Companheira, in der Nähe des alten Klärwerks. Das sollte geschlossen werden. Auf Grund von Gewässerschutzgesetzen ist die Zahl der Kläranlagen in einer Region zwar begrenzt, doch positive Umweltstudien und technische Untersuchungen zum Neubau liegen vor. Was fehlt, ist das Geld. Touristikunternehmer der Gegend haben ,,nennenswerte finanzielle Unterstützung” versprochen; die Rede ist von 1,5 Millionen Euro. Nötig wäre etwa das Fünffache. Bei der Frage nach EU-Fördermitteln verweist der Stadtrat auf Lissabon. Dort kommen die Gelder an, die Regionen warten auf Freigabe. Aus Brüssel kommen erste Signale: Seitdem Jahr 2000 fordert eine Direktive für ,,Orte mit über 15.000 Einwohnern oder Abwasser anderer Provenienz im gleichen Umfang dessen biologische Klärung”. Gerade reichte die EUKommission Klage gegen Portugal ein. Die beanstandeten ungeklärten Abflüsse befinden sich allerdings an der Küste von Estoril. In Portimão wird weiter Flickwerk betrieben: Seit 2001 gab es mehrere technische Änderungen zur Beseitigung des Faulgasgeruchs. Später wurde die Anlage auf das Belebtschlammverfahren umgerüstet, eine Form der biologischen Abwasserbehandlung, bei der die natürliche Selbstreinigung der Gewässer künstlich nachgeahmt wird. Anwohner beklagen jedoch, mindestens so übel wie der Geruch seien ungeklärte Fäkalien, die die Strömung an einige Stellen des Flussufers trägt. Die Stadt Portimão macht zum Klärwerk keine Angaben, weist aber gerne darauf hin, dass es woanders ja viel schlimmer sei. In einem Interview mit der Regionalzeitung Região Sul im Juli 2006 betonte Manuel da Luz ,,den Abschluss der Arbeiten zur Reduzierung der Geruchsbelästigung der ETAR Portimão, die durch Fehler im Konzept der Anlage” hervorgerufen worden sei. An der Ostalgarve hätten in den vergangenen Jahren Strände ihre Blaue Flagge für Wasserqualität eingebüßt, da Ekelerregendes die Schwimmer begleitete. Das sei im Kreis Portimão undenkbar. Die Regulierungsbehörde der Wasser- und Klärwerke Instituto Regulador de Águas e Resíduos IRAR sekundiert, landesweit sei erst gut die Hälfte aller Haushalte an Kläranlagen angeschlossen. Das sei ,,besser als vor einer Dekade, als es nur 30 Prozent waren”, doch noch immer weit entfernt von den 90 Prozent, die als Ziel für 2006 galten. Nicht alle sehen einen Grund zu Beschwerden über die ETAR in Portimão: Muschel- und Krebssammler freuen sich über den ,,Schlamm als Dünger, der die Tierchen wachsen und gedeihen” lässt. Von Magenverstimmungen nach dem Genuss der Ernte wollen sie noch nie etwas gehört haben. Der Rat der Stadt Portimão steht vor dem Abschluss der Verhandlungen mit Águas do Algarve, vollständig in den Verbund einzutreten und Teil des Abwasserentsorgungsnetzes zu werden, das die gesamte Algarve einschließt. Damit wäre vermutlich der Neubau eines Klärwerkes gesichert ­ und die Erhöhung der Wasserrechnung: Der Preis für die Abwasser-Entsorgung würde sich nahezu verdoppeln; auf der unteren Verbrauchsskala von 23 Cent auf 45 Cent pro Kubikmeter.

HENRIETTA BILAWER

ESA 03/07

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