Satire – Alles relativ

Alles relativ

Was sagen Sie, wenn Ihre Uhr stehen bleibt? ,,Relativ egal”, werden Sie vielleicht antworten, ,,verursacht bei mir kein müdes Leberrunzeln.” Mag sein. In anderen Fällen kann eine Uhr wiederum relativ wichtig sein. Zum Beispiel wenn ein Arzt in den Kühlraum stürzt und brüllt: ,,Frau Müller, Sie haben Glück gehabt. Nicht ihr Puls ist stehen geblieben, sondern meine Uhr!” Sehen Sie?! Nicht nur Zeit ist relativ, sondern sogar der Stellenwert einer Uhr. Eigentlich ist fast alles im Leben relativ. Sogar Arbeit. Das habe ich selbst erlebt, als ich Tobias eine Postkarte schrieb. Er hatte in einem Brief gefragt: ,,In deinem Alter sind fast alle Leute ausgebrannt, du auch?” Also griff ich mir eine Karte und den Füller und schrieb wütend: ,,Bin ich eine verdammte Glühbirne?” Dann kritzelte ich die Adresse rauf, nahm eine Briefmarke und warf die Karte beim nächsten Stadtgang in den Postkasten. Das Ganze hat mich ungefähr 10 Minuten und null Schweiß gekostet. Meiner Freundin Susi hat Tobias die gleiche Karte geschrieben und sie hat ihm auch geantwortet. Hier der Ablauf: Postkarte suchen; keine da; Postkarte kaufen gehen; zurück gehen und grübeln: was schreibe ich? Kugelschreiber suchen; keiner da, Bleistift suchen; Adresse suchen; mit mir wegen Adresse telefonieren; Briefmarke suchen; Briefmarke kaufen gehen, dabei 20 Minuten warten; Postkarte einstecken, aufatmen, Schweiß abwischen, duschen. Das Ganze hatte zweieinhalb Stunden gedauert. Warum ich Ihnen das erzähle? Weil das Phänomen, dass Arbeit relativ und dehnbar ist, bereits 1957 von Cyril Parkinson beschrieben wurde und ,,Parkinsons Gesetz” heißt. Und weil ich Sie warnen möchte. Die Sache ist die: Ihr Chef kennt die Geschichte und das Gesetz auch. Und vielleicht…, wenn Sie wieder Stress fühlen und sich beklagen wollen…, also ich wäre da vorsichtig!

Ganz besonders relativ ist Hektik. Ich bin da Spezialist. Ich habe am liebsten nur drei Lebewesen auf einem Fleck. Davon sollte ein Lebewesen ein Hund sein. Bei vier bricht Hektik aus. Die Ursache: Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen. Wenn ich dort in der Kneipe nach einer halben Stunde ein Bein ausstrecke, dann fragen die Leute: ,,Musst du hier den Louis de Funès machen?” Dann nennen sie mich noch gerne ,,Hektopascal”, weil sie denken, das sei der Name eines französischen Hektikers. Dagegen -­ so habe ich gehört – soll es in einigen Bundesligavereinen noch gar keine Hektik bedeuten, wenn ein Spieler alle halbe Stunde sein Bein bewegt. Heute, wo Ansprüche nicht mehr das sind, was sie mal waren, ist ,,relativ” ein gaaanz wichtiger Begriff. ,,Relativ sehr gut” reicht in der Gesamtschule schon. ,,Wieviel ist 4 + 4?” ,,Das ist doch voll die 7!” ,,Relativ richtig! Prima!” Gut, dass die Lehrer nicht mehr so kleinkariert sind wie früher. Auch gut, dass die Zeichner von Landkarten nicht mehr so spießbürgerlich sind. Ich habe neulich die Europakarte zum Schnäppchenpreis erworben, die Sie hier sehen. Gut…, vielleicht ist darauf nicht alles hundertzwanzigprozentig richtig…, aber immerhin relativ richtig. Reicht doch! Und das bei dem Preis! Bedauerlich ist aber leider, dass das Wort ,,relativ” einen etwas negativen Beigeschmack bekommen hat. Nur, weil mit ,,relativ klug” hasenhirnige Zeitgenossen bezeichnet werden, die die Weisheit nicht erfunden und das Pulver nicht mit Löffeln gefressen haben. Ein Beispiel. Zwei relativ kluge Texaner unterhalten sich. ,,Ich habe Geld in der Hand”, sagt der eine, ,,wenn du rätst wie viel, gehören die 10 $ dir”. ,,Hör auf”, sagt der andere, ,,was soll ich mir wegen lumpiger 10 $ den Kopf zerbrechen.” Von solchen Leuten möchte man nicht so gerne besucht werden. Hierzu ein Tipp: Einfach einen Spiegel außen an die Haustür kleben. Dann glotzt der relativ Kluge hinein, denkt ,,Oh, ich bin ja schon da”, und geht wieder.

Eigentlich gibt es nur einen Menschen, der nicht relativ ist, sondern absolut: der portugiesische Postminister. Absolut bauernschlau! Auf die Briefmarken lässt er den Preis nicht mehr aufdrucken, sondern ein ,,E”. Das bedeutet: Porto für Europa. So kann er wie bisher jeden Monat die Gebühren erhöhen, ohne neue Marken zu drucken. Das ist clever! Und dass er uns auf der Marke die Zunge rausstreckt ist reiner Zufall.
Klaus-Dieter S. klausdieter.s@clix.pt

,,Furchtbar nette Leute,,
Band II
von Klaus-Dieter S. ist erhältlich über unserem Verlag Editurismo zum Preis von 8,00 zuzügl. Porto: Portugal 2,00, EU 4,00 oder im Pingo Doce/ Caféteria in Lagos

ESA 11/06

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