Kon Junk Tiv

Kreuzworträtsel. „Nobelpreisträger mit fünf Buchstaben“ stand dort und ich gab die Frage an meinen Sitznachbarn im Flugzeug weiter. An einen Jugendlichen, der mir recht gewitzt aussah:

„Könntest du mir einen fünfbuchstabigen Nobelpreisträger nennen?“
„Ich könnte Ihnen sogar zehn nennen“, meinte er, „wenn ich welche wüsste. Leider weiß ich aber gar keinen.“
„Aha!“, meinte ich, „endlich mal einer, der ihn beherrscht, den 
Konjunktiv.“
„Kenn’ diesen Kon Junk Tiv gar nicht“, widersprach der Junge. „Kenn’ mich mit Chinesen nicht so aus.“
„Nein, nein“, erklärte ich, „Konjunktiv, das ist das Gegenteil…“
„Weiß schon, bin ja nicht blöd, das Gegenteil von Konjunkhoch.“
„Fast richtig. Die Möglichkeitsform.“
„Hätte ich Ihnen auch sagen können“.
Genau. Hätte, würde, könnte. Die Generation Konjunktiv. Beherrscht die Sache aus dem Effeff, der Junge, ist aber nicht eingebildet darauf und hängt es nicht an die große Glocke. Und weil er sich wahrscheinlich nichts sehnlicher wünschte, erklärte ich ihm das auch.
„Ja, ja“, bestätigte er, „die Konjunktivitis beherrschen die Welt.“
„Das kannst du laut sagen“, lobte ich ihn. Obwohl „Konjunktivitis“ die Bindehautentzündung ist. Aber immerhin soll man auch mal loben, wenn sich jemand Gedanken macht. Und wer weiß denn, ob die Bindehautentzündung nicht wirklich die Welt beherrscht? Also hatte der Bengel recht, der ob des Lobes auch recht zufrieden aussah, glücklich grinste, sich aus seiner Tasche ein Buch herausgrabbelte und daran lutschte.
Das verblüffte mich dann doch wieder:
„Wieso leckst du denn das Buch ab?“
„Blöde Frage. Heißt doch Leck-türe. Warum heißt das wohl so?“
„Äh…, na ja…“
„Sehen Sie? Wissen Sie nicht. Darauf eine Schale schales Bier.“
Ja leck-o-mio! Der Junge besaß Wissensdurst. Also weniger Wissen, dafür mehr Durst.
Trotzdem platzte er fast vor Stolz: „Macht nix, wenn Sie das nicht wissen. Sie scheinen ja sowieso nicht die hellste Kerze auf der Torte zu sein. Müssen Sie halt mal Ihren Pfleger fragen.“

Aber zurück zum Konjunktiv. Wenig bekannt ist es, dass man damit Schabernack treiben kann. Bei der Wettervorhersage zum Beispiel, wo man für Atlantische Tiefausläufer Namen kaufen darf. Da werde ich mal ein Tief erwerben und ihm den Namen „Kon Junk“ geben. Wenn der Sprecher der Tagesschau dann sagt, „über London steht das Kon Junk-Tief“, das würde unter Germanisten heillose Verwirrung stiften.
Das aber nur als Möglichkeit.
Ich glaube eher, zu achtzig Prozent ist die Möglichkeitsform erfunden worden, um die Vorzüge der Ehe zu schildern: „Wie ist denn deine Ehe so?“
„Die könnte super-gut sein, wenn sie nicht so wäre, wie sie ist.“
Andererseits könnte die Möglichkeitsform – richtig angewandt – 
aber auch so manches Paar retten.
Pfarrer: „Würden Sie diesen Mann heiraten? Dann sagen Sie 
ja, ich will“.
Braut: „Nein, warum sollte ich?“

Ich selbst halte vom Konjunktiv als Möglichkeitsform allerdings rein gar nichts. Weil ich in der Gegenwart lebe. Im Hier und Heute.
Mit einer Einschränkung: wenn ich können dürfte wie ich wollen würde…, ja dann würde einiges anders aussehen. Besser. Zuerst in der deutschen Schrift. Da würde ich der aufgelockerten Bildform eine Chance geben. Beispielsweise beim Wort überwinden, wo der Name „Erwin“ enthalten ist. Also würde ich das Bild meines Freundes Erwin einfügen und so schreiben: Sähe doch viel persönlicher aus.

Ein anderer Fall. Auch Berufe könnte man in anschaulichen Schildern schildern.  Vor allem in Heimen, wo die Menschen angeblich nichts zu lachen haben. Warum den Heimalltag nicht mal mit einem kleinen Rätsel auflockern? Wenn der Chef Erzieher, oder bildlich gesprochen R-Zieher ist:

Da darf jetzt nur keiner der listi­gen Heimbewohner das „R“ überkleben und eine Korken aufmalen.
Wenn ich wollen könnte wie ich dürfen würde, dann würde die Welt sowieso anders aussehen. Dann gäbe es nicht mehr diese lästigen Bissatacken durch Mücken. Es gibt nämlich eine einfache Medizin dagegen. Jedenfalls für Männer. Das ist eine leicht bekleidete Begleiterin mit süßem Blut als Bissableiterin.
Gut, für die Frau hätte das gewis­se Nachteile, aber so schlecht sehen kleine, rote 
Pickel ja auch nicht aus.

Und wo wir schon bei der Zukunft sind: Ich könnte sogar stinkreich werden, wenn ich wollen würde. Mit einer Geschäftsidee. Stichwort Morbus Telefonitis. Zu Deutsch Quasselsseuche. Um das 
Grundbedürfnis nach der Seuche zu befriedigen, würde ich die  
FREISPRECHANLAGE  FÜR ARME groß rausbringen. Einfach eine kleine Lasche ans Handy kleben und dann ans Ohr tackern.
Hätte übrigens auch der Junge im Flugzeug gebraucht. Brüllte unaufhörlich in seine Quasselkiste, kaum dass der Flieger aufgehüpft war. 
„Könnte sein, dass mich dort jemand abholt“, flüsterte er mir zwischen zwei Telefonaten zu.
„Musst nicht flüstern“, meinte ich mit normaler Lautstärke, „ist doch keine Schande, wenn dein Bewährungshelfer auf dich wartet.“
Text: Jochen Krenz
klausdieter.s@clix.pt
ESA 9/14

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