Klettern an der Steilküste

Strand, Sonne, Küste und Meer ­ mal ganz anders erleben? Dann begleiten Sie uns hoch hinaus: zum Klettern an die Steilküste

Das Meer schlägt weit unter mir gegen die Felsen, die Sonne brennt auf der Haut, zwei Meter neben mir sitzen zwei Möwen und betrachten interessiert, wer sich in ihr Gebiet vorgewagt hat. In der Ferne leuchtet der Leuchtturm des Cabo da Roca weiß in der Sonne. Die Beine zittern vor Anstrengung, während meine Hände sich vorsichtig weitertasten. Nicht jeder Stein ist stabil, nicht jeder Felsvorsprung bietet sicheren Halt, Teile des Felsens sind porös. Wenn ich mich an der falschen Stelle festhalte, rutsche ich ab. Angst spüre ich trotzdem nicht, obwohl ich fast 100 Meter über dem Meeresspiegel in einer Felswand hänge. Schließlich werde ich von einem Profi gesichert. Mein Kletter-Guide Bruno Monteiro klettert seit sieben Jahren und kennt die ,,Noiva”, die wir gerade erklettern, 32 genau. Rund 30 Mal hat er ,,die Braut” schon erklommen, für eine Anfängerin wie mich sei sie gerade richtig. Wir klettern in einer so genannten Seilschaft, einer ,,cordada”, unsere Klettergurte sind über zwei Seile miteinander verbunden. Meine Aufgabe ist es, Bruno immer so viel Seil zu geben, dass er bei seinem Vorstieg nicht behindert wird und ihn bei einem möglichen Absturz zu sichern. Dafür befestigt er in regelmäßigen Abständen Zwischensicherungen im Felsen, die er mit Klemmkeilen in den Felsspalten anbringt. Im Falle eines Sturzes würde er nur so weit unter die letzte Zwischensicherung fallen, bis das Seil dessen Ende ich halte, gestrafft ist. Die Aufgabe des Vorsteigers ist wesentlich schwieriger und gefährlicher als die des nachfolgenden Kletterers. Bruno muss die Qualität des Felsens einschätzen, die Sicherungen richtig anbringen und einige Strecken völlig ungesichert klettern. Ich folge erst, sobald er einen sicheren Standplatz (reunião) eingerichtet hat. Dann dreht sich der Spieß um. Bruno zieht beide Seile nach oben bis sie gespannt sind und ich klettere hinterher. Da ich von oben gesichert werde, kann selbst im Falle eines Sturzes nichts passieren. Das Gefühl oben anzukommen, ist fantastisch, ich bin völlig euphorisch, auch wenn meine Beine schlimmer aussehen als von einem Fußballprofi. Abschürfungen an Händen, Armen und Beinen gehören dazu. Doch die Aussicht entschädigt für alle Schmerzen und Anstrengungen. Die Sonne geht gerade unter, die letzten Menschen verlassen den Praia da Ursa unter uns, doch Bruno drängt zur Eile. Schließlich müssen wir uns noch abseilen. Konzentration ist angesagt. Beim Abseilen würden die meisten Kletterunfälle passieren, erklärt mir der 26-Jährige, der bereits den berühmten Eiger in der Schweiz erstiegen hat. ,,Wenn Kletterer am Ende eines Tages müde sind, vergessen sie manchmal wichtige Sicherheitsvorkehrungen und dann passieren die Unfälle.” Wir kommen wohlbehalten unten an, sorgfältig rollt Bruno die Seile über seine Schulter, packt sie in den Rucksack und reicht mir eine Stirnlampe. Den Rückweg über Stock und Stein legen wir im Dunkeln zurück ­ ein bisschen Abenteuer gehört zum Klettern einfach dazu, ebenso wie die Bereitschaft zu wandern und schweres Material zu tragen. Die schönsten Kletterplätze erreicht man eben nicht, wenn man kurz aus dem Auto aussteigt. Die Gegend rund um Sintra und Cascais gehört zu den Lieblingsplätzen der portugiesischen Kletterer. Am Wochenende erklimmen sie zu Dutzenden die Felsen rund um den Palácio da Pena. Hier hat mir Bruno auch die Grundlagen des Kletterns und Sicherns beigebracht. Der Vorteil: An den Wänden sind die meisten Kletterrouten bereits mit Sicherungen ausgestattet, die Kletterer können sich einfach einhängen und müssen das Material nicht selbst mitbringen. Das einzige was man hier braucht: Seil, Kletterschuhe und Klettergurt. Übrigens: Im Portugiesischen haben Kletterschuhe den klangvollen Namen Pés de Gato, Katzenfüße. Bruno Monteiro kennt die Gegend um Sintra und Cascais in und auswendig. Hier ist er aufgewachsen, hier hat er seine große Leidenschaft fürs Klettern entdeckt ­ eine ungewöhnliche Liebe für einen Portugiesen. Nur schätzungsweise 300 Kletterer gibt es in Portugal, Kletterer der Weltelite hat das Land bislang nicht hervorgebracht. Die einzige Kletterhalle Lissabons hat dieses Jahr zugemacht. Seinen Lebensunterhalt mit dem Klettern zu verdienen, hat Bruno deswegen inzwischen aufgegeben. Nachdem er sein Glück als Industriekletterer und Kletterlehrer versucht hat, arbeitet er nur noch gelegentlich an den Wochenenden als Kletterführer und Lehrer. ,,Es macht einfach Spaß, den Menschen einen Sport nahe zu bringen, der so bereichernd ist.” Wer sich nicht gleich eine hohe Wand hinauftraut, kann das Klettern auch erst einmal im Kleinen ausprobieren. Beim so genannten Bouldern klettert man an Felsen und Wänden in Absprunghöhe ­ gesichert wird durch ein spezielles Kissen, das unter dem Kletterer liegt, dem Crashpad. Der Vorteil: Außer dem Kissen brauchen die Sportler kein Material, sie sind absolut frei in der Bewegung. Die besten Felsen zum Bouldern befinden sich ebenfalls in der Serra de Sintra. Sie sind leicht an den weißen Spuren zu erkennen, die das Magnesium der Kletterer hinterlässt. Damit trocknen sie ihre Hände, um beim Steigen nicht abzurutschen und markieren die besten Stellen zum Festhalten. Wer die Felsen dennoch nicht findet, stellt sich am besten in den Wald und lauscht: vielleicht hört er die Jubelschreie eines erfolgreichen Kletterers oder das Wutgeheul eines Gescheiterten. Wer einmal mit dem Bouldern anfängt, entwickelt rasch einen großen Ehrgeiz, den angepeilten Felsen zu bezwingen ­ oft so lange bis die Hände bluten und darüber hinaus. Ich spreche aus Erfahrung.

Klettern in Portugal

Algarve: Rocha da Pena, Sagres, Cabo de São Vicente
Setúbal: Serra da Arrábida
Rund um Lissabon: Sintra, Cabo de Roca
Norden: Serra de Estrela, Vale dos Poios (bei Pombal)
Klettern lernen in Portugal Bruno Monteiro (engl. und port.) Tel.: 933 829 469, Kosten pro Tag: 1 Person 100, 3 Personen 200
Associação de Montanhismo e Escalada do Algarve www.amea.pt, Anfängerkurs: 135
Associação de Desportos de Aventura Desnível http://desnivel.pt Anfängerkurs: 125

Caroline Benzel

ESA 05/09

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