Nur ein Wort

Schon lange nagte etwas an mir.
Der Zahn der Zeit. Manchmal ein Verdacht. Aber jetzt der Wurm der Erkenntnis: die Geschichtsfälscher sind am Werke!
Vermutlich machen die das nicht bewusst, dass sie uns hinter unser eigenes Licht führen wollen. Es passiert einfach. Wie bei „Stille Post“. Da wird nur ein einziges Wort falsch verstanden, und schon…, bumms…, läuft die Geschichte aus dem Ruder.

Wie war das vor fast fünfhundert Jahren, am 31. Oktober, übrigens zufällig am Reformationstag?! Damals stellte Martin Luther einen Tresen an der Schlosskirche zu Wittenberg auf. Die Stille-Post-Geschichtsfälscher sprechen freilich von Thesen. Dabei ergibt es doch eindeutig mehr Sinn, wenn jemand am Reformationstag einen Tresen vor der Kirche aufstellt. „Dieser Anlass muss gefeiert werden“, sagte der Mönch dabei nach authentischen Überlieferungen. Die Fälscher haben daraus gemacht: „Dieser Ablass muss gegeißelt werden.“
Geht aber noch weiter.
Als Luther dann 1521 im Reichstag zu Worms eine Rede hielt, soll er angeblich gesagt haben:
„Hier stehe ich und kann nicht anders.“
Falsch. Geschichtsfälschung, um genau zu sein. Muss man sich mal vorstellen. Da bringt ein Mann die gesamte katholische Kirche gegen sich auf und soll so demütig sein? Nach Augenzeugenberichten hat er dagegen gedroht:
„Hier stehe ich und kann auch anders!“ Und dann soll er noch angefügt haben „…ihr Zipfelgesichter:“
So wird ein Schuh draus. Ist natürlich klar, dass dem katholischen Protokollanten das nicht passte und er einfach ein Wort austauschte.
Jetzt denkt vielleicht mancher, dass war nur im Mittelalter so. Weit gefehlt. Auch in der neueren Zeit reicht hin und wieder ein einziger Buchstabe, um eine Fälschung zu verursachen.
Da befand sich im Jahre 1841 ein gewisser Hoffmann von Fallersleben auf der schönen Insel Helgoland und genoss seinen Urlaub. Dabei komponierte er ein hübsches Lied, dessen eine Strophe angeblich mit den schönen Worten „Einigkeit und Recht und Freiheit“ begann. Schön und gut. Aber schreibt man so etwas im Urlaub, während man die Beine von der Langen Anna in die Nordsee baumeln lässt.
Schreibt man nicht. In Wirklichkeit hat er nämlich „Einigkeit und Recht und Freizeit“ gedichtet, was ja während des Urlaubs auch wieder Sinn ergibt. Wodurch die Fälschung herausgekommen ist? Durch die neuen Zwei-Euro-Stücke. Da sollte der Text mit der Freiheit auf dem Rand eingestanzt sein, versehentlich gibt es aber bei einigen Fehldrucken den Originaltext. Also den mit der Freizeit. Ist natürlich schlecht zu erkennen. Man muss schon sehr genau hinschauen.
Manchmal ist es allerdings auch so, dass vor langer Zeit Sätze gesagt worden sind, die gar nicht mal verfälscht wurden, aber die sich erst in der heutigen Zeit oder in der früheren Geschichte bewahrheitet haben. Das ist ganz erstaunlich!
Friedrich von Schiller. Im Jahre 1804 hat der Dichterfürst in „Wilhelm Tell“ geschrieben „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.“
Das muss man sich mal vorstellen. Der Satz bezog sich auf Eduard Zimmermann, der bis 1997 (!), also fast zweihundert Jahre später, eine Verbrecher-Jäger-Sendung im deutschen Fernsehen moderierte. Und der Schiller-Satz meinte so viel wie: wenn jemand eine Axt im Hause hat, dann traut sich kein Einbrecher in die Wohnung und der Mördersucher Eduard Zimmermann wischt sich die Nase.
Da fragt man sich doch: „Woher wusste das Schiller schon vor so langer Zeit?“
Nicht ganz so gut traf es der unbekannte Dichter im Altertum, der den Satz „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ geprägt hat. Aber immerhin fast richtig. Hätte er das Europäische Parlament oder den Deutschen Bundestag schon gekannt, hätte er gesagt: „Reden ist Blech, Schweigen ist Gold.“
Leider ist es heute aber so, dass die alten, überlieferten Sätze hin und wieder auf Unverständnis stoßen. Das merkt man, wenn man wie ich zitatenfest ist und diese Zitate auch gerne anwendet. Ich habe es festgestellt, als ich einmal eine Dönerbude aufsuchte. „Aha“, dachte ich, „Döner! Das ist doch Lamm. Schaf.“
Also sagte ich zu dem freundlichen Wirt des geschredderten Woll- und Fleischlie­feranten:
„In der Schrift steht, ›den Seinen gibt der Herr ein Schaf‹. Und da ich einer seiner Schäfchen bin…, also her damit.“
Leider war der Mann aber nicht bibelfest und meinte, ich sollte Fersenlira geben, was wohl die türkische Währung ist. 
Wenig bekannt ist auch, dass so manches überlieferte Zitat nicht nur falsch ist, sondern von völlig anderen Zeitgenossen in die Welt gesetzt wurde. 
Also wird es Zeit, mal ein paar dieser Sätze richtig zu stellen:

Wo man sinkt, da lass dich ruhig nieder.
Kapitän Schettino

Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will.
Lance Armstrong

Ich liebe dich, mich reizt dein schönes Gehalt.
Unbekannte Schöne
Text: Jochen Krenz
klausdieter.s@clix.pt
ESA 3/13

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