Lusitanisches Spanferkel

Es soll tatsächlich Menschen geben, für die ist essen nur essen. Nahrungsaufnahme. ,,Wie?”, werden jetzt vielleicht einige fragen, ,,die essen, um satt zu werden?” So ist es. Aber eben wenige. Die anderen haben schon eine höhere Stufe auf der wachsenden Evolutionsleiter erklettert. Für die ist essen Kunst. Genuss. Und ein lukullisches Ereignis. Zu denen gehört der Hamburger. Also der Hanseat. Nicht dieser Knorpelmatsch zwischen zwei Brötchenhälften. Jedenfalls, der Hanseaten-Hamburger hat Esskultur. Das weiß ich, weil in Hamburg vor kurzem in einem der größten Theater eine Kochshow stattfand. Eintritt: mindestens 30. Tausendfünfhundert satte Hanseaten guckten da zu, wie jemand kochte. Gut…, die Handlung war nicht so toll. Aber es roch besser als bei ,,Faust”. Und vielleicht ließ sich der Koch sogar zu einem launigen Rätsel hinreißen, während das Wasser kochte: ,,Was ist nass und rot und macht schlechte Laune, wenn man es nicht hat? Antwort: Rotwein.” Genau. Für den Schlemmer-Hanseaten zählt natürlich nur Jahrgang 1928, Finkenwerder Elbdeich, Südhang. Und da begann nun mein Problem. Weil mich meine Cousine Heike aus Hamburg besuchte. Heike hat alles. Und was soll man so jemandem zubereiten? Jemandem, der schon viel Geld dafür ausgibt, nur um glotzen zu dürfen, wie auf der Bühne eine Weißmütze brutzelt?! Etwa Sardinenkniescheibe in PreiselbeerMorchelrahm? Ein alter Hut! Das isst man in Hamburg schon zum Frühstück. Als Kaviarersatz. Da half nur eins: Nach dem Motto ,,Die Masse machts” gestaltete ich eine eigene Komposition. Für alle, die schon alles haben: Lusitanisches Spanferkel mit GänseHähnchen-Kabeljaufüllung. Heike war total aus dem Häuschen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die künstlerische Anmut des Mahls rührte sie dermaßen, dass sie auf die Terrasse rannte und sich über die Hecke beugte, weil sie das kulinarische Meisterwerk nicht durch ihren Anblick entweihen wollte. So was haben sie in Hamburg nicht! Trotzdem gibt es jemanden, der auf der Esskulturleiter noch eine Stufe höher steht als der Hanseat. Das ist der Jugendliche. Warum? Weil bei ihm essen nicht nur Kultur ist. Essen ist Religion. Er isst nach 78 amerikanischem Vorbild nur die feinsten Dinge. Sofern sie zwischen zwei Brötchenhälften passen. Mit anderen Worten: oben und unten ein halbes Brötchen ans lusitanische Ferkel tackern, und schon ist das Juniormenü fertig. Würde sich auch wohltuend vom Fastfood, dem Fast-Essen oder Beinahe-Essen abheben. Das wäre dann Ganzfood. Jugendliche sind esskulturmäßig sogar so hoch entwickelt, dass in ihren Magen nur Kulturgut hineinpasst. Sonst nichts. Zentralorgan für die Liebe? Das war gestern. Das habe ich bei einem Gespräch belauscht. ,,Mama”, meinte die Tochter, ,,du hast doch gesagt, dass Liebe durch den Magen geht, nicht?” ,,Das stimmt”, bestätigte die Mutter. ,,Nun stell dir mal vor”, schwärmte die Tochter, ,,Thomas hat gestern bei mir einen anderen Weg gefunden.”

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass wir jugendliche NachwuchsGourmets mit Tipps bereichern. So wie mein Neffe Tobias und ich das gemacht haben. Bei einem Waldspaziergang in meiner Heimat sprachen uns zwei runde Halbwüchsige an, jeder ein Blechbrötchen in der einen Hand, also eine Dose Bier. In der anderen ein paar Pilze: ,,He, ihr Heideschrate”, meinten sie und zeigten stolz die Pilze. ,,Selbst gebückt! Wisst ihr, ob man die essen kann?” ,,Könnt ihr bei jeden Pilz leicht testen”, erklärte ihnen Tobias. ,,Einfach essen, und wenn ihr morgens wieder aufwacht, dann waren sie essbar.” Dankbar boten sie uns sogar eine ihrer flüssigen Hülsenfrüchte an.

,Junggenießer und Kochshowgucker”, flüsterte Tobias später. ,,Machen wahrscheinlich eine Steinpilskur zum Abnehmen. Ein Steinhäger, ein Pils. Haben sie nur verwechselt.” ,,Vielleicht leiden sie aber auch an einer Mangelerscheinung”, zweifelte ich. ,,Und an welcher?” ,,Mangel an Appetitlosigkeit.” Schade. Den Jungs hätten wir das lusitanische Ferkel empfehlen sollen. Vergessen. Was ich aber nicht vergesse, ist folgendes: Schlemmen und Lernen gehört seit jeher zusammen. Wussten Sie zum Beispiel, dass der Fettkloß-Indikator bei dem, was der Mensch sich einschaufelt, in ,,cal” gemessen wird und dass das ,,Calmund” heißt? Oder wissen Sie, woher der Begriff ,,Lukullisches Mahl” kommt? a) Eine Zusammenfassung von ,,Lust” und ,,kulinarisch”. b) Von der afrikanischen Stadt Lukula, wo während der Kolonialzeit ausschweifend geschlemmt wurde. c) Vom römischen Feldherr n Lucius Lucullus, der für seine Fressorgien bekannt war. Wissen Sie’s? Dann schreiben Sie mir eine e-Mail oder eine Postkarte an die Redaktion. Den ersten zehn richtigen Einsendern schicke ich ein handsigniertes Exemplar von ,,Furchtbar nette Leute”.

Klaus-Dieter S.
klausdieter.s@clix.pt

ESA 6/06

 

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