Slow Cities – Entschleunigung

Der Triumph der Schnecke

Die ruhelose Leistungsgesellschaft weckt das Bedürfnis nach Entschleunigung, ohne dabei ökonomische Aspekte zu vernachlässigen. Einige Algarve-Städte haben sich der Bewegung der Slow Cities angeschlossen und wollen den Alltag ohne Action und Adrenalin bereichern

Kulinarik ist ein bewährtes Mittel zur Verständigung. Wenn Menschen beieinandersitzen, sich unterhalten, gemeinsam dies und das probieren, sich Zeit nehmen, erhöht das Lebensqualität und Wohlbefinden. Aus diesem Gedanken heraus entstand die Slow Food-Bewegung für genussvolles, bewusstes – und regionales Essen. Inzwischen findet der Entwurf für eine besonnene Alltagsführung auch in anderen Lebensbereichen Anklang. Ganze Städte orientieren die Planung des kommunalen Daseins an der Bereicherung durch Entschleunigung. Das Konzept heißt Slow Cities – Cittàslow, nach seinem italienischen Ursprung. Es ist ein „internationales Netzwerk von Städten, denen die Lebensqualität besonders am Herzen liegt.“
Ansätze zum Entschleunigen gab es verschiedentlich; so etwa die von der EU ins Leben gerufene ‘Woche der Mobilität’ mit dem ‘Autofreien Tag’, an der sich alljährlich in der dritten Septemberwoche auch viele portugiesische Kommunen beteiligen. Doch seit „die Bürger zunehmend gereizt reagieren, wenn man ihnen sagt, was sie unterlassen sollen und ihre Selbstbestimmung beschränkt“, ist das Interesse rückläufig, sagt Maria José Guerreiro, Sprecherin des Rathauses von Viana do Castelo. Die historische Stadt am Rio Lima im Norden war die erste in Portugal, die sich den Slow Cities anschloss und Einwohner und Besucher motivieren will, auf die innere Bremse zu treten und sich auf eine neue Art von Alltag einzulassen.
Nicht eingrenzen, sondern anders geartete Alternativen schaffen, so die Devise der Slow Cities, in deren portugiesischen Klub zunächst die Thermalquellen-Stadt Vizela folgte und dann gleich vier Algarvestädte: São Brás de Alportel, Tavira, Silves und Lagos qualifizierten sich, denn wer dazugehören will, muss strenge Maßstäbe in Umwelt-, Energie- und Infrastrukturpolitik erfüllen sowie bei der Aufwertung einheimischer Erzeugnisse, der Bewahrung traditioneller Strukturen, bei Landschaftspflege und Gastfreundschaft. Das klappt am besten in kleinen Kommunen: Nur Orte mit weniger als 50.000 Einwohnern können zu Cittàslow gehören.

Die Idee sei, das richtige Tempo zu finden, in dem Aktivitäten erfolgreich, aber mit Behagen und Erfüllung erledigt werden“, erläutert Emanuel Sancho vom renommierten Trachtenmuseum in São Brás de Alportel. Die Stadt war einmal das Zentrum der portugiesischen Korkindustrie. Nach deren Niedergang musste sich der Ort neu finden und blieb beschaulich. ‘Slow City’ ist ein „Markenzeichen, das uns von anderen Gemeinden unterscheidet und gleichzeitig eine Verpflichtung uns selbst und der Initiative gegenüber ist“, sagt Sancho. Die Slow-Kommunen der Algarve wenden sich an ihre Bürger, an die gesamte Region und an Touristen, die ihren Urlaubsort nicht nach global bekannten Namen aussuchen und nicht „möglichst viele Mega-Events auf der To-do-Liste abhaken wollen.“ Natur und Landschaft erkunden, Ziele abseits der großen Routen finden und sie nicht als schnell konsumierbare Produkte anzusehen, lautet das neue Angebot.

Tourismus ist auch für die Slow Cities in der Algarve lebenswichtig, doch der soll die Orte nicht aus dem Tritt bringen. Gleich nebenan liegen schließlich Beispiele dafür, wie es aussieht, wenn die olympisch anmutende Tourismus-Maxime Größer – Bunter – Lauter die eigene Faszination abschafft und Gäste vergrault. Das Angebot der algarvischen Slow Cities ist also durchaus elitär: Man will kein Mehr, vielleicht sogar ein Weniger. Und aus den Orten dürfen keine Freilichtmuseen werden. Das brächte Unruhe in den Alltag der Einheimischen.
Emanuel Sancho nahm teil, als unlängst eine Delegation von Touristik-Vertretern São Brás bereiste. Viele fragten skeptisch nach der Attraktivität des Projektes, in dessen Rahmen eben jenes wiederbelebt werden soll, was längst verschwunden und vergessen ist. Am Ende des Tages, an dem die Gäste ausschließlich mit Speisen regionaler Herkunft beköstigt wurden, waren dann alle überzeugt, dass jedermann, Einheimische wie Fremde, viel über sich und ihre Wurzeln lernen können, wenn sie Plätze wie den alten Bischofsgarten Jardim da Verbena besuchen oder das Centro de Artes e Ofícios, wo traditionelles Handwerk weiterlebt. Dann fuhren die Gäste zur Aussichtsplattform mit Serra-Panorama und sahen, das Entschleunigen kein Widerspruch zu Geschwindigkeit sein muss: In der Nähe verläuft ein Mountainbike-Parcours, durch die Lüfte über ihnen kreisten Deltasegler.
Slow City-Mitglied Lagos am entgegengesetzten Ende der Algarve hat als quirlige Küstenstadt mit gut dreimal so vielen Einwohnern wie São Brás ganz andere Grundlagen. Kaum eine Kommune ist in den vergangenen zwei Dekaden so gewachsen wie Lagos und die Stadt hat es sich zur Aufgabe gemacht, Ansprüche des modernen urbanen Lebens mit dem in Einklang zu bringen, was an Geschichte und Geschichten vorhanden ist. Die Hafenstadt, von der portugiesische Entdecker zu ihrer Fahrt in unbekannte Welten aufbrachen, war im 15. Jahrhundert kurzzeitig Hauptstadt der 
Algarve wie gut 500 Jahre zuvor Silves, die dritte Slow City der Region.
Auch hier ist das Bestreben präsent, das Alte für die Moderne aufzufrischen. Das oft beantragte Ausbaggern des Arade-Flusses dürfe nicht in Vergessenheit geraten, denn der Fluss gehört zur Stadt und eingebunden in Freizeitaktivitäten könne er zum Zentrum der Slow City-Idee am Fuße der Burg werden, heißt es in der Stadtverwaltung. Ferner möchte die Stadt Historie wieder in Erinnerung bringen, die in Vergessenheit geraten ist. Nur wenige wissen, dass Silves 1481 das Hochzeitsgeschenk des Königs D. João II an seine Gattin D. Leonor war, die mit dieser Liegenschaft zur reichsten Monarchin Europas wurde. Silves hat nicht nur maurisches Erbe.
Die vierte Algarve-Slow City, Tavira, steht neben so viel edler Vergangenheit nicht zurück und präsentiert sich als „Hauptstadt des Sotavento“. Wie São Brás als Metropole der Korkindustrie galt, war die Stadt am Rio Gilão Zentrum der Mandelzucht. Der Ort durchlebte eine wechselvolle Wirtschaftsgeschichte: Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die Bevölkerung der Region von der Pest heimgesucht. Die dadurch verursachte Dezimierung der Arbeitskräfte führte zum Verlust der Wirtschaftskraft. Zudem versandete der Fluss und mit ihm Taviras Bedeutung als Hafenstadt. Von der übrigen Welt abgeschnitten, war Tavira auf die die Landwirtschaft zurückgeworfen, was letztendlich für einige Generationen segensreich wurde.
In diesem Sinne demonstrieren die Slow Cities, wie die Aufmerksamkeit für die eigene Geschichte, für lokale Produkte und Industrie keine Einschränkung, sondern ein Gewinn werden kann. Dabei stellen sie den Erhalt gewachsener Ortsstrukturen neben modernste wissenschaftliche Erkenntnisse von Ökologie und Nachhaltigkeitsforschung. Für die Umsetzung und Reglementierung ist moderne Technik erlaubt und erwünscht.

Emanuel Sancho aus São Brás resümiert, die Slow Cities seien „vielleicht so etwas wie das Konzept utopischer Städte, wie sie auch schon viele Schriftsteller gedanklich geschaffen haben.“ Eine von ihnen dürfte sich angesprochen fühlen: Lídia Jorge, die Schriftstellerin aus Boliqueime beschrieb schon vor ein paar Jahren, was sie als „Wachstumskrise des Bewusstseins“ sieht: „Solange der Wohlstand steigt, kümmert man sich nicht um den Verlust bestimmter kultureller Werte.“ Dazu gehört auch der Luxus kleiner Extra-Vakanzen. Gleichzeitig wirbt die Autorin aus der Algarve um Verständnis für Unzulänglichkeiten auf dem Weg: „Die Algarve ist nur eine portugiesische Provinz. Erwartet von ihr nicht mehr, als sie geben kann.“

INFO:
www.cittaslow.org
www.slowmovementportugal.com/movimentos-slow/slow-cities-cittaslow/

Text: Henrietta Bilawer
ESA 09/15

Share.

Comments are closed.