Satire – Schatzsuche

Schatzsuche

Wenn Sie mich zum Ende des Jahres hätten besuchen wollen, Sie hätten mich nicht angetroffen. Der Grund: ich war außer mir. Weil ich in der Weihnachtsgeschichte bei Lukas 2, Vers 1 etwas gelesen hatte, was mich so richtig aufwühlte: Alle Welt sollte geschätzt werden! Unglaublich! Konnte das stimmen? So eine friedliche Erde! Ich forschte bei zahl- und namenlosen Historikern nach, und tatsächlich: ,,Ich schätze meine Frau und den Kaiser”, soll seinerzeit eine galoppierende Redensart jedes Sandalenträgers gewesen sein. Und nicht nur das. Augustus hatte sogar befohlen, nicht nur ihn und die eigene Frau zu schätzen, sondern alle Welt. Deshalb liebte der Römer damals den Eskimo, den Indianer und später Kleopatra, die Paris Hilton der Antike, diese wandelnde Problemzone. Irgendwann reichte der Einfluss von Augustus auch noch bis in die Südsee, wo der Kannibale den Missionar schätzte. Vor allem süß-sauer.

Soweit zur Geschichte. Und nun kommt’s: Obwohl sich in den letzten zweitausend Jahren das Römische Reich geringfügig verändert hat, wird trotzdem noch wacker geschätzt. Ja…, es ist sogar eine gewisse Schätz-Inflation eingetreten.

,,Ich schätze es gar nicht, wenn man mir in den Kragen kotzt”, sagte mal ein Sitznachbar zu mir während eines ruppigen Fluges nach Hamburg. Hier wird ,,schätzen” für ,,ich mag nicht” gebraucht. Eine andere Bedeutung des Wortes ist ,,ich vermute”. Also: ,,Ich schätze, die meisten FC-Bayern-Fans gehen ins Stadion, weil sie sehen wollen, ob Uli Hoeness platzt.” Oder: ,,Ich schätze, ich bin ein großer Sympathisant der Arbeit, deshalb lasse ich sie gerne ruhen.” Und dann gibt es natürlich noch den Klassiker. Die Frage nach ,,wie viel”. Beispielsweise an den Ehemann: ,,Schätze mal, wie viel Bier ich dir eingekauft habe?” ,,Natürlich zwei, wie ich befohlen hatte!” ,,Schätze, das ist falsch. Eins. Du hast doch gesagt ich soll einkaufen, nicht zweikaufen.”

Apropos Bier: Schätzen Sie mal, für wie viele Schalke-Fans ein Kasten Bier reicht? Vier, meinen Sie? Bingo! Richtig. Für vier. Wenn drei nix trinken. Beim Schätzen dürfen wir aber keinesfalls weltliche Schätze vergessen. Materiellen Besitz, wie Geld, Gold und ­- bei Männern -­ eine eigene Frau, ganz für sich alleine. Manche Menschen sollen auch richtigen Bohnenkaffee oder einen Buntfernseher ihr Eigen nennen und ganz Vermögende einen echten Goldfisch. Ein Schatz…, das ist etwas sehr Wertvolles und Seltenes. In Berlin beispielsweise ein Gramm Abgeordnetenhirn. Die allerwertvollsten Schätze sind allerdings geistlicher Natur. So wie die Hymne der Mönche: ,,Brüder, zur Nonne, zur Freiheit.”

Schätze, das reicht… Wie kann es sein, dass ein einziges Wort so ausufert? Die Antwort ist einfach: Wie vieles, fängt auch dieses Übel in der Schule an. Da gibt es eine Geschichte, die sagt alles: Rechenunterricht in der Grundschule. Die Lehrerin: ,,Wir haben »schätzen« dran. Fritzchen, schätze mal, wie hoch die Schule ist.” Fritzchen steht auf : ,,1,56 m”. Lehrerin: ,,Wieso das?” Fritzchen hält sich die flache Hand unter die Nase: ,,Ich bin 1,66″, und die Schule steht mir bis hier.” Wegen Frechheit wird er auf den Flur geschickt. Dort fragt ihn der Direktor, was passiert ist. ,,Du hast noch eine Chance, wo’s um’s Schätzen geht”, sagt er dann. ,,Wenn du errätst, wie alt ich bin, darfst du wieder in die Klasse.” ,,44 Jahre”, antwortet Fritzchen wie aus der Pistole geschossen. ,,Stimmt”, staunt der Direktor, ,,wie kommst du darauf?” Fritzchen: ,,Bei uns in der Straße wohnt ein Halbidiot, der ist 22.” Schätze, Fritzchen durfte das restliche Schuljahr auf dem Flur verbringen. Immerhin ist es aber die Schule, in der wir etwas über zwei ganz wichtige Schätze lernen: über den Wortschatz und den Bodenschatz. Bedauerlicherweise hört man von diesen Schätzen später oft nur in anderem Zusammenhang: ,,Fall mir nicht immer ins Wort, Schatz”, oder ,,Wisch mal den Boden, Schatz.” Ich weiß nicht, wieso, aber in diesem Zusammenhang fällt mir die Ehe ein. Dort wird immer noch am meisten geschätzt. Das heißt: manchmal sogar schon vorher. ,,Ich schätze, sie kriegen sich.” Da liegt das Wort ,,Krieg” schon drin. Das beweist leider folgender Dialog: ,,Was macht die Ehe?” ,,Schätze, die geht.” ,,Wohin?” ,,In die Brüche.” Unter diesen Umständen tut es gut, dass es Menschen gibt, die sich auch nach langer Ehe noch respektieren, die ihren Schatz schätzen und ihm IMMER Recht geben: ,,Schatz, jetzt sind wir schon neun Jahre verheiratet. Ist das nicht schön?” ,,Stimmt! Das ist nicht schön.”

Klaus-Dieter S.

 

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