Made in Algarve

Ferox-Surfbretter

Die in der Serra do Caldeirão liegende Hinterlandgemeinde São Brás de Alportel bringt man nicht mit Strand und Meer in Verbindung. Geschweige denn mit Wellenreiten. Dennoch arbeitet dort einer der besten Shaper Portugals

Seit nunmehr 15 Jahren stellt Octávio Lourenço Surfbretter her. Wie so oft im Leben spielte der Zufall eine Rolle. Als er in den 1990er Jahren am Strand von Tavira als Rettungsschwimmer arbeitete, waren Surfer eher eine Seltenheit an der Algarveküste. An einem Tag mit Levante, dem starken Südostwind, hatten er und sein Kollege schon mehrere Badegäste retten müssen und waren erschöpft. „Ich schwamm mit einem Brett raus, um ein zweites draußen im Meer an den Absperrseilen zu befestigen, mit dem ich Badegäste in Not aus dem Wasser ziehen könnte“, erzählt er. Um zurück an Land zu kommen, wartete er eine Welle ab und ließ sich von ihr auf seinem Brett an Land tragen. „Dieser Augenblick, diese Welle veränderte für immer mein Leben“, erinnert er sich. Surfen gehört seitdem zu seinem Alltag und bis zur Herstellung der Bretter und der Gründung seines Unternehmens Ferox war es auch nur ein kleiner Sprung. Nach dem Sommer nahm Lourenço dann wieder sein Kunststudium in der Universität von Caldas da Rainha auf. Nicht weit entfernt liegt Peniche, einer der konstantesten und beliebtesten Surfspots Europas. Der junge Algarvio verbrachte seine Zeit zwischen der Uni und den Wellen von Peniche. Für die großen Wellen kaufte er sich ein neues Surfbrett, in der Algarve teilte er sich eins mit einem Freund. „Dieses war so alt, dass es ständig zerbrach“, erzählt er. „Wir hatten wenig, beziehungsweise gar kein Geld, aber die Not macht ja bekanntlich erfinderisch, also reparierten wir das Brett selbst“. Von da an war er besessen davon, Surfbretter selber herzustellen. „Das Internet war damals nicht so weit verbreitet. Ich konnte nicht einfach in der Suchmaschine „Surfbretter herstellen“ eingeben, sondern hatte als Anhaltspunkt lediglich die Bilder in den Surfmagazinen, die auch nicht an jeder Ecke zu finden waren“, erinnert er sich lächelnd. Er lernte viel durch Experimentieren und „vor allem durch Fehler“. Sein erstes Brett hängt an der Wand der Surfboardwerkstatt. Bei der Bemalung dieses ersten Brettes, schwarzer Hintergrund mit großen roten Blumen, spielten Lourenços Kindheitserinnerungen eine große Rolle. „Wir waren als Kinder immer mit unseren Eltern an der Küste zelten, und meine Mutter hatte uns aus einem Stoff mit solchen Blumen kleine Matratzen gemacht. Daher sind diese Blumen für mich eng mit Sonne, Strand und Meer verbunden“, erklärt er. So kam ihm die Idee, als Abschlussarbeit für die Universität statt Gemälden Surfbretter einzureichen und liebäugelte mit der Vorstellung, sich sein Leben mit der Herstellung von künstlerisch gestalteten Surfbrettern zu finanzieren. Es folgten einige Bretter für Freunde und schließlich für einen Bekannten, der bei Peniche einen Surfshop hatte. „Er bestellte drei Bretter und nur drei Tage nach der Lieferung rief er an, um weitere fünf zu bestellen“. Ferox wurde ins Leben gerufen. Wieso in São Brás de Alportel und nicht in Peniche? „Ich bin ein Algarvio und kann ohne meine Algarve, ohne die Sonne und das Meer nicht leben“. Wieso dann nicht Sagres oder Aljezur? Irgendein Ort an der Küste? „In São Brás bin ich zu Hause. Außerdem liegt es auch nicht so weit weg von der Küste und die Verbindungen sind gut“. Zu guter Letzt spielte natürlich auch die alte Korkfabrik seines Großvaters eine Rolle bei der Entscheidung, da er dort mietfrei arbeiten kann. Obwohl Lourenço sich für einen Sitz weit abseits der großen Surfzentren Portugals entschied, gehört er mittlerweile zu einem der drei besten Shaper Portugals, sponsert einige Profi-Surfer aus der Algarve, darunter den international bekannten Alex Botelho, und hat Kunden aus der ganzen Welt, wie z.B. einen US-Amerikaner aus Kalifornien, der in seiner Heimat von Ferox gehört hatte, die Algarve besuchte und glücklich mit seinem neuen Brett die Werkstatt verließ. Marketing, eine Werbeagentur oder ein aufwendiger Webauftritt waren bisher nicht nötig, nur Qualität und Mund-zu-Mund-Propaganda. Lourenço stellt nämlich nur Custom-Made Surfbretter her, d.h. Einzelanfertigungen, die individuell auf Gewicht, Größe, Schuhgröße und Fähigkeit angepasst werden, um für den jeweiligen Surfer optimale Performance und Kraftübertragung zu bieten. Ganz im Gegenteil zu den bereits fertigen Boards von der Stange. Man nennt sie „Stockboards“, die in der Regel für die Maße eines Durchschnittssurfers gefertigt werden. Doch ein 90 kg schwerer, 1,90 m großer Surfer mit Schuhgröße 46 beansprucht sein Board ganz anders als ein 70 kg, 1,80 m großer Surfer mit Schuhgröße 43. Ein Anfänger braucht ein stabileres, längeres Brett, während Profisurfer kleinere und dadurch wendigere bevorzugen. Selbst wo man Wellen reitet, spielt eine Rolle. Für die Monsterwellen in Nazaré oder Peniche braucht man ein robusteres Brett als für die Südküste der Algarve. Lourenço weiß, dass „das Surfbrett das Heiligtum vieler Surfer ist“ und dass nur durch das genaue Anpassen des Surfboards an die Anforderungen des Surfers eine optimale Kraftübertragung gewährleistet wird. „Daher ist es auch sehr wichtig, dass man bei der Bestellung genaue und ehrliche Angaben macht“, so Lourenço. Selbst die Bemalung erfolgt nach Wunsch des Kunden. Trotz des Erfolgs ist Lourenço stets bemüht, sich weiter zu entwickeln und neue Produkte zu schaffen. Vor kurzem stellte er zusammen mit Praktikanten der lokalen Schule zwei Surfbretter aus alten Weinkorken her. „Es war ein alter Traum von mir. Eine Hommage an São Brás. Aber mir fehlte die Zeit es umzusetzen, denn dafür mussten Hunderte Korken aneinander geklebt werden, um den Block zu formen, aus dem wir dann das Brett geschnitten und geschliffen haben. Alles per Hand“, erklärt er. Die Kork-Surfbretter waren ein Riesenerfolg und mehrere Medien berichteten darüber. Eines ist in der Werkstatt, das andere behielten die Schüler. Es gibt sogar schon Bestellungen: „Nicht zum Surfen, sondern als Deko-Objekt für ein Restaurant, denn Kork ist zwar sehr flexibel und eignet sich daher perfekt für große Wellen, doch das Material ist schwerer als das sonst für die Herstellung benutzte Polyurethan.“ Lourenço gibt jedoch nicht auf und ist dabei, einen Prototyp aus Kork zu entwickeln – sowie vier weitere, über die er jedoch nichts verraten will. Man sollte also Ausschau nach dem Ferox-Logo halten, denn es steht für innovative, künstlerische und hoch qualitative Surfbretter Made in Algarve.

Anabela Gaspar

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