Von Elfen & Zwölfen

Redaktionsgeschichten

Ein schöner Tag im Oktober. Kurz nachdem der Hahn gekräht hat, stehe ich vor den Redaktionsräumen. Das heißt, richtig gekräht hat er eigentlich nicht. War auch kein richtiger Hahn. Mehr der Zapfhahn für Bier, und der wurde gedreht und nicht gekräht. Aber jedenfalls erscheine ich frühmorgens um 11 Uhr 60 – nicht etwa 12 Uhr – in der Redaktion. Pünktlich. Weil ich nicht aus meiner deutschen Haut heraushüpfen kann. Bin zum Rapport bestellt. Von der Redaktionschefin. CvD abgekürzt. Chefin vom Dienst. Unsere CvD heißt Anabela Gaspar. Sie ist nicht nur anmutig wie eine Elfe, sondern sogar wie eine Zwölfe, was ja wohl die Steigerung von „Elfe“ ist. Trotzdem muss ich nicht „Frau Gaspar“ sagen, sondern darf sie „Anabela“ nennen. Das hat seinen Grund: Bin zwar schon zwanzig Jahre bei ESA und an der Algarve, aber niemand kann von mir verlangen, so komplizierte portugie­sische Namen wie „Gaspar“ aussprechen zu können. Anabela ist nämlich Portugiesin. Aber zuverlässig und pünktlich. Sollte einem das zu denken geben? Eigentlich nicht. Der Zweck meines Erscheinens: Ich soll eine Idee liefern. Im November jubiliert unsere Zeitschrift nämlich ihr fünfundzwanzigstes Wiegenfest. Da könnte man doch – das ist jetzt meine bahnbrechende Idee  eine „Zum-Schluss-Story“ über uns selbst bringen. Wie wird bei uns gearbeitet? Wie sieht der Gladiatorenkampf um Inhalte und Themen aus? Titel: „Da lachen die Fellachen.“ Gut, der Titel hat nicht das Geringste mit ESA zu tun, klingt aber gut und reimt sich. Und vielleicht muntert es die Chefin auf. Sie ist in letzter Zeit ein wenig betrübt. Jemand hat ihr kürzlich einen Deutschen Schäferhund angedreht und der wächst und wächst. Vor allem die Ohren. Aber das ist eine andere Sache. Vor paar Jahren habe ich schon mal den „Fellachen-Titel“ vorgeschlagen, bin damit aber aufs Riechorgan gefallen. Hat Anabela aber bestimmt vergessen. Schon nach kurzer Wartezeit von zwei Stunden empfängt sie mich. Die Atmosphäre, bei uns kurz und modern Atmo genannt, ist gut. Die Leibeigenschaft wurde zur Jahrtausendwende abgeschafft. Demokratie und Selbstbestimmung herrschen in der Redaktion. Das finde ich gut. Also lecke ich ihr selbstbestimmt einmal kurz die Füße, was sie wiederum gut findet. Und ich darf sogar etwas nehmen. Nämlich Platz. „Setze er sich“, säuselt sie. Ich nehme nicht nur Platz, sondern auch die Chance wahr, zu Wort zu kommen und knallhart geht’s zur Sache: „Äh…, also…, wie wär’s denn vielleicht mal gewissermaßen…“ „Komme er endlich zur Sache!“ Also lege ich ihr das „Fellachen-Manuskript“ vor die Nase und versuche angestrengt, ihr nicht in den Ausschnitt zu glotzen. Stille, während sie stirnrunzelnd liest. Dann prustet sie los, und nachdem sie sich die Lachtränen getrocknet hat, lobt sie mich sogar: „Mann Gottes, mit dem Schrott haben Sie uns doch vor fünf Jahren schon mal belästigt. Oder belustigt. Außerdem hasse ich billige Kalauer über Bevölkerungsschichten, die Fell tragen, nur weil es sich gerade reimt.“  Dann wirft sie nochmals ein kurzes Auge auf das Papier und knallt ihren neuen, bunten Stempel darauf:

Das heißt: Kommt ins Raucharchiv „Na gut“, wende ich ein, „wie wär’s denn mit einer Story über uns im Vergleich zu großen Künstlern? Schon mal gemerkt, dass auffallend viele Genies Namen geistiger Getränke haben? Vincent van Grog, Heinrich Böllkstoff oder das Fußballgenie Rudi Bommerlunder?“
„ODER DER SCHAUSPIELER JOHN WEIN? WOLLEN SIE MICH EIGENTLICH VERARSCHEN?“
„Ich? Also…, äh…, um ehrlich zu sein: ja.“
„Naaaa jaaaa“, meint sie resigniert, „was will man von jemandem erwarten, der nur an Getränke denkt. Schreiben Sie doch mal was über Sex. Verkauft sich immer gut.“
„Ausgezeichnet! Vielleicht über Sexämtertropfen?“
„NEIN!!! Mal was Geistvolles.“
„Über Friesengeist vielleicht? Der hat
unglaubliche sechsundfünfzig Pro…“
„AUFHÖREN!!! Stellen Sie sich nicht blöder an, als Sie sind. Geht doch sowieso kaum.“
„Gibt aber auch“, versuche ich es nochmals kleinlaut „Künstler mit Namen von fester Nahrung, die…“
„ACH“, unterbricht sie mich laut,
„ETWA EINEN DICHTER NAMENS KARL
TOFFEL-SALAT??? Mann, Mann! Na ja…, haben Sie Ahnung von Mathematik?“
„Und ob!“
„Gut. Dann subtrahieren Sie.“
„Was???“
„Ziehen Sie ab. Und nicht, dass Sie sich erdreisten, über uns zu schreiben. Ist das klar?“
„Klar wie Klarinette!“
„Gut, tummle er sich.“

Schade. So werden Sie, liebe Leser, auch in dieser Ausgabe nichts über uns lesen. Und Sie werden nicht wissen, wie konzentriert bei uns nicht gearbeitet wird und wie ein Thema nicht entsteht. Aber vielleicht in weiteren fünfundzwanzig Jahren. Wenn sich der Wind zu meinen Gunsten dreht.
Jochen Krenz
klausdieter.s@clix.pt

ESA 11/13

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