Natürlich!

„Ein neues Jahr ist da“, sagte ich zu meinem Neffen, „das wollen wir mal beginnen. Natürlich!“ „Natürlich“, meinte er, „selbstverständlich. Was bleibt uns auch übrig?“

„Ich meine natürlich jetzt im Sinne von naturgemäß“, verbesserte ich ihn.
„Duuuu?“, prustete er los. „Duuuu? Zurück zur Natur? Nach allem, was die Natur dir angetan hat? Schon mal in den Spiegel geschaut?“
Das fand ich jetzt bisschen frech. Gut, ich bin nicht gerade ein Georg Clowny oder wie dieser Schausteller heißt. Aber auch kein Quasimodo.
Immerhin wurde mir aber wieder bewusst, dass der Begriff natürlich die falsche Schlange des Irrtums in sich beherbergt. Dann fiel mir sogar ein, dass uns dies bereits vor Jahren unser Lehrer an einem Beispiel geschildert hat. An einem Vorfall im Blumenladen:
„Sind die Blumen künstlich?“
„Natürlich.“
„Ach, nicht künstlich.“
„Doch. Natürlich künstlich.“
„Was denn nun? Natürlich oder künstlich?“
Die beiden diskutieren noch heute zwischen verwelkten Tulpen.
Mit der Natur ist es so eine Sache. Sie übertölpelt uns leicht mit ihren missverständlichen Begriffen. Das habe ich bei einer Waldwanderung gemerkt.
„Herrlich“, schwärmte ich, „alles grün, so ruhig, dort ein schöner Bach…“
„Schöööön?“, stöhnte mein Freund Gottfried. „Weißt du überhaupt, was schön ist? Was ist denn wohl der schönste Bach?“
„Na ja…“, fing ich an, wurde aber unterbrochen:
„Der schönste Bach ist immer noch der Reibach. Sofern man ihn selbst macht…“
„…oder der Maybach, sofern man ihn hat?“, fragte ich.
Alles Ignoranten, die durch die Natur stolpern. Und da sind die Jack Wolfskins noch gar nicht mitgezählt, die bekanntlich gerne im lauten Rudel auftreten. Aber was rege ich mich auf?
Könnte ja sogar sein, dass es der Natur ganz gelegen kommt, dass wir sie ignorieren. Jedenfalls wehrt sie sich nicht groß. Neuerdings sieht man öfter junge Mütter, die ihre Kinder im Kinderwagen vor sich herschieben, dabei aber weder die Natur noch das Kind durch Beachtung oder etwa ein Gespräch belästigen, sondern sich im Gehen mit ihrem Smartphone beschäftigen.
Oder auf dem Wasser.
Das Foto oben ist auf der Fähre nach Oslo entstanden. Auf dem Oberdeck. Herrlichstes Wetter. Ein Junge und ein Mädchen. Kuscheln. Jedenfalls ansatzweise. Früher hätten wir der Natur ihren Lauf gelassen, uns in eine stille Ecke verdrückt und vielleicht sogar das eine oder andere Küsschen gewagt. Oder mehr. Mit derartigen Gefühlsausbrüchen oder mit Kommunikation wird die Natur heute nicht mehr beleidigt, wenn man auf dem Smartphone herumwischen kann. Und! Der Natur scheint es zu gefallen. Jedenfalls schlägt der Blitz nur ganz selten dazwischen.
Manchmal versteht die Natur allerdings weder Deutsch noch Portugiesisch noch Spaß. Beispielsweise in ganz seltenen Fällen, wenn man ihr ins Handwerk pfuscht. Stichwort Schönheitsoperation.
Chirurg: „Sie möchten sich entfalten?“
Patientin: „Nein. Ich möchte mich entfalten lassen.“
Aber da die Natur normalerweise alles gibt, nur kein Pardon, kann sowas böse ins Auge, in die Hose oder in andere Körperteile gehen. Da bleibt keine Suppe ungekocht, die die Patientin nicht auslöffeln muss. Das merkt sie allerdings erst viel später. Wenn man zu ihr bewundernd sagt: „Oh! Neuer Silikonbusen. Vom Baumarkt? Oder gibt’s das jetzt schon bei Aldi?“
Nun ist es aber nicht so, dass nur in die Natur eingegriffen wird, indem die Schönheit verschlimmbessert wird. Ganz groß im Trend liegt es, die Natur zurückzuschrauben. Nach dem Motto des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau, der Zurück zur Natur gefordert hatte. Das war um 1750, als die Leute begannen, die umweltschädliche Kutsche zu nehmen statt zu Fuß zu laufen. Gut, dem Aufruf sind seitdem nicht alle Menschen gefolgt. Aber fast alle. Mit wenigen Ausnahmen.
Das habe ich selbst getestet. Bei einer Umfrage in Deutschland:
Sind Sie dafür, manchmal aufs Auto zu verzichten, damit der Meeresspiegel nicht steigt?
98 % der Befragten meinten, „natürlich nicht“ und schon die Frage sei Humbug. Dabei habe ich wirklich tausend repräsentative Menschen interviewt. Zwischen Oberammergau und Kitzbühel.
Auch gegen Lawinengefahr braucht man nichts zu unternehmen. Das sagten wiederum tausend Bewohner von Helgoland.
Alle Befragten waren sich allerdings darüber einig, dass man „irgendwann mal, vielleicht“ etwas für den Juchtenkäfer, die Kurzhalsgiraffe und die Mopsfledermaus unternehmen sollte.
Einige der Interviewten waren andererseits aber auch ziemlich begriffsstutzig und wussten gar nicht, wo das Schwein pfeift. Ein Mann in Oberammergau sagte überhaupt keinen Ton, sondern zeigte einfach auf seine Haustür. Keine Ahnung, was er damit meinte. Vielleicht sollte ich einfach seine wunderschöne Naturholztür bewundern. Im Weggehen hörte ich dann doch noch etwas, was sich anhörte wie „geh weida depperter Depp, die Natur hat dich schon genug gestraft mit der genetischen Anomalie, kein Bayer zu sein.“
Eigentlich schade. Vielleicht hätte ich einen Seppelhut aufsetzen sollen.
Andererseits wirkt das auf einem norddeutschen Fischkopp natürlich unnatürlich.

Text:Jochen Krenz
ESA 01/15

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