Zugpferde

Mal ein Ausflug in die Geschichte. Rom. 40 n. Chr. Oder richtiger, a. D. XL. In jenem Jahr plante der Kaiser Gaius Caesar Augustus Germanicus, eher bekannt als Caligula, sein Pferd Incitatus zum Senator zu ernennen. Bedauerlicherweise kam es dazu aber nicht mehr. Den Grund dafür nannte viele Jahre später der Dichter Wilhelm Busch so:

Denn hinderlich wie überall
ist auch hier der eigne Todesfall.

Also nicht der Todesfall des Pferdes, sondern der des Kaisers. Denn auch Caligula litt an der ansteckenden Krankheit, von der die meisten römischen Kaiser da­hingerafft wurden. An Homicidium. Zu Deutsch: Mord. 
So weit, so gut. Oder so schlecht. Jedenfalls kam Incitatus nicht in den Genuss der Senatorenwürde. Und das ist pferdammt schade. Vielleicht hätte sich Incitatus vom Senator zum Kaiser hochgearbeitet. Das hätte dem Römischen Reich viel Elend erspart. Oder hat man jemals davon gehört, dass ein Pferd eine Stadt wir Rom angezündet hätte?

Eine Folgerung, die man auch locker auf die Neuzeit übertragen kann. Berlin. Seit Jahren versuchen sie dort einen Flughafen fertig zu stellen. Jeder unfertige Tag kostet vielleicht eine Million Euro. 
„Was hat das mit dem Pferd zu tun?“, wird jetzt vielleicht jemand fragen. Alles! Ein Pferd hätte am Flughafen keinen fehlerhaften Plan gezeichnet. Vor allem wäre es billiger gekommen. Ein Sack Hafer am Tag, ein Büschel Gras, ein Eimer nasses Wasser, fertig. Noch besser wäre es gewesen, man hätte ein Zugpferd als Vorsitzenden der Bau-Gesellschaft ernannt.
„Weil das Zugpferd die Karre aus dem Dreck zieht?“
Nein. Das ist ein Vorurteil, dass das Zugpferd daher seinen Namen hat. Das Zugpferd heißt so, weil es wie der fast gleichnamige Vogel im Winter in den Süden zieht. Deshalb ist es auch so wertvoll. Ein Pferd, das die kalte Jahreszeit auf den Malediven verbringt, kann im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft schon mal keinen Schaden anrichten. Jedenfalls im Winter nicht. So gesehen wären auch Zugpferde als EU-Funktionäre durchaus sinnvoll.

schluss2

Überhaupt ist es schade, dass das Pferd gesamtgesellschaftlich noch nicht die Würdigung erfahren hat, die ihm eigentlich zusteht. Wo sieht der normale Stadtbewohner heute noch ein Pferd? Außer vielleicht in der Lasagne. Und welches sind denn die berühmtesten Pferde – jetzt mal abgesehen von Incitatus, dem designierten Senator? Das sind Rosinante, Hatatitla und Fury. Die Gäule von Don Quixote, Old Shatterhand und dem kleinen Joe Newton. Also alles Tiere, die gar nicht wirklich gelebt haben und mit deren Verehrung man sich deshalb leicht tut.
Was die Anerkennung des echten Pferdes betrifft, da ist erst ein einziger Europäer  vorgaloppiert. Der Schweizer Eidgenosse. Warum? Weil er seine Währung nach dem Pferd benannt hat. Franken und Rappen. Rappen, das weiß jeder, ist ein schwarzes Pferd. Und Frank, das wissen nur Eingeweihte, ist der Name des Lieblingspferdes von Wilhelm Tell. Glaube ich jedenfalls.
Wenig bekannt ist auch, dass es eine ähnliche Würdigung des trabenden Vierbeiners sogar mal in Deutschland gab. In der damaligen DDR. Dort haben sie ein Auto nach dem Reittier benannt.
„Klar, Ford Mustang“, wird jetzt vielleicht jemand behaupten.
Ford Mustang? In der DDR? Sehr spaßig. Nein, die Rede ist vom Trabi. Weil das Analogauto nicht das Schnellste war, hat man es nach der Mittelgeschwindigkeit des Pferdes benannt. Andernfalls hieße es wohl Galoppi.
Da haben uns übrigens der Trabi und die anderen Pferde wieder etwas voraus. Die Namensgebung. So ehrlich, dass es weht tut. 
Winnetous Hengst: Iltschi. Übersetzt Wind. Oder der oben erwähnte Incitatus, was soviel wie schnell bedeutet. Sollten wir Menschen uns daran nicht ein ehrliches Beispiel nehmen und uns nach unseren wesentlichen Eigenschaften benennen? Eigentlich nicht. Wäre zwar korrekter, aber rein vom Klang her macht es sich doch nicht so gut, wenn jemand Kartoffelsalat Calmund oder Ichdochnicht Armstrong heißen würde.

Ganz zum Schluss sei an dieser Stelle noch ein Geheimnis gelüftet: Warum ist das Pferd gesünder als der Mensch?
„Weil es sich nicht unentwegt geschredderte Lammreste zwischen zwei Brötchenhälften in den Darm zwängt?“
Falsch. Weil es viel Sauerampfer isst. Dieser saure Ampfer ist nämlich – wie das Sauerkraut – bis unter die Rinde vollgestopft mit gesundem Sauerstoff. Deshalb heißen die Gewächse ja so. Gebildete nennen den Sauerstoff Oxygenium und die beiden Gewächse Oxyampfer und  Oxykraut. Aber das nur nebenbei. Jedenfalls frisst das Pferd dadurch viel mehr Sauerstoff als wir und wird nicht zum Legastheniker, bekommt keinen Tennisarm und ist nicht so profitorientiert. Macht alles der Sauerampfer. 
Nur einen kleinen Nachteil gibt es da:

Fury fraß nur eine Speise:
Sauerampfer haufenweise,
und speicherte darum
jede Menge Oxygenium.
Den Überschuss daraus
blies er achtern aus.

Endlich ist das auch mal geklärt.

Text: Jochen Krenz
klausdieter.s@clix.pt
ESA 7/14

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