Sieben

Ein Freund war es, der mir die Augen öffnete. Eines Tages kaufte er eine Kiste Bier und ich meinte: „Reicht ja für eine lange Zeit und viele Menschen.“ „Genau. Reicht ein Wochenende. Für sieben Leute, wenn sechs zu Hause bleiben.“ „Also für dich.“ „Genau“, meinte er gedehnt, um die Richtigkeit zu unterstreichen. Er hätte auch sagen können „reicht gerade mal für mich“. Aber „sieben, wenn sechs zu Hause bleiben“ klingt irgendwie besser. Mystischer. Oder ein anderes Beispiel. Politik. Soll sich während eines G-7-Gipfels zugetragen haben. Cameron zu Merkel: „Angela, wir sollten mal ein Gespräch auf Augenhöhe führen.“ Merkel: „Machen wir. Sofern du eine Trittleiter mitbringst und sieben Stufen erklimmst.“ Warum ich das erzähle? Weil mir dadurch das Geheimnisvolle der Zahl Sieben so richtig klar wurde. Kann es Zufall sein, dass die Sieben uns immer und überall umzingelt? Die Katze hat sieben Leben. Roland Kaiser trank 1978 sieben Fässer Wein. Das tapfere Schneiderlein erdrosselte sieben lebende Fliegen. Und natürlich gibt es den Wolf und die sieben Geistlichen. Nicht zu vergessen die sieben Weltwunder. Der Kloß von Rhodos, der Leuchtwurm von Alexandra, Cristiano Ronaldo mit der Nr. 7 und noch vier ähnlich tolle Wunder. Dann noch das allergrößte Siebener-Weltwunder. „Die glorreichen Sieben“! Ein Film von 1960. Die Helden waren so glorreich, dass am Ende des Films nur noch drei übrig blieben, während vier der Sieben an einer Bleivergiftung erkrankten und das Zeitliche segnen mussten. Deshalb klingt die Fortsetzung von 1966, „Die Rückkehr der glorreichen Sieben“ noch wunderhafter und vielleicht auch ein wenig zu optimistisch. Wenig bekannt ist es, dass die Sieben auch beim Datum mitmischt. Es war einmal im letzten Jahrhundert. Am 7.7.77 (!). Da fand ein kleines, blondes Mädchen im Königreich Dänemark eine Krone auf der Straße. Direkt vor einem Gully. Das Mädchen legte sich die Krone auf den Kopf und fühlte sich wie eine Prinzessin. Jetzt die Frage: Kann das Zufall sein? Eigentlich schon. Weil die Währung dort so heißt. Außerdem sah das Mädchen ein bisschen belämmert aus. Mit der Blechmünze auf dem Kopf. Daran sieht man aber, dass es die Sieben weit gebracht hat. Sie taucht überall auf, ist die einzige einstellige Zahl mit zwei Silben und hat sogar ein eigenes Verb. Jedenfalls wenn wir sieben Eimer Sand sieben. Trotzdem ist auch das noch kein Grund, auf dem hohen Ziffernross zu sitzen. Vor allem, weil es eine Ausnahme gibt. Beim Kartenspiel. Skat. Dabei ist die Karo 7 das allerjämmerlichste Blatt, womit man keinen Krümel Blutwurst vom Teller ziehen kann. Aber gut. Das ist die Ausnahme. Dafür hat sie beim Würfelspiel wieder Oberwasser. Habe ich selbst getestet. In der Grundausbildung beim Militär. Feierabend. Der Russe stand auch gerade nicht vor der Tür. Was lag da näher als ein gepflegtes Würfelspiel? Gar nichts. Vier andere Stoppelhopser sahen das auch so. Also rollte der Würfel. Der Mann vor mir hatte eine Sechs und war schier außer sich vor Freude. Dann kam ich als Letzter. Mit eigenem Würfel. Mein Wurf sah so aus: Bevor die Kameraden wieder richtig Luft bekamen, hatte ich bereits das Geld eingesackt und das Hasenpanier ergriffen. Allerdings war ich schon damals nicht der Schnellste. Aber bald konnte ich wieder feste Nahrung zu mir nehmen. Mal einen Joghurt, eine Banane oder eine heiße Suppe. Da sag noch einer, dass die Sieben Unglück bringt. Rein geschichtlich tut sie das allerdings von Zeit zu Zeit. Wie viel sind 7 mal 77? Richtig: 539. Und was geschah wohl anno pechdomini 539? Die Westgoten belagerten Rom. Das zweite Unglück jenes Jahres: Kaiser Flavius Iustinianus musste rülpsen, während er nach einem streunenden Siebenschläfer (!) trat. Damit sind wir übergangslos beim Siebenschläfer, lateinisch Glis Glis. Der ist wiederum von der Siebener-Glücksdusche benetzt worden. Tier des Jahres 2004. Pennt gute sieben Monate im Jahr. Und im Lexikon steht über ihn: „Die Fußballen… dieser Tiere sind stets etwas feucht…“ Gut, das ist falsch geschrieben. Heißt immer noch die Fußbälle. Aber immerhin weiß man jetzt, dass dem possierlichen Tierchen auch das Glück des Fußballspiels vergönnt ist. Weshalb er allerdings mit nassen Bällen kicken muss? Ein Geheimnis. Zum Schluss muss leider auch berichtet werden, dass es für die bekanntesten Siebener zappenduster aussieht. Für die sieben Todsünden. Die haben die Karo 7 der Geschichte erwischt, weil sie nicht mehr ansatzweise das sind, was sie mal waren. Völlerei, Habgier, Wollust – um nur drei zu nennen. Sünde? Ich glaube, mein Specht klopft. Das sind heute Tugenden. Die Motoren der Werbeindustrie. Konsumverzicht und auf der Autobahn spritsparende 100 fahren – das sind die beiden neuzeitlichen sieben Todsünden. Das ist so sicher, wie der Mensch sieben Finger an der Hand hat. Also wenn man beim Zählen Zeige- und Mittelfinger doppelt zählt.

Jochen Krenz

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