Die Semmel vom Backteriologen

Seien Sie doch mal ehrlich: finden Sie nicht auch, dass so ein Brötchen vom Bäcker bisschen dämlich aussieht? Wäre doch schöner, wenn der Mann Backteriologe hieße. Schon würde auch die Semmel viel intelligenter wirken. Der Name macht’s nämlich.
Ich bin sogar überzeugt davon, dass mir der Masseur besser das Genick massieren könnte, wenn er Genickologe hieße. So wie damals im demokratischen Teil Deutschlands: Da nannte sich der gemeine, stiefeltragende Landmann Agronom, und schon hat die Runkelrübe dem sozialistischen Hängebauchschwein wesentlich besser geschmeckt. Wie wichtig ein schöner Name ist, hat auch Norbert erkannt. Norbert hat eine verspakte, nullsternige Absteige in der Nähe von Müllkippe und Kläranlage erworben; mit unverbaubarem Blick auf den Schlachthof. ,,Wie soll die Pension heißen?”, fragte ich ihn. ,,Casa Kloaka?” ,,Blödsinn”, meinte er, ,,die heißt Villa Schönblick. Kann mein Eigentum schließlich nennen wie ich will. Sind wir hier bei den Indianern, wo der Name zum Mann passen muss? Dann müsste sich ja auch Guido Westerwelle ,,Der-sich-den-Wolfquatscht” nennen.” Hm…, ja…, stimmt eigentlich. Und genau genommen machen schöne Namen auch zufrieden. Nehmen wir mal die bösen Worte Raub oder Diebstahl. Sind doch irgendwie negativ besetzt. Da klingt der melodische Begriff Reform viel freundlicher und man lässt sich gerne bestehlen. Wann wird das endlich auch BP, Shell und Aral begreifen? Benzinpreiserhöhung…, wie sich das schon anhört… Wär doch schöner, wenn an der Tankstelle im Dezember ein Plakat stünde: ,,35. Treibstoffreform in diesem Jahr. Diesel 4,99″. Die Leute würden Gas geben, bis die Socken qualmen. Ob die Ölfritzen das nicht machen, weil sie immer noch frustriert sind? Weil sie mit so einer Sache schon mal ins Ölkännchen getreten sind? Damals wollten sie die Tankwarte kundenfreundlich umtaufen in Aralisten, Shellisten und Essoisten. Das wäre auch fast gelungen. Wenn die BPisten nicht gemeutert hätten. Schöne Namen sind auch deshalb wichtig, weil sie zum Beispiel das Betriebsklima fördern. In dieser Hinsicht setzt die ESARedaktion Maßstäbe. Wenn jemand neu eingestellt wird, schüttelt der Verleger dem Neuling die Hand. Dann erklärt er freundlich: ,,Chef oder Boss…, das klingt 78 undemokratisch und autoritär. Sehen Sie in mir nicht den Vorgesetzten, sondern einfach einen Freund. Einen Freund, der immer Recht hat.” Früher gab es Dinge, die hatten überhaupt keinen Namen. Der Hund wurde ,,He Du” oder ,,Runter vom Sofa” gerufen und beim Handtäschchen wusste man gar nicht, wie man es nennen sollte. Das hat sich zum Glück geändert. Überall steht drauf, wie man es ansprechen darf: Gutschi oder Karl Lutschi oder einfach Boss. Besonders kritisch und unmanipulierbar sind da junge Mädchen: denen kann man nix mehr andrehen. Ungetauften, namenlosen Schund hängen DIE sich nicht mehr an den Arm! Bedauerlicherweise können Namen aber auch zu Missverständnissen führen. Besonders im kulinarischen Bereich. Hierzu mal zwei Beispiele: Der Spieß steht vor der Kompanie und brüllt: ,,Männer, Ihr habt das Battallionsschießen gewonnen, Ihr könnt euch was von der Feldküche wünschen. Was wollt Ihr?” Brüllt die Kompanie: ,,Spießbraten”. Der zweite Fall: Ein Koch besucht mit seinen Kindern einen Bauernhof. ,,Da sind die Kaninchen, die geben uns den Kaninchenbraten, und dort ist die Gans für den weihnachtlichen Gänsebraten.” Fragt der kleine Sohn: ,,Und in welchem Stall lebt das Schmor?” Um wenigstens im zwischenmenschlichen Umgang keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, müssen wir unseren Angehörigen ganz eindeutige Namen geben. Vor allem unseren vierbeinigen Angehörigen. Auch darüber gibt es einen Fall zu berichten: Ein Mann war bei der Polizei, weil sein Hund weggelaufen war. ,,Wie erkennen wir ihn denn?”, fragte der Ordnungshüter. ,,Er ist mittelgroß und mittelbraun”, erklärte der Mann, ,,und wenn Sie ihn »Bello« rufen und er kommt nicht, dann ist er es.” Leider wird aber ,­ und das ist nun ganz traurig, ­ sogar schon von Tieren mit vertrauensbildenden Namen gemogelt und getäuscht. Allen voran von der Eidechse. Eid-Echse! Hat die Echse jemals einen Eid abgelegt? Also bei mir nicht. Für mich ist und bleibt sie eine kurzbeinige, lichtscheue Gestalt. Deshalb freue ich mich immer besonders, wenn mal ein Name zutrifft. Wie der vom ,,Krankenhaus”. Eigentlich war wohl ,,Gesundungshaus” gemeint. Da aber tatsächlich viele Menschen kranker raus- als reinkommen, ist der Name versehentlich völlig richtig gewählt worden. Das nenn’ ich mal eine Ironie des Schicksals.

Klaus-Dieter S.
klausdieter.s@clix.pt
ESA 10/06

 

 

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