Schmetterlingseffekt

Wie vor einigen Jahren im Fall des belgischen Spielers Bosman wurden FIFA-Gesetze erneut missachtet. Dieses Mal durch den portugiesischen Fußballverein Gil Vicente aus Barcelos. Dadurch erlebt die Fußballwelt in Portugal eine der größten Krisen ihrer Geschichte

Manchmal können kleine Ursachen große, meist unvorhersehbare Wirkungen haben, was die Wissenschaft als Schmetterlingseffekt bezeichnet. So war es im Fall des unbekannten Fußballspielers Mateus, der zu einem Kampf, vergleichbar mit dem von David und Goliath, zwischen seinem Verein Gil Vicente und dem Weltfußballverband FIFA führte. Die Fußballwelt dürfte dadurch in Zukunft stark beeinflusst werden. Der Verein wurde 1924 von einer Gruppe von Freunden gegründet. Den Namen verdankt er dem städtischen Theater, Treffpunkt dieser Freunde und dem Dramaturgen und Poeten mit demselben Namen. Eine Kuriosität des Vereins ist, dass er eine Zeitlang von Priestern geleitet wurde. In der Saison 1974/1975, als der Verein in Schwierigkeiten war, übernahm Pfarrer José Furtado das Kommando. Erst 1990 gelang dem Verein der Aufstieg in die Erste Liga. Nach einem kurzen Abstieg in die zweite, zwischen 1997 und 1999, spielte der Club in den letzten sieben Saisons wieder in der SuperLiga. In welcher Klasse Gil Vicente in dieser Saison spielen wird, ist zurzeit das Hauptthema in den Sportnachrichten. Artikel 61 der FIFA-Gesetze schreibt vor, dass sich Fußballvereine in sportlichen Angelegenheiten nicht an Zivilgerichte wenden dürfen. Dadurch genießt die FIFA innerhalb der Mitgliedsländer eine gewisse ,,juristische Immunität”. Gil Vicente missachtete diese Regelung und somit gelang der angolanische Spieler Mateus Galiano da Costa aus der Anonymität ins Rampenlicht des aktuellen portugiesischen Fußballdramas, das Gil Vicente selbst nicht besser schreiben hätte können. In der Saison 2005/2006 spielte Mateus als Amateur beim Zweitligisten Lixa im Norden Portugals. In seinem Vertrag stand allerdings, dass er als Sportwart für den Verein tätig war.

Nach den Regeln der portugiesischen Fußballiga muss ein Amateur ein Jahr warten, bevor er als Profi angemeldet werden darf. Doch als Mateus im Januar 2006 den Vertrag bei Gil Vicente unterschreibt, meldet der Verein ihn als Profi an, da sie seinen Sportwart-Vertrag als rechtswidrig und somit als ungültig betrachten. Die Anmeldung des Spielers wird jedoch von der Liga nicht genehmigt und so beschließt der Verein aus Barcelos, sich an das Zivilgericht in Braga zu wenden, da die Vorsitzenden die Angelegenheit als arbeitsrechtlichen und nicht als sportlichen Fall ansehen. Hiermit verstößt der Verein gegen die Regeln der FIFA und des portugiesischen Fußball-Verbandes FPF. Und hiermit kam auch der Ball ins rollen. Zuerst jedoch sehr langsam, denn die Disziplinarkommission der Fußballiga widmet sich der Angelegenheit erst im Juni, nach Abschluss der Saison und nachdem die Vereine Belenenses und Académica Druck machten. Der Lissabonner Verein Belenenses erreichte in der letzten Saison kein gutes Ergebnis und stieg in die Zweite Liga ab. Da Belenenses der bestplatzierte unter den abgestiegenen Clubs ist, kann er in der SuperLiga bleiben, falls Gil Vicente absteigen sollte ­ eine der in den LigaGesetzen vorgesehenen Strafen für Vereine, die sich an Zivilgerichte wenden. Deshalb legt Belenenses Klage ein, in der Hoffnung Gil Vicente bestraft zu sehen und so den Aufstieg zu erreichen. Im August kommt es endlich zum Urteil. Der Justizrat der portugiesischen FußballFöderation (FPF) verordnet den Abstieg von Gil Vicente in die Zweite Liga; Berufung bei sportlichen Institutionen ist nicht möglich. Der Verein von Barcelos gibt jedoch nicht auf und wendet sich ein zweites Mal an ein Zivilgericht, um eine einstweilige Verfügung zu erwirken, die die Entscheidung der FPF für ungültig erklärt. Die FIFA beschließt einzugreifen. Der Weltverband verlangt, dass die FPF sich für die höchste Strafe, also die Auflösung des Vereins Gil Vicente entscheidet und droht ferner, die Teilnahme portugiesischer Vereine und der Nationalmannschaft an internationalen Turnieren nicht zu erlauben. Doch das Chaos verdichtet sich noch weiter. Der Verein Leixões aus Matosinhos kommt ins Spiel: nicht Belenenses soll in der SuperLiga bleiben, sondern Leixões aufsteigen, als Erstplatzierter der Zweiten Liga. Um seine Ziele zu erreichen, legt der Verein Beschwerde bei der Exekutivkommission der Fußballiga ein. Daraufhin werden alle Spiele der beteiligten Teams suspendiert. Dadurch kommt natürlich der Spielplan der SuperLiga durcheinander. Nur Stunden vor dem Start in die Saison 2006/2007 wird Benficas Begegnung mit seinem Stadtrivalen Belenenses abgesagt. Und auch der Spielplan der Champions League ist in Gefahr: Erneut droht die FIFA, Sporting, Benfica und FC Porto bei der Champions League durch andere Teams zu ersetzen. Für Bayern München und den Hamburger SV hätte dies eine Änderung in der Spielpaarung bedeutet. Ganz Portugal geriet in Panik. Nie zuvor waren drei portugiesische Teams gleichzeitig in der Champions League vertreten. Vor allem die betroffenen Vereine fürchten, ausgeschlossen zu werden. Das würde einen Verlust von Millionen Euros bedeuten. Um dies zu verhindern, erhob die FPF den Fall zur Angelegenheit von öffentlichem Interesse, um die einstweilige Verfügung aufzuheben und in den FußballLigen wieder Normalität herzustellen. Gil Vicentes´ Präsident António Fiuza war jedoch nicht gewillt aufzugeben: Er beruft eine Mitgliederversammlung ein, in der entschieden werden soll, ob Gil Vicente weiter kämpfen oder sich der Entscheidung der FPF beugen soll. In Barcelos herrscht dicke Luft. Die Bewohner der Stadt fühlen sich persönlich angegriffen und alle teilen die selbe Meinung: Bis zur letzten Instanz! Auch wenn dies die Auflösung des Vereins bedeutet. ,,Wir werden in die Geschichtsbücher des Fußballs eingehen als der Verein, der die Regeln des internationalen Fußballs geändert hat”, so Miguel Costa, Mitglied Nummer 438. Auch Fernandes Pinheiro, Mitglied 5273, meint, dass die Auflösung des Vereins besser sei als aufzugeben und ,,in diesem Marionettentheater mitzumachen”. Wie erwartet, entscheiden sich die Mitglieder des Vereins für die Weiterführung des Prozesses bis zu den europäischen Gerichten.

Derweil läuft in der Ersten Liga alles normal weiter, während in der Zweiten Liga Gil Vicente Niederlagen wegen NichtErscheinens verzeichnet. Nach dem vierten Fernbleiben wird der Verein von der Meisterschaft ausgeschlossen. Für die Spieler, die ohnehin schon die letzten Gehälter nicht erhielten, wäre dies keine gute Nachricht. Auch Joaquim Evangelista, Präsident des Profispieler-Gewerkschaft, hofft, dass es nicht so weit kommt. Auch die Vereinskassen sind leer: fehlende Sponsoren-Verträge, Wegfall der Einnahmen aus Fernsehübertragungen und Kartenverkauf und die Mitglieder kauften bislang auch nicht ihre Jahreskarten. Es wurde sogar ein Komitee zur Unterstützung des Vereins gegründet und Spendenkonten eingerichtet. Doch wenn es um Geld geht, ist den Spielern das eigene Trikot näher als der Club. Sie erklärten bereits, für niedrigere Gehälter nicht zu spielen. Dieses Chaos und die Verzögerung beim Treffen einer Entscheidung seitens der doppelköpfigen Struktur des portugiesischen Fußballs, bei der die Fußballiga mehr Autonomie hat als in anderen Ländern, verleiht dem Viertplatzierten der Fußball-Weltmeisterschaft kein gutes Image. Portugals Fußball hat nichts gelernt: Der Korruptionsfall ,,Calcio Chaos” in Italien, bei dem Juventus den Titel verlor, in die zweite Liga versetzt wurde und anderen Teams Punkte abgezogen wurden, wurde in Rekordzeit gelöst. Gil Vicente hingegen kämpft im Abseits weiter. Die unvorhersehbare Wirkung des Schmetterlingeffektes blieb vorerst aus. Die FIFA lässt Portugals Kicker inzwischen wieder auf den internationalen Rasen, hat aber angekündigt, die portugiesische Fußballwelt weiterhin genau zu beobachten.

Text: ANABELA GASPAR

ESA 10/06

 

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