Winne One & Winne Two

Vor langer Zeit hockten drei Indianer auf einem Berg. Winne One, Winne Two und Winne Three. Winne Two legte emsig Gras aufs Feuer, während Nummer Eins und Drei wie verrückt mit der Wolldecke wedelten und Rauchzeichen in die Luft jagten. Das sah ein Blassgesicht namens White Örp: „Was soll das denn? Ist doch völlig friedlich hier. Keine Gefahr.“
„Stimmt“, meinte Winne Two, „gibt gerade nichts zum Jagen, Sammeln oder Skalpieren.“
„Und was heißen dann die wilden Rauchzeichen?“
„Wir müssen ein wenig die Zeit totschlagen. Deshalb senden wir ›Kein Anschluss unter dieser Nummer‹“.
So war das damals.
Später, als die Menschen dann sesshaft wurden, gab es keine Zeit mehr für derartige Kinkerlitzchen. Ackerbau. Viehzucht. Bergbau. Hauswirtschaft. Fortpflanzung. Da hatte jede Stunde hundertzweiund-dreißig Minuten.Das war eine schwere Zeit. Bis jemand eine Idee hatte: „Lass uns doch die Moulinette erfinden!“ Gesagt, getan. Und Staubsauger, Auto, Waschmaschine gleich mit. Endlich hatten die Leute mehr Zeit. Da begab es sich jedoch, dass einer der schlauen Erfinder bemerkte:
„Ach du liebe Fresse! Eins ist jetzt blöd daran, dass die Leute Zeit haben.“
„Was denn?“, fragte ein Kollege.
„Dass sie Zeit haben!“
„Heiliger Strohsack! Stimmt ja!“
Also erfanden sie abermals Maschinen. Maschinen, mit denen die Leute ihre kostbare Zeit totschlagen konnten. Dass die Erfinder damit Geld verdienten, war natürlich nicht beabsichtigt. Störte aber auch nicht groß.
„So sind jetzt alle zufrieden mit ihrem Fernseher, Computer, iPhon…“, erklärte ich meinem Neffen Tobias, wurde aber unterbrochen.
„Die sind aber durchaus produktiv, diese Hacker.“
„Hacker? Komische Ausdrücke habt ihr heute. Wir auf dem Lande nennen die Tiere immer noch Specht.“ Der Irrtum war aber schnell aufgeklärt. Jedenfalls: die Zeittotschlagemaschinen. Dadurch hat Langeweile nun endgültig ihre Daseinsberechtigung verloren.
„Wieso? Hast du dich jemals gelangweilt?“, fragte mich Tobias.
„ICH langweile mich nie. Nur ANDERE langweilen mich manchmal.“
Und in solchen Fällen sind Zeittotschlagemaschinen ein wahrer Segen. Dennoch gibt es Miesepeter, die belastet das. Von einem Fall habe ich gelesen. Da hat sich ein Mann darüber aufgeregt, dass ihm von einer langweiligen Fernsehshow drei Stunden seiner Zeit geraubt wurden. Vielleicht war der Ausschalteknopf eingerostet oder eine Überkapazität an Intelligenzdefizit hatte den Mann gelähmt. Jedenfalls hat er daraufhin geschlagene hundertzwanzig Stunden am Computer gesessen und sich mittels Facebook, Twitter und Facetwitter bei seinen zweiundneunzigtausend Freunden darüber beschwert, dass er „ein für alle Mal die Schnauze voll“ habe, sich die Zeit totschlagen zu lassen. Dann steckt da noch ein anderes Dilemma in den Maschinen. Die ganzen Apparate sind nach paar Wochen kaputt oder veraltet. Die reine Materialverschwendung. Glück­licherweise gibt es aber auch hier Menschen, die sich dagegen wehren. Mein Freund Gottfried, das Stück Malheur aus Hamburg zum Beispiel: „Neulich wollte ich zu einer Demonstration in Stuttgart“, mein­­te er. „Gegen Verschwendung und Konsum­terror. Bin aber zu spät gekommen. Und das, obwohl ich extra auf’s Gas getreten habe, bei meinem Porsche-Cheyenne.“ Das war Pech. Dabei wollte er mit seiner Kutsche wirklich von einem Ort zum anderen fahren. Das ist nicht ganz selbstverständlich. Was das Auto betrifft, haben jugendliche Dezibe­lanten nämlich herausgefunden, dass man auch damit wunderbar die Zeit niedermetzeln kann. Da baut man einen Fiat Panda um vier kühlschrankgroße Lautsprecher-boxen herum und geistert damit stundenlang ziellos durch bewohnte Gegend. Die Ohren direkt am Bum-Bum-Kasten, so als hät­­te man den Lauscher an ein Düsentriebwerk getackert. Das hat zwei Vorteile! Erstens zertrümmert man damit die Zeit und zweitens auch seine überflüssigen Trommel­felle:

„GANZ SCHÖN LAUT!„MUSST NICHT SO SCHREIEN! BIN JA NICHT SCHWERHÖRIG! DU HAST AUCH EINE SCHÖNE HAUT!“
„DAS LIEGT AM BUM-BUM, DASS BEI DIR NICHTS ANKOMMT“
„HÄ? KALKUTTA LIEGT AM GANGES?“

Ein anderer Vorteil des Autos als Zeittotschlagemaschine darf auch nicht verschwiegen werden. Das Kreisfahren kostet nichts. Außer vielleicht ein paar hundert Euronen für Sprit. Dagegen muss man für die anderen Maschinen, die man für teures Geld gekauft hat, Gebühren abdrücken, damit man sie benutzen darf.  Leider gibt es aber immer noch paar Wirtschaftsfeinde, die gebührenfrei und bräsig in der Sonne liegen. Das ist ganz schlecht! Allerdings ist Abhilfe in Aussicht. Bald ist die Daumendreh- und Nasenbohr-Maschi­ne auf dem Markt. Wird dann mit einer Flatrate angeboten für 99 Cent bei hundertmaligem Daumendrehen. Wenn das damals White Örp geahnt hätte! Er hätte Rauchzeichen-Maschinen an Winne Two verticken können. Spottbillig und mit fla­cher Rate von 0.99 Biberfellen pro hundert Rauchkringel für’s Blassgesicht. Allerdings waren die Indianer  zivilisatorisch ein we­nig zurückgeblieben und vielleicht hätten die das gar nicht mit sich machen lassen.

Jochen Krenz
klausdieter.s@clix.pt
ESA 9/13

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