Satire – ,,Halt’s Maul, Toter”

,,Halt’s Maul, Toter”

Früher hatten wir es schwer. Vor allem im Umgang mit Menschen. Ein Beispiel: ,,Hast du auch den Strom abgeschaltet, wenn du an der Steckdose bastelst?”, fragte die Ehefrau. Antwort: ,,Ja, jaaaaa, ich weiß schon, was ich tuijujuiiiiiii…..” So war das damals. Auf Frauen hörte man nicht gerne. Die haben’s nicht so mit der Logik. Heute erzählen uns Maschinen, wie der Hase hoppelt. Auf die hören wir gerne. Die sind logisch. So wie das Navi im Auto, das uns statt nach Lissabon zur Liselotte von der Pfalz schickt. Da wollten wir sowieso lieber hin. Maschinen lügen nämlich nicht. Das zeigt uns auch ein anderes Instrument am Auto: der Tacho. Der Beweis: ,,Lügen haben kurze Beine”. Das sagt jetzt kein Dackel, sondern der Volksmund. Und? Klingelt’s? Haben Sie schon mal einen Tacho mit kurzen Beinen gesehen? Na also! Mal angenommen, Sie rasen auf der Autobahn auf der mittleren von drei Spuren, umzingelt von hektischen Dränglern und Bluthochdrücklern. Ihr Tacho zeigt lockere 130. Plötzlich steht er auf Null. Sie rasen weiter, klopfen gegen den Zeiger, aber er rührt sich nicht. Was machen Sie also? Richtig: Sie öffnen die Tür und steigen aus! Weil die Technik nicht lügt! Sie übrigens auch nie mehr ­ in diesem Falle. Aber auf die Glupschaugen im Kopf achten oder gar aufs Gefühl…., das ist nur was für absolute Schwachstromer. ein anderer Nachteil sei, dass sie sich stets zu unseren Ungunsten irren -­ falls sie sich irren, was sie aber nicht tun ­, aber das stimmt nicht. Im Gegenteil. Das habe ich in einem großen Supermarkt erlebt. Sie sehen hier den Original-Kassenzettel:

Ich musste 6,66 bezahlen, gab einen 20-Schein hin, und der Computer spuckte aus: ,,Troco, also Rückgeld 2.013,34.” Die Kassiererin gab mir aber mit höflichen Worten nur 13,34. Ich antwortete ebenso höflich: ,,Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.” ,,Hä???” Also sagte ich das, was die Händler sagen, wenn wir uns beschweren: ,,Kann gar nicht sein! Hier steht’s ja.” Der Geschäftsführer war beim Abzählen der Scheine so glücklich, er hätte mich am liebsten mit dem Computer verheiratet. Blöderweise habe ich aber schon einen, und Computerbigamie erregt den Zorn der Geräte. Meine Computerin ist auch so schon hin und wieder eingeschnappt udn vertaushct ma Schulss dei Buchstabne.

Deshalb finde ich es beruhigend, dass neuerdings auch in der Medizin die Apparate das Zepter schwingen. Auch auf der Intensivstation. Das weiß ich von einer Intensivschwester. Sie schwor mir einen Deineid, den folgenden Vorfall nicht aus ihren schlecht unterrichteten Fingern gesogen zu haben: Auf ihrer Station lag ein Mann an der Herz-Lungen-Maschine. Der Apparat machte regelmäßig piep…, piep…, piep…, piep…, piep…, und plötzlich piiiiiiiiiiiiiip. Der Patient erwachte, bekam ­- obwohl er Christ war ­- einen Heidenschreck und brüllte: ,,Doktor, die Maschine spinnt!” Ließ sich der junge Schulmediziner von diesem Simulanten irritieren? Natürlich nicht. Als elektronisch versierter Fachmann, der sich ganz ohne Latein auszudrücken verstand, murmelte er ,,Halts Maul, Toter!”, und zog den Stecker der Maschine raus, um Strom zu sparen. Eins ist allerdings schade beim Umgang mit Maschinen. Sie lachen nicht mit uns, wenn sie uns erschrecken. Da hat der Umgang mit Menschen die Nase vorn. Wenn uns morgens um vier die Polizei die Tür eintritt, weil sie sich mal wieder in der Adresse geirrt hat, dann können wir die Sache mit einem launigen Satz entkrampfen: ,,Tritt sie ein, bring Glück herein”. Dann grinsen die Beamten und klopfen uns mit ihrem Überzeugungsstab aus Hartgummi wohlwollend auf Schulter und Schädel. Oder wenn unser Rottweiler am Badestrand wütet und ein Kind brüllt: ,,Der guckt so komisch”, dann können wir kalauern ,,Das ist ja auch ein Sehhund”. Schon schmerzt die Bisswunde nicht mehr. Mit sowas beißen wir bei Maschinen auf Blech. Ich habe es trotzdem mal versucht. Das Auto sprang nicht an. Also versuchte ich einen Scherz und trat die Scheinwerfer ein: ,,Wenn du nicht fahren willst, brauchst du auch nicht zu glotzen!” Das Auto hat nicht mal ansatzweise gegrinst. Das ist aber der einzige Nachteil von Maschinen und Apparaten.

Klaus-Dieter S.

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ESA 06/09

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