Geben & Nehmen

Der Redaktionsbote, Geheimrat Schneider, verblüffte mich mit einer unglaublichen Feststellung: „Sie! In diesem Jahr fällt der Heilige Abend auf den 24. Dezember!“ Ich: „Nicht möglich.“ Genaue Recherchen unter Mithilfe von Eurospy, NSA und KGB ergaben dann aber, dass Geheimrat Schneider nicht ganz Unrecht hatte. Daraus folgerte die Redaktion nun messerscharf, dass wir bald den Dezember haben müssten. Und auch da ergaben genaue Untersuchungen, dass dies stimmen dürfte. Dezember. Da ist es nun einmal an der Zeit, das allgemeine Geben und Nehmen der Mitmenschen zu würdigen. Denn – und das mag jetzt vielleicht einige Leser überraschen – der Dezember ist traditionsgemäß der Monat der Liebe. Das sieht man daran, dass in diesem Monat die allermeisten Steuerbescheide, Mahnungen und Insolvenzanträge verschenkt werden. Wobei wir beim wichtigsten Thema sind: Verschenken. In keinem Monat ist das Geben und Nehmen ausgeprägter als im Dezember. Was liegt da näher, als eine Hitliste der großzügigsten Geber und Nehmer zu erstellen? „Alles?“, meinen Sie. Stimmt. Deshalb machen wir es auch hier. Also zunächst das Geben. In der Apostelgeschichte 20 Vers 35 wird unser Herr Jesus mit den Worten zitiert: „Geben ist seliger denn Nehmen.“ An anderer Stelle wird behauptet: Den Seinen gibt der Herr ein Schaf. Dieser Gedanke des christlichen Gebens ist es denn auch, der sich seit damals durchgesetzt hat. Und wer ist da wohl an erster Stelle zu nennen? Erst einmal natürlich unsere Politiker. Sie geben ständig etwas. Sie geben an, sie geben uns ihr Wort und oft geben sie uns auch noch Schuld. Schuld daran, dass wir falsch gewählt haben. Und all das, was sie uns geben, kostet sie keinen roten Heller. Das ist genial. Die zweitüppigsten Geber sind aber zweifellos die Brüder Klitschko. Völlig uneigennützig teilen sie aus, was das Zeug hält. Und sie geben gerne! Gut, nicht gerade mit offenen Händen, aber was diese beiden an barmherzigen Geschenken nennen. Über diese steht im Internet- Lexikon Wikipedia wörtlich, sie gehörten im 19. Jahrhundert zu den bekanntesten Bankräubern, die „…nach Jahren mäßigen Erfolgs als Farmarbeiter ihr Talent für Eisenbahnüberfälle entdeckten…“ Das ist in der Tat ein Talent, das erst einmal geweckt werden will! Jedenfalls die Dalton-Brüder. Sie gehören immer noch in die oberste Liga, was das Geben von Fersengeld betrifft. Was die vier Brüder an Fersendollar gaben, das hat bisher kaum jemand zusammengestottert. Bei ihren Raubzügen gaben sie übrigens auch noch andere Dinge: Gas bei der Flucht. Acht, dass sie nicht erwischt wurden. Und kein Pardon bei der bewaffneten Bitte um Dollars. In diesem Zusammenhang ist es übrigens interessant, dass man sogar dieselbe Sache gleichzeitig geben und nehmen kann. Nämlich Acht. Ich kann Acht geben, mich gleichzeitig aber auch in Acht nehmen. Das soll einer verstehen. Aber das nur am Rande. Normalerweise sind Geben und Nehmen aber gegensätzliche Dinge, allerdings nur in Verbindung denkbar. Logisch. Wo es einen Geber gibt, muss auch ein Nehmer versteckt sein. Und auch da kommen wir übergangslos zu den Dalton-Brüdern. Klar, dass sie nicht nur gaben. Komisch aber, dass sie auch in der Hitliste der Nehmer ganz weit oben stehen. Weil sie so ziemlich alles nahmen. Außer Rücksicht. Die passte nicht mehr in die Jutesäcke der Nationalbank. Aber sonst, wie gesagt, nahmen sie einfach alles. Erst nahmen sie meistens einen zur Brust, dann sich ein Herz und viel Mühe auf sich, schließlich die Chance wahr, dann das Geld und abschließend die Beine in die Hand und später noch den Mund ziemlich voll. Dabei wurde ihnen zum Verhängnis, dass sie noch jemanden nahmen. Nämlich den Sheriff. Erst auf die Schippe, dann nicht für voll. Ein böser Fehler. Das war mal. Heute ist das alles anders. Neuerdings setzt sich tatsächlich der weihnachtlich-wohltätige Gedanke des Gebens durch. Überall geben die Leute Kontra, sich einen Ruck oder – und da sind wir schon wieder beim Politiker nach der Wahl – sich zu erkennen.

Jochen Krenz

ESA 12/13

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