Die Ultras

So weit die Füße tragen

Wer meint, der klassische Marathonlauf sei das Höchstmaß des verkehrsmittelfreien Renn-Sports, sollte den Ultramarathon kennenlernen. In Portugal gibt es begeisterte Amateure, international vielversprechende Athleten und viele einmalige Laufstrecken

Während sich Sportler auf die Olympischen Spiele vorbereiten oder Fußballtore schießen, widmen sich ganz Hartgesottene einer Distanz, die den sagenumwobenen Lauf des Boten Pheidippides nach der Schlacht um Marathon zur Kurzstrecke degradiert: In Portugal finden in diesem Monat gleich mehrere Ultramarathons statt. Dazu zählen laut Definition des Dachverbandes der internationalen Leichtathletikverbände (IAAF) Läufe, die länger als die Marathonstrecke von 42,195 km sind. Tatsächlich überwinden Extremläufer meist ein Vielfaches dieser Distanz.
Strecken verdanken ihren Ruhm nicht nur der Länge. Sie punkten mit landschaftlicher Schönheit und besonderen Herausforderungen, wie etwa der West Highland Way Race zur Sommersonnenwende über 152 km im schottischen Hochland (Strecken-rekord: knapp 16 Stunden) und der Spartathlon von der Akropolis in Athen zur Leonidas-Statue in Sparta – die 246 km müssen in 36 Stunden bewältigt werden, die Schnellsten schaffen es in 24 Stunden. Der Dead2Red-Lauf überwindet 242 km vom Toten zum Roten Meer. Der Badwater Ultramarathon führt über 217 km Strecke und 2.530 Höhenmeter vom kalifornischen Tal des Todes hinauf zum Mount Whitney, alljährlich im Juli, wenn das Thermometer 50 Grad anzeigt. Berühmt ist der Marathon des Sables über eine jährlich neu ausgelegte 230 km-Strecke in der Sahara, zu laufen in sechs Etappen.
Carlos Sá hat den Ultra im sengenden Wüstensand mehrmals bewältigt, ebenso den Badwater, bei dem er 2013 nach 24 Stunden und 38 Minuten als Erster durchs Ziel ging. Bei weiteren zwei Dutzend internationalen Distanzen, die Portugals bekanntester Ultramarathonläufer seit 2010 jährlich absolviert, war er stets unter den ersten vier. Gerade ist er von einem Trainingslauf in Grönland zurückgekehrt. Der 42-Jährige aus Barcelos hat Spaß an Sport mit Risiko. Er fuhr Mountainbike-Rennen, entwickelte eine Leidenschaft fürs Bergsteigen und bezwang die höchsten Pyrenäengipfel und drei Fünftausender in Peru. Der Ultramarathon kam später. Damals war der gelernte Textiltechniker arbeitslos: „Der Sport half, emotionale Tiefs zu überwinden“, erinnert sich Carlos Sá. Heute betreibt er den Sport als Beruf und veranstaltet außerdem Trainingslager und Sport-Aktivitäten in der Natur. Seine internationalen Erfolge machten Sponsoren auf ihn aufmerksam. In der Publikumsgunst erreicht Sá seine Idole, die portugiesischen Langstreckenchampions Carlos Lopes und Rosa Mota.

In diesem Monat läuft Carlos Sá einen Ultramarathon im eigenen Land, dessen Name für sich spricht: ‘Oh Meu Deus’ bietet drei Läufe über 70 km, 100 km und 160 km durch die Serra da Estrela (3. – 5. Juni; www.ohmeudeus.com). Portugals längster Marathon führt durch eine Natur, wie sie abwechslungsreicher kaum sein könnte: Felsen, bemooste Wege, Bachläufe, Wälder, karge Hochplateaus. Mal geht es locker durch die Landschaft, ein anderes Mal kann man Felsbrocken nur auf allen Vieren überwinden. Auf sanft durch die Landschaft schlängelnde Pfade folgt hier eine starke Steigung, dort ein steiles Gefälle. Der Duft von Wildblumen steigt in die Nase, Echsen flitzen zwischen Steinen und trotz Konzentration auf den Trail finden Läufer die Muße, das Panorama zu genießen. Zu Ultramarathons lassen die Veranstalter nur erfahrene Läufer zu. Ein ärztliches Attest muss bei der Anmeldung vorgelegt werden. Beim ‘Oh Meu Deus’ gibt es aber auch 20 km- und 40 km-Läufe für Sportler mit etwas weniger extremen Ambitionen, deren Zahl in Portugal quer durch alle Altersgruppen sprunghaft zunimmt. Zudem entdecken immer mehr Sporttouristen das Land für Langstreckenläufe.
Die ‘Oh Meu Deus’-Läufe versprechen „Adrenalin, Natur und eine Reise durch die Sinne.“ Was denkt man beim Laufen? Denkt man überhaupt? Lenkt man sich ab? Die Belastung ist enorm. Ultraläufer verbrauchen pro Stunde etwa 600 Kalorien und trinken während des Laufs an die zwanzig Liter, um nicht zu dehydrieren und einen klaren Kopf zu behalten. Portugals Langstrecken erfordern aber keine so rigorose medizinische Vorbereitung wie etwa der Jungle Marathon über 254 km im brasilianischen Regenwald, den Carlos Sá vergangenen Herbst lief – mit wissenschaftlichem Auftrag. Forscher der Hospitalkette 
CUF und ein Orthopäde begleiteten Training und Lauf. Die gesammelten Daten liefern Erkenntnisse 
für die Medizin.
Woher kommt die Motivation, wenn man die 
unvermeidlichen gewaltigen Blutblasen an den Füßen und den Tiefpunkt schon kennt, der nach etwa 30 Kilometern erreicht ist. Dann sind die gespeicherten Kohlenhydrate aufgebraucht und der Körper beschafft sich die nötige Energie durch Fettverbrennung. Das kostet viel Sauerstoff und erhöht die Anstrengung: Der Atem wird flacher, der Körper bleiern und die Beine unendlich müde. Von da an finde das Laufen „im Kopf statt. Man muss sich selbst besiegen und führt ja keinen Kampf gegen einen unbekannten Gegner, sondern setzt sich mit dem eigenen Körper auseinander“, erklärt Carlos Sá. Der Gedanke an die guten Wünsche helfe, die Freunde und Familie mit auf den Weg geben und an Hürden, die man im Leben gemeistert hat.
Extremläufe seien wie ein Grenzgang zu sich selbst, sagt Carlos Sá und beschreibt das programmierbare Ich: Wer zum 20 km-Lauf antritt, stellt sich darauf ein und kann es bewältigen. Sagt man ihm am Ziel, dass er weitere 50 km laufen solle, wird er daran scheitern. Nimmt er sich aber gleich von Anfang an die 70 km vor und zerlegt sie mental in Teilstücke, bringt das Gehirn Erwartung und Fähigkeit in Einklang. Dann könne man es schaffen. Je näher man dem Ziel komme, desto frischer und schneller werde man. „Irgendetwas in uns schaltet dann auf Autopilot, bis zum Schluss. Danach geht aber oft kein einziger Schritt mehr.“ Wer das Ziel erreiche, spüre eine gigantische Euphorie, die bald einer Zen-artigen inneren Ruhe weiche.
Ein Läufer dürfe aber „die Warnblinkanlage des Körpers nicht ignorieren. Wenn die Ressourcen aufgebraucht sind oder das Klima zur Gefahr wird, muss man erkennen, dass jeder weitere Schritt der letzte sein könnte und aufhören – auch 500 Meter vor dem Ziel. Aus solchen Situationen lernt man am meisten.“ Erfolg bestehe „zu 60 Prozent aus mentalen Fähigkeiten, zu einem Drittel aus Training, der Rest ist Intelligenz.“ Solche Erkenntnisse sind auch abseits der Laufstrecke gefragt: Die Deutsche Bank und Microsoft haben Carlos Sá als Motivationstrainer engagiert.
Ultramarathons sind emanzipatorisch. Auf Sprintstrecken sind Frauen chancenlos gegen die schnellsten Männer. Je länger aber die Distanz ist, desto geringer wird der Unterschied der Lauf-Zeit. Carlos Sá betont einen weiteren Aspekt: „Beim Ultramarathon benötigen Mit-Läufer manchmal Hilfe. Bei uns herrscht viel weniger Konkurrenz als bei anderen Sportarten. Wir erleben Fürsorge und Kameradschaft.“

Portugal ist auf dem besten Wege, ein Marathon–Mekka zu werden. In der Algarve werden geeignete Trails nahe Alcoutim und Silves ausgearbeitet. Ein knappes Dutzend portugiesischer Ultramarathonläufer hat international Spuren hinterlassen und so gelang es, eine Weltmeisterschaft ins Land zu holen: Der Naturpark 
Peneda-Gerês wird Austragungsort des Trail World Championship (29.10.16; tinyurl.com/WM-Trail). 
Carlos Sá meint, dass „unsere Trails zu den besonders prächtigen Strecken zählen, die gleichzeitig sehr anspruchsvoll sind.“ Das ist wichtig, denn der Leitgedanke aller Ultraläufer ist: Wurde ein Ziel erreicht, muss das nächste schwerer erreichbar sein.

Alle Marathonläufe in Portugal 2016: marathons.ahotu.com
Suchwort: Portugal. Langstreckentrails 10 km – 160 km, Ausflüge, Naturtourismus: carlossanatureevents.com Allgemeine Info: fb/Carlos Sá – Ultra Runner

 

Text: Henrietta Bilawer; Foto: Carlos Sá
In ESA 06/16

 

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