Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Behinderten

Eine Kämpfernatur

Vom 19. – 28. Juli finden in Lyon, Frankreich, die Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Behinderten statt. Der gebürtige Tavirense Nélson Gonçalves ist einer der Athleten, die Portugal vertreten werden

Nélson Gonçalves wurde am 22. Juli 1975 in Tavira mit Aniridie geboren. Eine seltene, angeborene Hypoplasie der Iris des Auges, d.h., das Fehlen der Regenbogenhaut. Die Krankheit tritt meistens zusammen mit grünem und grauem Star auf und führt zum Verlust des Seh-vermögens. Im Laufe der Jahre verschlechterte sich Nélsons Sehvermögen zunehmend, vor allem nach einer Augen-Operation, der er sich mit 15 Jahren unterzog. Mit zirka 25 Jahren erblindete er komplett. Er gab sich jedoch nie geschlagen. „Wut hätte mir nichts gebracht. Die einzige Lösung lag darin mich vorzubereiten, denn ich wusste, dass ich früher oder später erblinden würde“, sagt er gelassen. Dank seines starken Willens führt er ein – soweit wie möglich – unabhängiges Leben. Seit 1998 ist er im Rathaus von Tavira als Telefonist angestellt, 2005 heiratete er und seit 8 Monaten ist er stolzer Vater eines kleinen Jungen. Zudem repräsentiert er seit 1999 Portugal als Leicht-athlet in den Sportarten Kugelstoßen und Diskus- und Speerwurf. Gleich bei seiner ersten Teilnahme bei den Europäischen Meisterschaften der Behinderten 1999 gewann er eine Bronzemedaille. 2012 nahm er an den Paralympischen Spiele in London teil. Mittlerweile belegt er im Weltranking beim Speerwurf F11 den 5. Platz, beim Kugelstoßen F11 den 11. Platz und beim Diskuswurf F11 den 14. Platz. Seine persönliche Rekorde (Speerwurf 34,5 m, Diskuswurf 30,13 m und Kugelstoßen 10,58 m) sind auch Portugals Rekorde. Keine schlechten Ergebnisse für einen Athleten, der sein Leben lang kämpfen musste und praktisch keine Unterstützung hat. Seine Probleme begannen damit, dass bei seiner Geburt die Aniridie nicht diagnostiziert wurde. Als er drei Jahre alt war, merkten seine Eltern, dass er schlecht sehen konnte. Die Ärzte stellten seine Krankheit fest, konnten jedoch nicht helfen. Nélson lebte im kleinen Dorf Santa Catarina. Dort besuchte er ab seinem sechsten Lebensjahr die Grundschule. Zwar stand ihm eine Begleit-Lehrerin zur Verfügung, aber sie hatte nicht die Mittel, um ihm helfen zu können. „Sie tat ihr Bestes, suchte nach Alternativen wie Hefte mit fetten Linien, dickere Stifte und brachte mir Schreibmaschineschreiben bei“, erinnert er sich. Zweimal musste er in der Grundschule eine Klasse wiederholen. Auch ab der 5. Klasse gab es für ihn weder Braille Bücher noch –Schreibmaschinen. „Das einzig Positive am Wechsel von der Dorfschule zur Schule nach Tavira war, dass ich etwas ungehemmter wurde“, erzählt Nélson. Die 12 km Schulweg zwischen Santa Catarina und Tavira machten ihn zudem unabhängiger. „Den Weg von Zuhause bis zur Bushaltestelle und dann in Tavira bis zur Schule musste ich alleine bewältigen“, erzählt er weiter. Er besuchte die Schule jedoch nur bis zur 8. Klasse. Nach der Augen-OP, die im ersten Moment erfolgreich gewesen zu sein schien, wurde sein Sehvermögen jedoch erheblich schlechter. „Ich sah praktisch nichts, hatte nicht die Mittel, um weiter studieren zu können, war wegen der OP frustriert und beschloss, dass es Zeit war, Geld zu verdienen“. Er arbeitete mit seinem Vater auf dem Land und half auch seiner Mutter beim Verkauf des hausgemachten Käse. Mit 17 Jahren machte er eine Telefonisten-Ausbildung für Behinderte in der Stiftung Irene Rolo. Vier Jahre später ging er in das Rehabilitationszentrum N. Sra. dos Anjos in Lissabon, wo er endlich die Blindenschrift lernte, die Bewältigung der täglichen Hausarbeiten wie Kochen und Putzen, und vor allem mit dem Blindenstock zu gehen. Drei Monate später nahm er erneut an einer Ausbildung zum Telefonisten teil, diesmal beim Verein APEDV, der ausschließlich Sehbehinderten Ausbildungen anbietet. „Meine Rückkehr in die Algarve im Jahr 1998 war nicht einfach“, erinnert er sich. „Die Menschen hier betrachteten Sehbehinderte als minderwertig. Ich musste mich durchsetzen. Wollte beweisen, dass ich wie alle anderen bin, dass ich auch ein lebensfähiger Mensch bin“. Statt aggressiv zu reagieren, entwickelte er sich zu einem gut gelaunten Menschen, der allem positiv gegenübersteht und ein sehr freundliches Wesen hat. „Dies war der Weg, den ich fand, um mich in meinem Leben und mit meinen Mitmenschen wohl zu fühlen“, erklärt Nélson. 1998 begann er im Rathaus von Tavira zu arbeiten. Durch einen Kollegen, der ebenfalls blind ist, probierte er noch im selben Jahr im Oktober das erste Mal Kugelstoßen im Sportverein Clube Vela de Tavira. Zwei Jahre später wechselte er zum Sportverein Pic Nic in Vila Real de Santo António und begann mit Hélder Silva zu trainieren. Die beiden sind bis heute unzertrennlich und erreichten bereits mehrere gute Platzierungen bei nationalen und internationalen Wettkämpfen. „Mit meiner sportlichen Aktivität kann ich den Stress abbauen“, erklärt er und fügt lächelnd hinzu „außerdem habe ich die Möglichkeit, Auszeichnungen und Medaillen zu gewinnen, was stets gut für das Selbstbewusstsein ist“. Er bedauert nur, dass behinderte Athleten in Portugal praktisch keine Unterstützung erhalten. Ausrüstungs- und Transportkosten für sein Training übernimmt er selbst. Fünf Tage die Woche trainiert er. Zwei Mal mit seinem Trainer, dreimal mit seinen Blindenführern, das sind seine Frau und sein Bruder. Für die Software seines Computers und seines Handys musste er selbst aufkommen. „Um eine finanzielle Unterstützung der Sozialversicherung für meine Braille-Schreibmaschine zu erhalten, musste ich Monate kämpfen“, erinnert er sich. Aber er gibt nie auf. Außerdem kämpft Nélson nicht nur für sich, sondern setzt sich auch für andere ein. 2002 war er einer der Gründer einer Zweigstelle des Blinden- und Sehbehindertenvereins ACAPO in Tavira. Zudem war er auch Leiter der Filiale von CNAD in Tavira, eine Institution zur Unterstützung von Behinderten. ESA wünscht Nélson, dass er aus Lyon mit einer Medaille im Gepäck zurückkehrt.

Anabela Gaspar

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