Das! Braucht! Jeder!

Früher muss es wirklich schlimm gewesen sein. Also rein konsumtechnisch. Da gab es witzige Leute, die haben Bescheidenheit gepredigt! Und Sparsamkeit. Natürlich waren das Komiker. Wilhelm Busch zum Beispiel:

Mein lieber Sohn, du tust mir leid,
dir mangelt die Enthaltsamkeit.
Enthaltsamkeit ist das Vergnügen
an Sachen, welche wir nicht kriegen.
Drum lebe mäßig, denke klug,
wer nichts braucht, der hat genug.

1962 sammelte Ludwig Erhard den Gedanken aus dem Müll der Geschichte. Aber Erhard war Politiker und damit Realsatiriker. Und er rief zum Maßhalten auf. Sehr drollig. Eine Aufforderung, die man heute nur noch vom Oktoberfest kennt. Und da heißt es nicht „das Maß“, sondern „die Maß“ und bedeutet genau das Gegenteil, weil man ja keinen Igel in der Hosentasche hat. „Und sparen ist sowieso pfui! Zutiefst unsolidarisch“, erklärte ich kürzlich meinem Neffen.  „Ich würde gerne was sparen, wenn ich etwas hätte, das ich sparen könnte“, widersprach er mir. „Pssst!!! Sag das bloß nicht laut!“, flüsterte ich.  Die modernen Zauberworte des wirt­schaft­lichen Hamsterrades heißen nämlich „Wachstum“ und „Wertabschöpfung“. „Wachstum“ heißt, man gibt uns jedes Jahr ein bisschen mehr. „Wertabschöpfung“ bedeutet: Das Bisschen knöpft man uns so schnell wie möglich wieder ab. So sind alle zufrieden und der Drops ist gelutscht. Allerdings ist der Drops noch nicht erfunden, der da gelutscht werden müsste. Um den Menschen etwas zu geben, was man ihnen wieder abluchsen kann, müsste man erst einmal etwas haben, was man ihnen geben kann. Das ist Pech.  Also doch lieber sparen und nur das wollen, was man braucht? Aber was braucht der Mensch eigentlich? Die Antwort: gar nicht mal besonders viel. Mit Ausnahme vom Spiegel-Ei-Phon, das oben rechts abgebildet ist. DAS! BRAUCHT! JEDER! Steht ja schon dort. Sonst hätte man es nicht hingeschrieben. Das Gute an jenem Ei-Phon ist auch: es ist völlig ungefährlich. Man kann sich mit dem Eigelb höchstens aus Versehen das Ohr zukleistern. Im Gegensatz dazu gibt es leider auch andere nützliche Dinge, die aber höchst riskant sind. Zum Beispiel die Digitalkamera! Die braucht auch jeder; ist aber in der Hand junger Großmütter so, als würde man Kinder mit Rasierklingen spielen lassen. Die Folge ist nämlich ein geradezu strangulierender Foto-Tsunami:
Der Malte von links. Der Malte von rechts. Der Malte von oben. Der Malte von unten. Der Malte auf dem Töpfchen. Der Malte lacht. Der Malte weint, der Malte als Poster ………
Bei all den elementaren materiellen Bedürfnissen dürfen wir aber eine Sache nicht vergessen! Was der Mensch am allernotwendigsten braucht, das ist geistige Nahrung. Dazu zählt auch intelligen­te Lyrik. Gedichte, die nicht so sinnfrei sind wie die absurden Enthaltsamkeits-Verse von Wilhelm Busch. Dieses Gedicht zum Beispiel:

Ein Esskimo und ein Trinkimo
erbrachen sich im Bahnhofsklo.
Da stöhnte laut der Esskimo:
„Warum, weshalb, wieso?“

„Na ja“, wird jetzt vielleicht jemand stöhnen, „so richtig geistig gefordert wurde man bei dem Gedicht aber nicht.“ Ganz schön anspruchsvoll! Deshalb hier noch ein Bilderrätsel: Welches Sprichwort wird hier dargestellt?

Wo wir gerade beim Thema „Brauchen“ sind: Etwas bzw. Einen brauchen wir aber immer: den Oberlehrer, der uns verbessert. Vor allem beim „Brauchen“. „Brauchen“ wird bekanntlich in bestimmten Satzkonstellationen nur mit dem Zusatz „zu“ gebraucht. Das kann man aber leicht mal übersehen, und so ist es auch mir passiert.
„Das brauchst du nicht wissen“, meinte ich eines Tages zu meinem Freund Gottfried. War grammatikalisch völlig falsch, weil ich das „zu“ vergessen hatte. Peinlich.
„Halt!“, verbesserte mich Gottfried deshalb. Mit was? Mit Recht! Und mit einem alten Lehrsatz: „Wer ›brauchen‹ ohne ›zu‹ gebraucht, braucht ›brauchen‹ überhaupt nicht gebrauchen!“ So ist es. Wäre natürlich besser gewesen, wenn er den Satz richtig gesagt hätte. Mit dem „zu“. Brauchen wir aber nicht so eng sehen…, äh…, zu sehen.

Jedenfalls können wir festhalten, dass man eigentlich ganz wenige Dinge wirklich braucht. Dafür gibt es umso mehr, was man heute nicht mehr braucht. Zum Beispiel Allgemeinbildung. Wozu? Macht nur einen schweren Kürbis und drückt auf den Hals. Hier mal eine kleine Auswahl desssen, womit in einer ganz normalen Schule die armen Schüler jeden Tag gequält werden:
„Wie heißt der russische Innenminister?“
„Karl Laschnikoff!“
„Gut. Geht als Antwort durch.“
„Wodurch ist Wilhelm Busch bekannt geworden?
„Er hat das gleichnamige Windröschen
erfunden.“
„Vollkommen richtig.“
„Warum wachsen die finnischen Kiefern so gerade?“
„Weil sie vom Kieferorthopäden gepflanzt wurden.“
„Stimmt. Alles prima. Setzen!“

Jochen Krenz
klausdieter.s@clix.pt
ESA 7/13

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