Das Karnickel hat angefangen

Es begab sich im Jahre 1828. Damals erzählte der Dichter Heinrich Lami folgende Geschichte: Der Hund eines reichen Bürgers metzelte das Kaninchen einer armen Marktfrau nieder. Darauf drohte die Frau dem Reichen mit Klage. Das hörte ein Schusterjunge und bot sich dem Herren ­ gegen ein kleines Trinkgeld ­ an, als Zeuge auszusagen, dass das Karnickel den Streit begonnen hätte. So stand der Gerechtigkeit nichts mehr im Wege. Die Sache ist zwar schon lange her, aber auch heute hört man noch, dass im Tierreich ganz übel provoziert wird. Die Maus provoziert die Katze, die Gans den Fuchs und der Fisch das Krokodil. Wodurch? Das sagt uns eine andere Geschichte: Ein junger, hungriger Löwe liegt in Lauerstellung vor einem ängstlichen Hasen. Gerade will er zuschlagen, da kommt der Löwenvater hinzu. ,,Was hat er dir getan? Du musst schon einen Grund haben, Meister Lampe anzugreifen”, sagt er. ,,Der Hase hat mich provoziert”, sagt der kleine Leo. ,,Wodurch?”, will der Vater wissen. ,,Weil er so aufreizend anders ist”, antwortet der junge Löwe. ,,Und wie ist er?”, fragt der Vater. ,,Na ja…, wenn er Hunger hat, frisst er was. Wenn er müde ist, schläft er. Und wenn er Durst hat, trinkt er Wasser.” ,,Waaaas?”, staunt der Vater, ,,Das nenn’ ich einen Grund.” Muss man sich da wundern, dass Leo das Friedensbeil begräbt und die Kriegspfeife raucht? Unsereiner kann sich kaum vorstellen, wie gemein es in der Welt der Vierbeiner zugeht. Was hat der fromme Wolf unter dem Terror der Schafe zu leiden!? Manch ein friedlicher Isegrim ist zum lebenslangen Krieg für den Frieden gezwungen. Zum Verteidigungskrieg natürlich. Wobei das Wort eigentlich nicht statthaft ist. Weil es selbstverständlich ist; weil es in der Geschichte der Welt noch niemals einen anderen als einen Verteidigungskrieg gab. Also ist das Wort doppelt gemoppelt. Sowas wie ,,weißer Schimmel”, ,,nasses Wasser” oder ,,ehrlicher Berlusconi”. Womit wir auch schon im Reiche der Menschen wären. Bei uns gibt es zum Glück fast nie Konflikte. Weil es gar keine Gründe dafür gibt. Das heißt, ein Fall ist mir da doch zu Ohren 74 gekommen: Eine bayerische Bäuerin will sich scheiden lassen. ,,Gibt es denn einen Grund”, will ihr Anwalt wissen, ,,ist er immer im Wirtshaus?” ,,Nein, der is’ alleweil daheim.” ,,Schlägt er sie?” ,,Nein, der ist der friedlichste Mann der Welt.” ,,Gibt er Ihnen kein Wirtschaftsgeld?” ,,Doch, so viel ich will?” ,,Und wie sieht’s mit der ehelichen Treue aus?” ,,Da packen wir ihn”, triumphiert die Bäuerin, ,,das dritte Kind, das ist nicht von ihm!”

Also wirklich…, manche Männer sind sooo gemein. Unglaublich. Einige sind sogar ohne Grund gemein; ohne in irgendeiner Weise provoziert worden zu sein. Das beweist diese Anekdote: ,,Bin bei der Fahrprüfung durchgefallen”, erzählt das Mädchen, ,,nur weil der Prüfer mich nicht leiden konnte.” ,,Wie kommst du darauf?”, fragt die Mutter. ,,Du hättest mal sein Gesicht sehen sollen, als die Sanitäter ihn weggetragen haben.” Gemein, oder!? Allerdings wäre DAS in Sachsen nicht passiert. Da passen die Leute nämlich auf, weil sie wissen: Alles, was mit ,,B” anfängt, bringt Unglück. Das erzählte mir Rolf aus Dresden: ,,Bazille, Brechstange und Brüfer.” ,,Und was ist mit der Bolidig?”, fragte ich. ,,Mit der Politik…? Homo homini lupus”, meinte Rolf, der Lateinkenner, ,,der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.”

Da laust mich doch der Affe! Ob Rolf’s Zitat wirklich zutrifft? Geht es unter Politikern tatsächlich so friedlich zu wie unter den lammfrommen Wölfen? Ich wollte es genau wissen und blätterte alte Zeitungen durch. Tatsächlich: Lauter Frieden und keine Provokation. Mit einer bedauerlichen Ausnahme. Vor einigen Jahren haben sich in Washington die mächtigsten Männer der Welt zu einem Gespräch getroffen. Dabei soll es um Politik gegangen sein. Und nun kommt’s: jene mächtigen Männer sind von dem Präsidenten eines anderen Landes dadurch bis aufs Blut provoziert worden, dass er keine Massenvernichtungsmittel hatte. Noch schlimmer: Er hatte vorher frech behauptet, er hätte keine. Dreister geht’s ja wohl nicht. Aber das ist eine Ausnahme. Gut ist jedenfalls, dass man sich heutzutage auch als kleiner Mann, als Karnickelmann oder als Otto Normalverbraucher ­ in Russland als Iwan Normalverbraucher, in der Türkei als Abdul Normalverbraucher ­ gegen Provokationen wehren kann. Sogar gegen staatliche, wie die Steuerlast. Überall sieht man Steuerzahler aus dem Finanzamt schwanken und brüllen: ,,Denen hab’ ich’s aber gegeben!”
Klaus-Dieter S

ESA 03/08

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