Fußball-WM

Manches ist schon mal da gewesen

Zur WM mutieren Nationen zu gigantischen Fanclubs. Vorrundengegner Portugal und Angola haben Unterstützung von je rund 10 Millionen Landsleuten. Im Iran fiebern 68 Millionen und in Mexiko 105 Millionen Fans. Ein atmosphärischer Streifzug zu vier Mannschaften auf vier Kontinenten

Portugal: Träumen kostet nichts. 35 Tore. Mehr schaffte in der Qualifikationsphase weltweit keine Mannschaft. Keiner konnte uns besiegen. In der FIFAWeltrangliste steht die selecção auf Rang Sieben, kurz hinter Mexiko, weit vor Deutschland. Doch die Gegner werden es uns schwer machen, Weltmeister zu werden, und nicht nur die ­ es knackt im eigenen Gebälk: Es gab Streit um angebliche Seilschaften, die FC Porto-Torwart Vítor Baía ins Aufgebot hieven wollten. Nicht zur personellen Verstärkung des Kaders ­ Baía als WMReservist brächte im Fall eines späteren Transfers mehr ein. Dann schossen die Nationaltrainer Scolari und Agostinho Oliveira, der die U-21-Mannschaft trainiert, verbale Fehlpässe zur Frage, welche Spieler zur U-21-EM und welche für die WM nominiert würden. Das war geklärt, alle hofften auf Ruhe, da orakelte Deco, ein in Brasilien gebürtiger Portugiese mit Vertrag in Barcelona, er sehe Portugal nicht als WM-Favorit. Gerettet hat ihn der Nachsatz, es könnte aber klappen, denn schließlich spiele in etwa das gleiche Team, das 2004 England, Spanien und Holland besiegte und Vize-Europameister wurde. Mit Stürmer Pauleta, der mit 43 Länderspiel-Toren sogar den legendären Eusébio überrundet hat. Wir sind motiviert bis in die Hacken: Ins Innenfutter aller Spieler-Schuhe ist der Text der Nationalhymne gedruckt. Beste Voraussetzungen, um bei unserer vierten WM-Teilnahme zumindest so weit zu kommen wie 1966 in England: Da waren wir Dritter. Trainer Scolari hat die Mannschaft darauf eingeschworen. Er hat auch einen persönlichen Titel zu verteidigen: Mit ihm wurde Brasilien 2002 Weltmeister. Sollte Portugal es schaffen, erhält jeder Nominierte 275.000 Euro, eine Rekord-Prämie. Falls es schief geht, gilt trotzdem die Devise der EM 2004: ,,In Portugal ist die Nachspielzeit der beste Teil des Spiels”, auch wenn die WM in Deutschland stattfindet.

Angola: Premiere für die Schwarzen Panter
Für Angola gab es kurz vor der Deutschlandreise Rückschläge: Chaínho und Pedro Emanuel, zwei torgefährliche Spieler, wurden von der FIFA aus dem Kader des Landes gestrichen. Beide spielen in portugiesischen Vereinen und traten für Portugals Jugendmannschaften an. Das macht sie für den Fußball-Weltverband zu Portugiesen. Nicht erfreulich für unsere ehemalige Kolonie. Auch im angolanischen Bürgerkrieg gab es Fußballspiele, um offiziell den Anschein von Normalität zu erwecken. Echte Spieler-Förderung war unmöglich. Heute ist Dabeisein alles und eine Sensation unwahrscheinlich. Schon die Qualifikation sei ein Sieg, da ,,Menschen, die sich noch vor Kurzem bewaffnet gegenüberstanden, nun miteinander Fußball spielen und die Mann-schaft geeint anfeuern”, so Trainer Luís Oliveira Gonçalves, der europaerfahrene Spieler einsetzt. Einen Sieg über Portugal kann sich kein Portugiese vorstellen, aber es ist eine besondere, ernsthafte Begegnung: Ehemalige Kolonie trifft auf ehemaligen Kolonialherrn, das ist höchst emotional. Unsere beiden einzigen Länderspiel-Begegnungen waren Freundschaftsspiele, die nur wegen unrühmlicher Höhepunkte nicht vergessen sind: 1989, zum 75-jährigen portugiesischen Verbandsjubiläum, erlitt Angola mit 0:6 seine bis heute höchste Niederlage. 2001 wurde das Spiel nach 70 Minuten abgebrochen, nachdem fünf Spieler, Portugiesen und Angolaner wegen Rüpeleien die Rote Karte sahen und ein weiterer verletzt wurde und ausschied. So etwas soll sich aber nie wiederholen.

Portugal ­ Angola: 11. Juni 2006, 21 h in Köln

Iran: Verschleiert, verkannt, unbekannt
Der Iran ist die große Unbekannte. Wie sich die gespannte politische Stimmung zwischen Iran, westlichen Staaten und ihren Vertretern in Deutschland auf die Spiele auswirken könnte, ist schwer abschätzbar. Auch hier in Portugal beobachteten wir mit Unbehagen die gewalttätigen Kundgebungen in Teheran, als eine deutsche Zeitung eine Karikatur über iranische Fußballspieler mit umgeschnallten Bombengürteln Auge in Auge mit der Bundeswehr gedruckt hatte. Experten schätzen die aktuelle Mannschaft als Beste der iranischen Fußballgeschichte ein. Viele Spieler des Landes sind ­ ähnlich wie ihre portugiesischen Gegner ­ in Europas Erstligavereinen unter Vertrag. Andererseits hatte die iranische Truppe große Mühe beim 2:1-Sieg über eine schweizer Amateurmannschaft im Mai. Die iranische Fußball-Föderation ist eine der mächtigsten in Asien, die National-Auswahl gewann dreimal den Asien-Cup und erreichte in dem Wettbewerb viermal einen dritten Platz. 1978 nahm das Land, damals noch Persien und mit dem Schah als Herrscher, erstmals an einer Fußball-WM teil. Dann wurde der Sport jahrelang vernachlässigt, erst Anfang der 1990er Jahre tauchten neue Talente auf. 1998 spielte Iran wieder im Weltcup mit; damals wie heute in politisch gespannter Atmosphäre. Iran liegt in der FIFAWeltrangliste auf Platz 23. Für seine jetzige, dritte Teilnahme an einer WM qualifizierte das Land sich als eines der ersten schon ein Jahr vor WMStart und löste daheim Begeisterungsstürme aus. Die Iraner lieben Fußball, bei wichtigen Spielen steht das gesellschaftliche Leben für 90 Minuten still. Doch eine Fan-Reise nach Deutschland ist für Getreue unerschwinglich: Tickets gibt es nur als Paket mit Flug, Versicherung, Hotel und Fanartikeln, zuzüglich einer ,,Sportsteuer” von knapp 900.

Portugal ­ Iran: 17. Juni 2006, 15 h in Frankfurt

Mexiko: Aztekische Tradition und Leidenschaft
Das Ballspiel war in Mexiko uralter Bestandteil der Kulturen, fast alle archäologischen Stätten belegen Bolzplätze. Doch nicht nur wegen der Tradition ist unser letzter Vorrundengegner nicht zu unterschätzen. Die besten WM-Resultate des Landes waren Teilnahmen am Viertelfinale, 1970 und 1986, im eigenen Land. Jetzt ließen sich die Spieler von ihren Fans stürmisch feiern, posierten stundenlang für Fotos, schrieben geduldig Autogramme und gaben vor der Europa-Reise gleich zwei Abschiedsspiele: Eins in Mexiko City, das andere in Los Angeles, vor tausenden Fans im einst mexikanischen Kalifornien. Mexiko bestreitet seit Jahren die meisten seiner Länderspiele in den USA. Verbal übten die sonst interviewfreudigen Spieler Zurückhaltung. Dafür absolvierte Trainer Ricardo La Volpe denkwürdige Auftritte. Das begann bei der Auslosung der WM-Vorrundenpaarungen: Mit einem Kompass peilte er den besten Sitzplatz gemäß Feng-ShuiLehre an. In der Hand mehrere Rosenkränze, betete La Volpe, als sich die Lostrommel drehte, für das mexikanische Fußballglück. Er wollte ,,eine Gruppe mit je einer europäischen, afrikanischen und asiatischen Mannschaft”. Er wurde wohl erhört und konnte seine Truppe perfekt vorbereiten: Schon 60 Tage vor WM-Anpfiff wurden alle Nominierten, die bei mexikanischen Klubs spielen, freigestellt. Die Erwartungen sind entsprechend hoch. Am Ende der Ballspiele aus der Zeit vor Kolumbus wurden den Göttern übrigens Opfer dargebracht, das zeigen Darstellungen von Messern und abgeschnittenen Köpfen. Ob die von Siegern oder Verlierern stammten, ist nicht bekannt.

Portugal ­ Mexiko: 21. Juni 2006, 16 h in Gelsenkirchen

ESA 06/06

Text: SILVINO JORGE

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