Surfonomics

Surfen ist kein Hobby, sondern ein Lebensgefühl. Daran hat sich nichts geändert, seit der Abenteuer-Schriftsteller Jack London vor hundert Jahren auf Hawaii den ersten Surf-Klub der Welt gründete. Moderne Surfer erkunden im Vorfeld ihrer Reise die Details der Zielorte noch genauer als andere Urlauber und die Welt des Wellenreitens wird Gegenstand ökonomischer Studien

Gewinner der afghanischen Surf-Meisterschaft ist der 27jährige Afridun Amu. Diese Meldung vermutet man nicht unbedingt in der portugiesischen Sport-Berichterstattung, doch es gibt einen Anlass: Das Event fand jetzt im portugiesischen Ericeira statt, etwa fünfzig Autominuten nordwestlich von Lissabon. Zuvor trugen österreichische Surfer ihre Landesmeisterschaft in Ericeira aus. Surfer gibt es eben in allen Ländern, Küsten jedoch nicht und Ericeira ist eine besondere Küste: Der US-Nachrichtensender CNN setzte den Ort mit dem dichtesten Netz an Surfschulen und -Ausrüstern auf der Iberischen Halbinsel auf die Liste der fünfzig besten Surfspots weltweit.
Zudem ist Ericeira Europas einziges offizielles Surf- Schutzgebiet. Die Organisation World Surfing Reserves (WSR) vergibt diesen Titel nach dem Vorbild des UNESCO-Welterbes als Anerkennung und zum Schutz von herausragenden Surfspots und ihrer Umgebung, für Qualität und Beständigkeit der Wellen. Der Titel bringt weder Geld noch verbindliche Auflagen, aber er erreicht Sportler wie Afridun Amu. Der afgha-nische Wellenreiter und Gründer der Wave Riders Association of Afghanistan lebt in Berlin und lobt die Welle der Sympathie für den Nationen verbindenden Surfsport in Portugal. Ericeira surft auf der Woge des Erfolgs.

Ökonomen registrieren solche Entwicklungen und betreiben ‘Surfonomics’: „Die Bestimmung des wirtschaftlichen Wertes einer Welle im Hinblick auf die Planung von Infrastruktur, Umwelt- und Küstenschutz“, erklärt Maria Bernal von der Madrider Universidad Autónoma, die auf der Iberischen Halbinsel Daten sammelt und auswertet. Surfen finde in Markt-Analysen seltener Beachtung als etwa Radsport-Angebote, Wanderweg-Netze oder der Angelsport, so Bernal, die selbst als Sportlerin aktiv ist. Dabei gibt es weltweit über 100.000 Profisurfer, die sich maßlos auftürmendes Wasser und Wellen wünschen, die mit großer Kraft einrollen. Geschätzte zwanzig Millionen Hobby-Wellenreiter suchen geschützte Buchten, in denen die Wellen ihre Wucht verlieren und sanfter an den breiten weichen Sandbänken brechen. Sie alle reisen gerne und auch gerne weit, auf der Suche nach der perfekten Welle oder zumindest nach Surfzonen mit optimalen Rundum-Bedingungen. Laut Statistik ist der typische Surfer männlich, um die Dreißig, besitzt höhere Bildung und ein mittleres Einkommen. Er reist mit Gleichgesinnten, die sich selbst versorgen, Kosten teilen und vier Nächte an einem Ort bleiben. Dabei gibt jeder von ihnen im Schnitt pro Tag 120 Euro für Verpflegung, Unterkunft (in erster Linie auf dem Campingplatz, gefolgt von Ferienwohnungen und kleinen Pensionen) sowie für Einkäufe aus, die meist unmittelbar mit dem Surfen verbunden sind. Die Entwickler des Surfonomics-Konzepts raten Kommunen mit Surfzonen zu einer kommerziellen Konzentration auf spezifische Angebote für die Surf-Gäste und zu einer Kosten-Nutzen-Analyse der Anpassung der Infrastruktur: „Surfer sind gut vernetzt und Nachrichten über einen Surfspot gehen schneller um die Welt als Berichte über Urlaubsziele traditioneller Touristen“, bestätigt Hobbysportlerin Bárbara Neves, die an ihrem Algarve-Hausstrand Zavial auch schon Neuseeländer traf, die Portugals Reef-Breaks ausprobieren wollten.

Dreh- und Angelpunkt für die Zukunft des Surfsports ist aber der Umweltschutz. In einer entsprechenden Umfrage antworteten nahezu alle Befragten, dass die schönste Landschaft, die beste Infrastruktur und die nettesten Gastgeber ohne die begehrten Wellen kaum Wert besäßen. Deshalb ist der Uferschutz wichtiger Bestandteil der Surfonomics. Eingriffe in die Natur können verheerend wirken: Sandaufschüttungen an Stränden beeinflussen die ufernahe Strömung ebenso wie das Ausbaggern von Hafenbecken, selbst wenn der Surfspot ein paar Kilometer entfernt ist. Sandbänke können nach dem Ausbaggern ihre Form verändern, was direkten Einfluss auf Wellenbildung und Brandungsgürtel hat. Als warnendes Beispiel dient der Surfspot Jardim do Mar auf Madeira: „Der war ganz großartig, aber seit dort eine Uferpromenade aus Beton gebaut wurde, ist die Welle kaputt. Surfonomics erforscht Wege für eine friedliche Koexistenz an der Küste“, sagt Bárbara. Doch Verständnis für die Natur zu fördern, sei gar nicht so einfach, denn ‘Natur’ sei inzwischen „ein zu oft benutztes, abgenutztes Marketingtool“.
Der Verband der Surfschulen an der Costa Vicentina (AESCV) veranstaltet regelmäßig Aktionen für einen nachhaltigen Surfsport – und kritisiert durchaus auch die eigene Klientel: Die Zahl der Gäste in dem schnell wachsenden Tourismuszweig und die parallel dazu enorm gestiegene Zahl von Surfschulen und Veranstaltern müsse behutsam gelenkt werden: „Aktivstrandurlaub ja; Massentourismus nein.“ Eine Obergrenze für die Zahl der Surfschüler wird mancherorts diskutiert. Die Attraktivität eines Surfspots darf dessen Ursprünglichkeit nicht gefährden. Im ökologischen wie im ökonomischen Interesse: „Wenn die Beach Breaks im Sommer überfüllt sind und die Leute für den Wellenritt Schlange stehen, fahren sie enttäuscht nach Hause.“
An der Westküste der Algarve befinden sich einige der ältesten Surfschulen des Landes, die als Pioniere des Surfsports in Portugal schon immer auf Sicherheit für Sportler und Umwelt sorgten. Im Internet-Reisemagazin MatadorNetwork beschrieb der australische Surfsportler Rhys Stacker die Algarve-Küste vor Lagos als eines der besten Surfgebiete auch für Anfänger und empfiehlt die Strände von Sagres und Arrifana zum Wellenreiten. Nördlich von Sagres reiht sich ein guter Surfstrand an den nächsten. Meia Praia in Lagos, Albufeira und Vilamoura werben mit der sanften Welle für Anfänger. Und die Praia da Carrapateira nahe Aljezur befindet sich neben Ericeira als zweiter Ort in Portugal gleichfalls auf der Liste der fünfzig weltbesten Surfspots.

Weiter nördlich, in Nazaré bei Leiria, stürzt sich Pedro in die Fluten. Er sei „seit Jahren ein erfolgloser Anfänger“, sagt er uneitel. Er liebe es einfach, die Welle anzupaddeln, sich dann aufs Brett zu schwingen, zu gleiten und für ein paar Momente Herrscher über den Wellenkamm zu sein, bis das Wasser ihn wieder von seiner Glasfaserplanke spült. Er trainiert für einen Sprung über den Kamm der Welle, fast so wie Skateboarder in der Halfpipe, doch „so wie er werde ich nie.“ Er, das ist Garrett McNamara. Der US-Surfer ist in Portugal so etwas wie ein Held, seit er 2011 an der Praia Norte in Nazaré die offiziell bestätigt höchste bisher weltweit gesurfte Welle ritt, 23 Meter hoch. Der Extremsportler reitet auch Flutwellen kalbender Eisberge in Alaska, aber für Pedro zählt, dass Nazaré durch McNamara einen prominenten Platz auf der touristischen Surf-Weltkarte bekam.
McNamara surfte im November, im Herbst, wenn der Atlantik erwacht und überdurchschnittliche Wellen rollen und er drehte in Portugal einfühlsame Sport- und Umweltfilme. All das dient Gemeinden, deren Küste mit einer Geomorphologie und einer Dünung gesegnet ist, die zum Surfen geeignete Wellen entstehen lassen und markante Bilder liefern: Dem Fotografen António Manuel Silva gelang ein famoser Schnappschuss von McNamaras hasardierendem Ritt auf der Gischt. Das Bild gehört zu den Sportfotos, die die sozialen Netzwerke weltweit am schnellsten durchliefen. Auch das ist Bestandteil von Surfonomics – der raue Atlantik ist nicht nur Tummelplatz für Wassersportler: Schaulustige reisen zum Teil von weither an um die Naturgewalten zu beobachten und die, die sich wagemutig auf sie einlassen. So wird selbst die Hoffnung auf eine kurzlebige Optik Teil des Geschäfts.
Text: Henrietta Bilawer
ESA 07/2015

Info:
matadornetwork.com/trips/surfers-guide-to-the-algarve-coast-portugal
www.facebook.com/ericeirafirstworldsurfingreserve

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