Der Eisbär kommt heut nicht

Der November ist ein komischer Monat. Der Monat, in dem der Hannibal der Überraschung vor der Tür steht. Im letzten Novem-ber beispielsweise lustwandelte ich am Strand von Lagos und das Letzte, was ich dort erwartet hätte, war ein Eisbär. Und wirklich kam auch keiner. Mich hat es fast umgehauen vor Überraschung. Und was sagt uns das jetzt? Eigentlich gar nichts. Außer vielleicht, dass wir uns im November damit überraschen könnten, in uns selbst zu gehen, wenn schon draußen nichts los ist. Und wenn der Eisbär schon nicht kommt. Das schlug ich auch in der vorigen Woche meinem Kumpel Gottfried vor. Jenem Freund, dem man alles Mögliche nachsagen kann, aber nicht, dass die Lunte der Magersucht an ihm glimmt. „In uns gehen…?“, überlegte er laut und leckte sich über die Unterlippe. Ich erwartete, dass er sagt „da war ich schon, da ist auch nichts los“. Stattdessen meinte er: „Aha! Daher weht der Hase. Das heißt aber nicht wir gehen in uns selbst, sondern etwas geht in uns.“ „Etwas? Was denn zum Beispiel?“ „Vielleicht mal wieder ein ordentliches Eisbein.“ „Ach so. Aber ich meinte eigentlich, dass man sich etwas gönnt. Vielleicht auch kultureller Natur. Musik, wunderbare Klänge .“ „Sag ich doch! Gibt es einen schöneren Klang als den Essengong?“ „Denkst du nur ans Essen? Na gut, dann eben Literatur. Ist auch im November an- gebracht.“ „Auch gut. Vielleicht was Spannendes. Und was ist spannender als das Studium der Speiskarte?“ „Herrje, KULTUR! Nichts mit Essen. Dann eben Malerei.“ „Sag ich doch! Immer gut, wenn die Zähne was zum Mahlen haben. Deshalb nennt man die ja auch Mahlwerkzeug und die Zeit der Speise ist die Mahlzeit…“ „Schon gut“, resignierte ich. „Sag ich doch“, sagte er zum dritten Mal. Andererseits war das Gespräch auch wieder keine ganz große Überraschung. Weil allgemein bekannt ist, dass Gottfried unter einer Diätintoleranz leidet. Das ist so was wie eine Laktoseintoleranz, nur das Gegenteil. Wie bei jeder Krankheit kann der Patient aber nichts dafür. Die Werbung hat Schuld, die ihm die Nahrung einprügelt. Und seine Frau, die gut kocht. Und Bauknecht, der den Kühlschrank ohne Geheimschloss gebaut hat. Eben alle, nur er selbst nicht. Wichtig bei einer Überraschung ist, dass man sie nicht einfach macht, sondern laut herausbrüllt. Damit der Überraschte die Überraschung auch merkt. Denn eine Überraschung, die keiner bemerkt, hat ihren Beruf verfehlt. Deshalb, wie gesagt, die gebrüllte Ankündigung. Und darin ist nun der Amerikaner unübertroffen. Dazu muss gesagt wer- den, dass Überraschung sowohl in Ausländisch, in Englisch als auch in Amerikanisch surprise heißt. Ausgesprochen: Sörpreis, was auch für Menschen leicht auszusprechen ist, welche die ausländische Zunge nur gebrochen bewegen. Die Sörpreis wird übrigens leicht mit dem Walisischen Lord Sir Price verwechselt. Aber das nur nebenbei. Der größte Sörpreiser auf Gottes Erdboden ist jedenfalls der Amerikaner. Selbst im allerbilligsten Hollywoodstreifen ist absolut immer einer dabei, der ein paar Mal Sörpreis, Sörpreis!!! brüllt. Ob er abends ohne Schuhe ins Bett krabbelt, ob er im voll besetzten Fahrstuhl einen fliegen lässt oder über einem Dorf in Vietnam ein bisschen Friedensnapalm abwirft. Es macht ihm einfach Spaß, ein wenig Schabernack zu trei- ben und dabei wie am Spieß Sööörpreiiis zu brüllen. Keine großen Überraschungen bietet der November dagegen auf der Ebene der Staatslenker, die sich gerne zum Jahresende dort treffen, wo die Wände Ohren haben. Also überall. Ob das nun das G20- Treffen ist, die G7-Zusammenkunft oder der G1-Gipfel – das ist Putin alleine –; alle Medien orakeln über Neuigkeiten und be- haupten, die Mächtigen dieser Welt würden dort von der großen Politik beleckt werden. Im G1-Falle Putin von sich selbst. Könnte aber auch sein, dass diese Treffen einfach dazu dienen – und das würde die Überraschungsarmut bestätigen –, dass die Politiker einfach ihre alltäglichen Oblügenheiten koordinieren. In der Hohen Politik wird übrigens in letzter Zeit häufig eine gewisse Schwulenangst festgestellt. Woher dies kommt, das erfährt der überraschte Leser exklusiv hier. Schuld ist der römische Satiriker Aulus Persius Flaccus. Seiner Feder entschlüpfte A. D. 49 der Satz „homo homini lupus“, was richtig übersetzt „der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ bedeutet. Die schlafmützigen Übersetzer der Politiker haben aber nur gelesen „homo…“ und wieselflink übersetzt „der Schwule ist dem Menschen ein Wolf“. Ein historischer Lapsus. Ein bedauerlicher. Und ein dusseliger dazu. Fast so groß wie der Lapsus, am Strande der Algarve einen Eisbären zu erwarten. Trotzdem. Kann ja alles mal sein. Falls also jemand an Portugals Südküste eines Eisbären ansichtig wird und seine Gänsehaut überzulaufen droht, da hilft nur eins: ergreifen! Und zwar die Flucht. Welche Schritte man danach unternehmen muss? Lange und Schnelle!

Jochen Krenz

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