Neues aus Kannibalien

Es ist noch gar nicht lange her, da begab es sich, dass im tiefsten Neuguinea ein Eingeborener einen Freund traf und staunte: ,,Du hast ja einen furchtbaren Schluckauf”. ,,Ja”, meinte dieser, ,,schrecklich. Das liegt an dem köstlichen Wanderzirkus, der gestern hier war. Der Clown kommt mir immer wieder hoch.” Schlimm, nicht? ,,Aber zum Glück”, werden Sie jetzt vielleicht denken, ,,sind die Zeiten vorbei, dass den Menschen angesichts eines saftigen Clowns oder eines leckeren Missionars das Wasser im Mund zusammen läuft.” Das dachte ich auch. Ich hatte mich längst an fangfrischen Pfannkuchen oder von polnischen Erntehelfern gepflückte Spaghetti gewöhnt, als in einem schlechtbürgerlichen Restaurant neben Rinderfilet und Karnickelbandscheiben die Nr. 19 meine Sinne beleidigte: Bauern steht da nix. Außerdem hat man statt ,,Bauernblut-Wurst” die Ein-WortSchriftweise gewählt, um den Konsumenten vollständig hinter sein eigenes Licht zu führen. Pfui! Es kommt aber noch schlimmbesser. Neben besagter blutrünstiger Wurst wird uns noch Bauernmettwurst und sogar Bauernomelett aufgedrängt. Wie sieht da ein Rezept aus? ,,Man fange 1 bis 2 nicht übergewichtige Bauern und presse sie in die Pfanne…”?

Die Anleitung hätte auch den Vorteil, dass Otto Normalfresser wüsste, woher der Brutzelbraten kommt. Bei anderen Fleischwaren ist das eher unsicher. So wie bei dieser Wurst, die sich selbst Cervelatwurst nennt. Hat schon jemals jemand ein lebendes Cervelat gesehen?

Ganz weit fortgeschritten ist der norddeutsche Kannibale. Er genießt nicht nur Wurstwaren von Lebewesen, sondern sogar flüssige Nahrung. Leider sucht man aber auf dem schönen Etikett vergeblich nach einem Hinweise, wie viele Wattwanderer man auspressen muss, um 1 Liter Hochprozentiges zu gewinnen. Dies war es nun, was bei mir das Fass zum Brechen brachte. Mir reichts. Ich hab genug von friesischen Getränken namens ,,Tote Tante”, von Frankfurtern, Wienern, Berlinern, Zigeunerschnitzeln ­ was korrekt Sintischnitzel heißen müsste ­, von Herrentorte oder auch von Tafelspitz. Neuerdings bleibt mein Teller oft leer. Das ist dann ,,Verlorenes Ei”. An Festtagen liegt mal das leckere Titelbild des ,,Playboy” auf dem Tisch: ,,Falscher Hase”. Nur zum Geburtstag koche ich das zweitliebste Gericht des Kannibalen: geröstete Schwarzwurzel, oder wie Eingeweihte sagen: ,,falscher Missionar”.

Geht man so mit ungeliebten Randgruppen um? Wann stehen dann Merkelschnitzel und Gysiburger auf der Speisekarte? Kohlsuppe und Seniorenteller gibts bereits! Auch das Königshaus von Hannover hat es schon erwischt. Und zwar knüppeldick! In einem Restaurant im Grenzgebiet zur Schweiz wird der Adel mit Altbiersauce angeboten: Holzfällersteak!!! Gut…, es wird nichts so heiß gebrochen, wie es gegessen wird! Trotzdem: Was soll man davon halten? Ich hab schon mal so makabere Leckereien wie Hackepeter und Blutige Maria, die der Engländer Bloody Mary nennt, probiert. Aber Holzfällersteak? Hätte auch nie gedacht, dass es noch so viele Holzarbeiter gibt, dass man sie in Teilstücken zum Spottpreis feilbieten kann. ,,Eine Ausnahme”, werden Sie jetzt einwenden. Weit gefehlt! Ich habe nachgeforscht und es ist weder traurig noch unwahr: Es gibt viele Speisen, die dem einfach gestrickten Hungrigen suggerieren, von freilaufenden Zweibeinern zu stammen. Was halten Sie von diesem zweifelhaften Produkt?

Klaus-Dieter S.
ESA 2/09

 

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