Kulturhauptstadt Guimarães

Die Wochenzeitung Expresso platzierte Guimarães, Portugals erste Hauptstadt, auf der Liste der Orte mit den besten Lebensbedingungen an zweiter Stelle, gleichrangig allerdings auch als Stadt mit der höchsten Luftverschmutzung. Doch in diesem Jahr zählt nur die Rolle als ,,stolzer Wächter der Geschichte”

Wiege der Nation zu sein heißt, einen Ehrentitel zu tragen, der Verpflichtungen mit sich bringt. Die nordportugiesische Stadt Guimarães widmet sich dieser Aufgabe mit Plänen für die Zukunft, die aus der Historie erwachsen: 1143 wurde die Siedlung am Fuße der Serra da Penha erste Hauptstadt Portugals. Dies ist D. Afonso Henriques zu verdanken, dem ersten König des Landes. 1109 in Guimarães geboren, befreite er als Erbe des Fürsten von Portucale im Jahr 1128 die Grafschaft aus der Lehnsabhängigkeit von Kastilien-León und 1139 von der Mauren-Herrschaft, was die Gründung des Nationalstaates ermöglichte. 900 Jahre sind seit D. Afonso Henriques Geburt vergangen, 870 Jahre seit der Gründung Portugals. Die Stadt versteht sich als ,,stolzer Wächter der Geschichte” und nimmt das Jubiläum zum Anlass für international ausgerichtete Veranstaltungen, die am 18. Juni beginnen und symbolische 900 Stunden dauern, bis zum 25. Juli, dem Geburtstag des Herrschers. Unter dem Motto ,,Identität und Erinnerung” stellt sich Guimarães gleichzeitig als Europäische Kulturhauptstadt 2012 vor: Die Stadt wird sich die Rolle mit dem slowenischen Maribor teilen. ,,Wir beschäftigen uns mit einer der wichtigsten Figuren der Nationalgeschichte, die Stadt, Land und Menschen geprägt hat”, erklärt der Bürgermeister von Guimarães, António Magalhães. Alle Museen, Bibliotheken und das Stadtarchiv beteiligen sich mit eigenem Programm. D. Afonso Henriques regierte Portugal 57 Jahre lang, davon 45 als König ­ bis zum heutigen Tag die längste Regierungszeit eines portugiesischen Staatsoberhauptes. Die Historie soll in modernem Kontext und in unterschiedlichen Formen gezeigt werden, ,,gegenständlich oder abstrakt, zum Anfassen oder symbolisch” in Musik, Ausstellungen, Theateraufführungen, Lesungen, Bildhauerei und auch in Ritterspielen. ,,Wer genauer hinsieht, dem wird klar, dass unser erster König auch heute zu unserem Alltag gehört”, meint Bürgermeister Magalhães. Geschäfte, Straßen, Personen und das Stadion tragen D. Afonso Henriques Namen. Die 900 Kulturtage sind auch ein Versuch, dem Nationengründer optisch näher zu kommen. Der Bildhauer António Soares dos Reis (1847 – 89) stellte D. Afonso Henriques in einer Bronzestatue dar, die bis heute im ganzen Land als wahres Abbild des Königs gilt. Die Skulptur steht in der Nähe des Herzogspalastes, eine Nachbildung im Innenhof des Lissabonner Castelo de São Jorge. Tatsächlich beruht das Bild wie alle anderen Zeichnungen oder Figuren auf reiner Phantasie; aus der Lebenszeit des Königs ist keine Darstellung überliefert. Mit der Ausstellung ,,Os rostos de Afonso Henriques” will die archäologische Gesellschaft Sociedade Martins Sarmento nun die zahlreichen Gesichter (auch im übertragenen Sinne) des Königs ergründen, wie sie in Kunst und Kultur des Landes abgebildet sind. Die Bildnisse aus den letzten Jahrhunderten dürfen als eher Ausdruck überlieferter Charaktereigenschaften gewertet werden, sie beruhen auf mündlichen und schriftlichen Berichten. Der König muss Dokumenten zufolge groß gewesen sein, kannte Sieg und Niederlage, war mutig, doch mit einer vernünftigen Dosis Vorsicht, war rau zu seinen Gegnern, aber großmütig in Friedenszeiten, das erfuhren selbst die Besiegten. D. Afonso Henriques hatte drei Frauen und mit ihnen zwölf Kinder. Vieles andere ist Spekulation. Der jeweilige historische Kontext bestimmte die Sichtweise. Das bestätigt auch João Cutileiro, von dem eine moderne Steinplastik stammt: Sein Werk sei von seinen Schulbüchern in den 1940er Jahren inspiriert, sagt der Künstler.
Tief in die Persönlichkeit des Staatsgründers will das Theater Titanick vordringen. ,,O Sonho de Afonso” (,,Afonsos Traum”) wird das historische Fest beschließen. Das Ensemble entstand 1990 in einer Kooperation von Künstlern aus Leipzig und Münster und hat mittlerweile als Straßentheater internationales Renommée. In ,,Bilderwelten, die für alle Kulturen verständlich sind”, wollen dreißig Schauspieler und ebenso viele Freiwillige aus Guimarães die Straßen der Stadt mit Licht, Wasser und Zeichnungen verzaubern. Das Stück ist für die Festlichkeiten in der Stadt geschrieben und wird Passanten in die Handlung mit einbeziehen.

Henrietta Bilawer

ESA 06/09

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