Langfinger Wang

Vor einiger Zeit habe ich einen Roman gelesen. Sie haben richtig gelesen. Einen Roman. So richtig mit gedruckten Buchstaben, die nicht flackerten. Auf Papier. Ganz ohne Werbung.

Jedenfalls jener Roman spielte in Hongkong und einer der Zopfträger war sowohl in Hong als auch in Kong als Langfinger Wang bekannt. Also überall. Etwa als ein stummelfingeriger Ehrenmann, der auch noch dem letzten hungrigen Vegetarier seine Curry-Ente anbot? Natürlich nicht. Da war der Name Programm. Das war noch was! Gerade heraus und ehrlich. Derartige schöne Namen kannte man bisher nur bei den Römern, wo der Fettnäpfchentreter und Senator Gaius Lapsus, der Günther Oettinger der Antike, noch wusste, wie man sich nennen sollte.  Ähnlich ehrlich sind auch die arktischen Bewohner. Früher hießen sie noch „Eskimo“, was angeblich „Rohfleischesser“ bedeuten sollte. Damals dachte ich: „Gegen ein schönes Brötchen mit Thüringer Mett, portugiesisch carne pica­da, also mit rohem Fleisch, ist nichts einzuwenden. Auch nicht gegen Sushi. Also bin ich auch irgendwie ein Eskimo.“ Das fand ich gut. Bis die Eskimos den Namen selbst nicht mehr so gut fanden. Jetzt heißen sie „Inuk“, Plural „Inuit“, was „Mensch“ bedeutet. Das ist natürlich noch besser. Mensch! So bin ich auch wieder ein Inuk und in Berlin beispielsweise leben vier Millionen davon. Beruhigend ist es auch, dass es ein Nahrungsmittel mit ehrlichem Namen gibt. Davon verschlingen die Fernsehleute massenhaft. Nachrichten, Lottozahlen, Wetter, Sport…, die Ansagerinnen sind dabei mit einem Dauergrinsen gesegnet, dass nur daher kommen kann, dass man ihnen vor der Sendung drei Kellen Kichererbsen eingeflößt hat. Mit Sicherheit. Mit Security, wie der Engländer sagt. Ein Tag ohne Kichererbse ist ein verlorener Tag!

Im Übrigen neigt man neuerdings aber eher zur Täuschung. Speziell bei männlichen Namen. So gibt es feige Weicheier namens Hart-mut. Oder aggressive Verlierer, die sich Sieg-fried und fundamentalistische Atheisten, die sich Gott-lieb nennen dürfen. Wobei in diesem Falle die Sache mit dem „Gottlieb“ als Namen auch die Frage aufwirft, warum sich der Allmächtige so etwas gefallen lässt. Was die alltägliche Täuschung durch irreführende Namen angeht, muss allerdings gesagt werden, dass diese Täuschung nicht nur für Menschennamen gilt. Selbst die Tiere verpassen sich schon irreführende Namen. Das Pferd fährt nicht und das brutale fliegende Ungeheuer namens Schmetterling kann überhaupt nicht schmettern. Die sanftmütige Gottesanbeterin frisst zwar ihr Männchen, ist aber noch niemals beim Beten erwischt worden. Und keine Grille ist jemals dabei beobachtet worden, wie sie ein Wiener Würstchen grillt. Ganz schlimm ist es, dass sich auch Gegenstände der arglistigen Namenstäuschung verschriehen haben. So habe ich erlebt, dass neben mir bei einem Symphoniekonzert ein kleiner Mann mit einem ganz eigenartigen Gerät saß, das zu allem Überfluss auch noch tickte.
„Was wollen Sie denn damit?“, fragte ich. „Bin Reporter“, flüsterte er. „Muss über das Orchester schreiben. Und weil es so viele Musiker hat, die man gar nicht alle zählen kann, habe ich einen Geigerzähler mitgebracht.“ Das war schlau. Nicht, dass der Apparat seinen eigentlichen Zweck erfüllt und die fidelen Fidler gezählt hätte. Aber wie leicht versteckt sich im Zauberstab des Diri­gen­ten ein winziges, unsichtbares Becquerel, und das hätte der Zähler dann entdeckt. Dann wäre der Kleine groß rausgekommen. Also falls es technisch möglich ist, dass ein Kleiner groß rauskommt. In diesem Zusammenhang mal ein kleines Rätsel: Was ist der Unterschied zwischen B-Querel und BKA? Antwort: Die Namen klingen ähnlich, es gibt aber keinen Unterschied. Beide sieht und hört man nicht, aber wenn man sie bemerkt, richten sie ein heilloses Durcheinander an. Neben dieser Frage, die ja nun geklärt ist, gibt es aber noch viel wichtigere Fragen, die die Menschheit seit Urzeiten bewegen. Also Fragen, die durch irreführende Bezeichnungen entstehen. Warum sagt man: Der Höhlenforscher vermisst die Höhle? Warum vermisst er die? Hat er die Grotte samt aller Stalagmiten etwa verloren, als er beim vorigen Mal aus dem Untergrund gekrochen kam?
Warum gibt es immer so einen Aufstand, wenn in Griechenland mal wieder ein Generalstreik angesagt ist? Wen kratzt es denn, wenn die paar Generäle streiken?
Wenn sauer lustig macht…, warum hat man dann noch nie einen grinsenden Sauerampfer gesehen?
Als hätten wir auf der Erde nicht genug Verwirrung mit Namensmogelei, hat es die Fabelwesen aber wirklich knüppeldick getroffen:

Eine Elfe hatte mal
die reinste Höllenqual,
und mörderische Pein
im rechten Elfenbein.

Also nix wie hin
zur Elfendoktorin.
Diese hatte in der Tat
eine Tüte Trost parat:

„Beinepein ist ganz normal
bei diesem Material,
weil es vorher Jahr um Jahr
im Elefantenmunde war.“

Jochen Krenz
klausdieter.s@clix.pt

ESA 10/13

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