Der Katze das Glöckchen umbinden

Die Menschen werden immer mutiger. Unglaublich, aber wahr! Das las ich in einer deutschen Zeitung. Dort hatten sie ihre Leser gefragt: ,,Soll unser Land in Afghanistan kämpfen?” Fast 80 % stimmten mit ,,ja”! Das nenne ich mal mutig bis zur Tollkühnheit! Alle Achtung! Gut…, die Mutigen müssen jetzt nicht selbst an den Hindukusch gehen und sich totschießen lassen. Da werden andere hingeschickt. Trotzdem mutig. Andererseits…, hätte man gefragt ,,Wollen Sie selbst in Afghanistan kämpfen und dem Tod ins Auge blicken?”, es wären vielleicht möglicherweise eventuell nicht ganz so viele dafür gewesen. Ich weiß auch nicht, wieso, aber da fällt mir eine Fabel aus dem Tierreich ein: Die Mäuse halten Kriegsrat. Die Bedrohung durch die Katze kotzt sie an. Da kommt ein Mäuschen auf die Idee, der Katze ein Glöckchen umzuhängen. So können sie immer hören, wenn sich der Feind anpirscht. Die Ratsmitglieder sind begeistert über den Vorschlag. Sie stimmen sofort darüber ab. Alle sind dafür. Allerdings diskutieren sie heute noch darüber, wer von ihnen losgehen soll, um der Katze das Glöckchen umzuhängen. Aber zurück zu den Menschen und der Umfrage. Der bequeme Mut der ZuHause-Bleibenden ist schon bewundernswert. Fast so bewundernswert wie der Mut meines Lieblingspolitikers Guido Westerwelle, wenn er mal wieder tägliches Freibier für alle verspricht ­ also sofern er in der Opposition ist und andere bezahlen, im Zweifel die Beschenkten selbst. Den meisten Mut hat in letzter Zeit allerdings kein Politiker bewiesen, sondern ein Unternehmer. Der Name ist mir leider entfallen. Aber dieser Großunternehmer hat den Mut gefunden, im Gegensatz zum allgemeinen Trend den Riesen-Reibach der Firma mit seinen zehntausend Arbeitern zu teilen. In der Tagesschau sagte er stolz: ,,Wir sind eine Familie! Ein Euro für mich, einer für die Arbeiter. Jeder kriegt den gleichen Teil. Wie im Sozialismus.” Das Verteilen hat er höchstpersönlich übernommen: ,,Ein Euro für Maier, einer für mich, einer für Müller, einer für mich, einer für Schulz, einer für mich…” Bei so einem Maß an Mut und Großmut prominenter Leute wird aber eines leicht vergessen: wie viel Mut den ganz normalen Menschen täglich abverlangt wird. Zum Beispiel Männern in der Küche. Das erfordert Kühnheit bis zur Selbstaufgabe. Mein Männer-Hilfe-Kochbuch bestünde aus einem einzigen Absatz: ,,Man nehme eine Zwiebel, ein scharfes Messer und ein Pflaster. Wenn Sie sich verarztet haben, rufen Sie mit der gesunden Hand den Pizzadienst an und bestellen eine unblutige Quattro stagioni.” Mut bedeutet auch, dass man Opfer bringt. Mein allergrößtes Vorbild in dieser Hinsicht ist der deutsche Umweltminister, der Herr Gabriel. Nicht Gunter Gabriel, der Klampfenquäler, sondern Sigmar der Runde. Man mag es kaum glauben, aber jener Sigmar Gabriel war vor wenigen Jahren als König von Hannover noch ein ganz schmächtiges Kerlchen. Er aß nur Tofu aus gewaltfreiem Anbau. Jetzt, als Minister für Landschaft und Tiere, wiegt er doppelt so viel. Warum? Weil er sich mit dem Mute der Verzweiflung die Eisbeine aus Solidarität reinquält. Um schon äußerlich sein Mitgefühl mit dem bedrohten Walfisch zu zeigen. Den außergewöhnlichsten Mut beweisen aber Menschen, die anderen helfen. Das belegt dieser Vorfall: Ein jugendlicher Snowboardfahrer hört aus einer Gletscherspalte Hilferufe. Er lässt ein Seil hinab und wuchtet eine Frau herauf. ,,Danke”, stöhnt sie, ,,Sie haben mich gerettet. Ich bin die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Sie dürfen sich etwas wünschen.” ,,Dann wünsche ich mir ein neues Gebiss”, sagt der Retter. ,,Traurig, traurig, in Ihrem Alter? Ihre Zähne sehen aber doch gut aus”, meint die Ministerin. ,,Jetzt noch. Aber warten Sie mal, bis die Anderen erfahren, dass ich Sie gerettet habe.
Nicht weniger hoch zu bewerten ist der Mut Jugendlicher. Mal ein Fall: Die vierzehnjährige Anita F. bestellt sich in einem dieser Ami-Fast-Essen-Tempel eine doppelte Flach-Frikadelle, die dort ,,Hamburger” und in Fachkreisen ,,Bauarbeitermarmelade” genannt wird. ,,Halt, halt”, werden jetzt vielleicht einige Frikadellenaktivisten einwenden, ,,erst mal muss ja wohl der Mut der armen Frikadelle gewürdigt werden, die da in der Blüte ihres Lebens dahingerafft wird. Die wird sich kaum selbst zwischen zwei Brötchenhälften legen, weil sie Liebeskummer hat!” Gut. Das muss honoriert werden. Aber auch den Mut von Anita mit der grazilen Flusspferd-Figur müssen wir anerkennen, wenn sie sich immer wieder tollkühn diesen gepressten Geschmacksverstärker mit Spurenelementen von gequirltem Knorpel in den Schlund schraubt.

Klaus-Dieter S.

 

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