Satire – Kostet nix

Kostet nix

So konnte es nicht weitergehen. Jahrelang schleppte ich das schlechte Gewissen mit mir herum wie der Omni den Bus oder das Eich sein Hörnchen. Jetzt habe ich mich endlich überwunden: ,,Einen Milchkaffee bitte”, flüsterte ich der schwedischen Kellnerin in der Strandbar zu, ,,und entschuldigen Sie mehrmals den Dreißigjährigen Krieg.” Puuuhhh! Das war schwer. Aber auch ein herrlich edles Gefühl. Als Lüneburger, dessen Fürstentum seinerzeit im Kampf gegen Schweden vorne mitmischte, war die Entschuldigung längst überfällig. Das fand auch die Kellnerin. Sie lächelte glücklich und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum, um die Tränen der Rührung zu verbergen.

Aber es musste sein. Entschuldigungen sind nämlich modern. Sogar der Heilige Vater in seiner grenzenlosen Güte hat sich für die Inquisition im Mittelalter entschuldigt. Und Angela Merkel, die Jeanne d’Arc der Uckermark, hat zugegeben, dass der Mauerbau 1961 bisschen unschön war! So eine Entschuldigung kostet nix und ist viel persönlicher als schnöder Mammon für die Opfer.

Einer, der das schon immer wusste, ist der Engländer. Also nicht der verstellbare Sechskantschlüssel, sondern der lebende Inselbewohner, der chronische Geisterfahrer. Das ,,excuse me”, also ,,Entschuldigung” saugt er sich schon mit der Muttermilch ein und sagt es ungefähr tausendmal am Tag. Aus gutem Grund. Das merkt man bereits morgens, wenn einem der Londoner Kellner ein Englisches Frühstück bringt. Nun werden Sie vielleicht sagen: ,,Entschuldigung…, tut mir leid…, aber ich hab’ gar nichts, wofür ich mich entschuldigen müsste”. Das ist allerdings saublöd! Um in den Hochgenuss der Entschuldigung zu kommen, muss man erst Schuld auf sich laden. Ohne Schuld keine Entschuldigung. Heißt ja schon so. Aber gut, zur Not könnten wir uns noch beim Kakadu entschuldigen. Weil wir ihm das plumpe ,,du” anhängen und das höfliche ,,Kakasie” verweigern. Keinesfalls sollten wir das aber mit einem dahingemurmelten ,,`tschuldigung” machen. Heute ist englisch angesagt!!! Selbst der jugendliche Punk aus Bitterfeld sagt elegant ,,sorry”. Und wenn die Verzeihung gewährt wird, schleudert er den Rest seiner beeindruckenden Englischkenntnisse heraus: ,,Sängju!”

Das Beste an Schuld und ENTschuldigung ist aber dieses: wir haben zweimal Freude. Das habe ich bei Bernd aus Aurich erlebt, als ich ihm einen Witz erzählte. Einen Ostfriesenwitz. Hören die Ostfriesen gerne: ,,Ein Ostfriese holt beim Arzt Tropfen für seine Frau. Vor Gebrauch gut schütteln, sagt der Doktor. Am nächsten Tag fragt der Mediziner, hat’s geholfen? Ja…, obwohl sie sich erst heftig gewehrt hat, als ich anfing, sie durchzuschütteln. Ha, ha, ha…” Nachdem ich meine Platzwunde notdürftig versorgt hatte, habe ich mich natürlich bei Bernd entschuldigt. Aber so funktioniert das! Ich kann mich erst über den Witz bekringeln und anschließend genieße ich das edle Bewusstsein, die Größe der Entschuldigung zu besitzen. Das gibt keinen Heiligenschein, aber immerhin den Scheinheiligenschein.

 

Dummerweise besteht dabei aber ein kleines Risiko. Das Opfer muss tolerant sein. So großzügig wie mein Nachbar Rainer: ,,Ich bin unheimlich tolerant, solange die anderen zu Hause bleiben und die Schnauze halten.” So tolerant sind nicht alle! Angenommen, ich gehe (schleim, schleim) zum Indianer, und ­- kostet ja nix -­ entschuldige mich: ,,Mein roter Bruder möge verzeihen, dass ihm meine bleichgesichtigen Vorfahren den einen oder anderen Pferdediebstahl in den Mokassin geschoben haben.” Kleinlich, wie manche Menschen sein können, denen man das Land mitsamt dem saftigen Gras raubt, in welches seine Eltern gebissen haben, nimmt er meine Entschuldigung vielleicht nicht an. Möglich, dass er in mein Ohrfeigengesicht schaut, aus seiner Rothaut fährt und mir mit dem Tomahawk den Scheitel zieht. Das kostet dann doch was. Die Kopfhaut. Also lieber das Hasenpanier ergreifen und bisschen mit der Entschuldigung warten. So drei-, vierhundert Jahre. Apropos Indianer. Da gibt es eine Geschichte über jemanden, der sich schon für seine Existenz entschuldigen müsste. Der Wettervorhersager. Aber erst die Geschichte: ,,Oh, oh, Winter wird viel hart”, sagt der Sioux-Medizinmann, nachdem er in der Büffelsuppe gelesen hat. Also befiehlt der Häuptling, Holzvorräte zu sammeln. Sicherheitshalber ruft er aber lieber noch beim Wetterdienst an. ,,Winter wird hart”, bestätigt ihm der DiplomWetterfrosch. ,,Sagen das die Satellitenbilder?”, fragt der Stammesführer. ,,Das nicht, aber die Indianer sammeln schon Holz.” Mal gut, dass es wenigstens einen Fachmann gibt, der das Wetter korrekt voraussagt, ohne sich entschuldigen zu müssen. Selbstverständlich meine ich mich selbst. Also aufgepasst: Die Schwalben grinsen neuerdings so dreckig. Bestimmt kriegen wir in diesem Jahr früh Weihnachten!

Klaus-Dieter S.

 

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ESA 12/07

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