Satire – Esel auf dem Eis

Esel auf dem Eis

Tatort Geburtstagsparty. Ich war mit meinem Neffen dort. ,,Was soll ich bei dem weichbirnigen New-Economy-Wiesel?”, fragte er zunächst, aber dann kam er mit. War alles super. Essen, Getränke, Gespräche. ,,Das nenn’ ich mal’n korpulentes Mahl”, kalauerte Tobias zufrieden. Alles ging gut, bis ihn der Gastgeber launig ansprach: ,,Ich glaube an Wiedergeburt. Was ich dann wohl werde?” ,,Auf jeden Fall kein Rindvieh”, beruhigte ihn Tobias. ,,Gut zu hören”, grinste der Mann, ,,und wieso?” ,,Weil man nicht zweimal als dasselbe auf die Welt kommt.” Volltreffer! Tobias hatte noch wochenlang was davon. Nämlich Ärger. Und das war gut. Nichts ist nämlich schlimmer als wohlige Zufriedenheit. Die macht phlegmatisch. ,,Stillstand ist Rückschritt”, sagt der Volksmund, und er nennt auch gleich das Rezept: ,,Wenn’s dem Esel zu gut geht, geht er auf’s Eis.” Das funktioniert immer, kostet nichts und macht Freude. Vor allem funktioniert es im Kleinen wie im Großen. Zuallererst natürlich in der Politik. Konjunktur läuft, Umfragewerte sind oben…, da taucht unwillkürlich die Frage auf: ,,Wie können wir uns am besten einen Knüppel in die Weichteile schlagen?” Zum Beispiel mal die Sommerzeit einführen. Wie in Deutschland in den Siebzigern geschehen. Ist so sinnvoll und angenehm wie ein Gesäßfurunkel. Nur, dass alle länger was davon haben. Oder in Portugal. Da mag sich eines Tages dieses zugetragen haben: Zwei dicke, zufriedene Politprofis standen auf dem Monchique und grunzten zufrieden wie zwei Ferkel, die nach Eicheln wühlen: ,,Ahhhh! Tolle Gegend hier. Wunderbare Natur. Und diese Stille. Einmalig. Herrlich! Wie können wir das am besten verschandeln? Ich hab’s! Indem wir eine Autorennstrecke ins Paradies graben.” Gesagt, getan, und schon gibt’s allenthalben glücklichen Streit. Besser geht’s nicht. Allerdings muss man nicht unbedingt Politiker sein, um auf’s Eis zu gehen. Und man muss auch nicht gleich eine ganze Gegend zerstören. Geht auch eine Nummer kleiner. Mit ganz wenig Aufwand. Manchmal genügen kleine, tröstende Bemerkungen: ,,Furchtbar, hab viel Geld beim Pferderennen verloren. Hatte gestern auf ,Wirbelwind’ gesetzt.” ,,Mach dir nichts draus. Das Pferd hätte in deiner kleinen Wohnung sowieso keinen Platz gehabt.” ,,Idiot!”

Oder wenn es Streit mit der Freundin gab, mittlerweile Gras über die Sache gewachsen ist und wieder wohlige Zufriedenheit herrscht. Den Konflikt kann man leicht auffrischen: ,,Kann ich dich am Sonnabend besuchen?” ,,Na gut…, meinetwegen.” ,,Prima. Und wenn ich komme, trägst du am besten das rote Seidenkleid. Über dem Arm.” ,,Blöder Hammel!” Erfolgversprechend sind auch kleine Kalauer bei den künftigen Schwiegereltern: ,,Guten Tag Frau Fischer, ich wollte Ihre Tochter zum Fischen abholen.” ,,Aber wir heißen Vogel!” ,,Weiß ich, aber ich wollte nicht mit der Tür ins Haus fallen.” Anmachsprüche sind auch nicht zu verachten, um Zufriedenheit zu vertiefen: ,,Hallo schöne Frau, mein Name ist Schäfer, möchten Sie vielleicht auf ein gleichnamiges Stündchen…” ,,Dämlicher Schafskopf!” Jetzt werden vielleicht einige sagen: ,,Gut und schön…, aber ich heiße nicht ,Schäfer’. Funktioniert das Esel-Eis-Syndrom auch anders?” Aber sicher: überall und immer. Angenommen, jemand hat ein Dach über dem Kopf, ausreichend zu mampfen, ist männlich und die Glatze stört nicht. Er ist so zufrieden, dass es weh tut. Was kann er dagegen unternehmen? Richtig: einen Krieg mit einem anderen Glatzkopf anzetteln. Am besten um einen Kamm. Motiv? ,,Wie…, Motiv?” ,,Ich meine…, hast du ein Motiv?” ,,Nee, bin kerngesund.” Gemein ist nur, dass ihm viele trotzdem ein Motiv unterstellen, bis hin zur Minderpotenz. Und wenn sie tuscheln: ,,Wenn der Pillermann nicht will wie er, muss ein Kleinkrieg her”. Natürlich kann man noch andere Dinge unternehmen, wenn es einem zu gut geht. Bewährt hat sich auch, den Klugscheißer raushängen zu lassen. Das kommt immer gut an. Vielleicht sehen wir mal am Strand eine aggressionsfreie Müsli-Sportlergruppe, die im NVA-Gleichschritt mit Skistöckern das moderne Nordic-Walking treibt. Sofort laut brüllen: ,,He!!! Ihr Trottel habt eure Skier verloren!” Dann aber das Hasenpanier ergreifen, um zu überleben. Übrigens müssen wir uns keine Sorgen machen, als flegelhaft zu gelten, wenn wir verbal ins Fettnäpfchen treten, welches wir vorher selbst hingestellt haben. Solange wir nicht mit vollem Mund sprechen. Das gilt als unhöflich. Mit leerem Kopf zu sprechen ist dagegen nicht unhöflich. Außerdem ist es so, dass Höflichkeiten unsererseits ebenso höflich beantwortet werden können. So wie bei der eingangs erwähnten Geburtstagsparty. Nach der Wiedergeburts-Bemerkung von Tobias griff der Gastgeber nach seinem Schampus-Glas, nahm einen Teelöffel, kling-kling: ,,Ich möchte Sie jetzt bitten, das Glas und die Wohnung auf mein Wohl zu leeren.” Nun waren wirklich alle zufrieden!

Jochen Krenz klausdieter.s@clix.pt

 

,,Furchtbar nette Leute” ­ Band 2
von Klaus-Dieter S. Das Schmunzelbuch der Algarve. 191 Seiten scharfsinniger Humor, Zeichnungen von Etna. Erhältlich über unserem Verlag Editurismo. Preis: 8; zuzüglich Porto: Portugal 2, EU 5.

ESA 11/10

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