Satire – Auffällig unauffällig

Auffällig unauffällig

Ich traute meinen Augen kaum, als ich Bruno aus meinem Heimatdorf sah. Früher sah er aus wie eine Frikadellen-Endlagerstätte: ,,Was ist denn mit dir passiert? Brigittigitt-Diät gemacht?” ,,Genau”, meinte er stolz. ,,Ich war es einfach leid, dass mich alle angeglotzt haben, weil ich so auffällig kräftig war.” ,,Kräftig??? Gute Umschreibung für eine Hüpfburg”, lobte ich Bruno. ,,Und jetzt bestaunen sie dich nicht mehr?” ,,Doch. Jetzt bestaunen sie mich noch viel mehr. Ich bin jetzt so unauffällig, alle sagen »Was ist denn mit dir los? Du siehst ja so auffallend unauffällig aus«.”

Es gibt in meiner Heimat sogar Menschen, die halten Bruno für einen Spion. Wahrscheinlich haben sie zu viel ,,Derrick” gesehen, wo unauffällige Herren mit Trenchcoat und Sonnenbrille im grauen Opel Kadett ihre Spitzeldienste verrichten. Dabei haben sich die Zeiten geändert. Sogar der Verfassungsschutz lernt. Ich sage nur ,,München”! Wie war das damals mit Mosi und Daisy? Die waren so auffällig, dass es schon wieder unauffällig war. Keiner hat gemerkt, dass sie in Wirklichkeit Spione waren, weil alle nur nach grauen Herren mit Sonnenbrille Ausschau hielten. Und dass Daisy eine Attrappe war, vollgestopft mit moderner Lausch- und Spitzelelektronik, das hat die dumpfbackige Münchener Schickeria schon gar nicht geschnallt. So geschickt arbeitet eben nur der gute alte BND. Nun können aber nicht alle Staatsdiener so intelligent sein wie die Spione aus Pullach. Außerdem bekam der eine oder andere Bespitzelte Sehnervenkrebs, wenn er den beiden bayerischen Spitzenspionen gegenüberstand. Deshalb ist im europäischen Normalfall immer noch die Unauffälligkeit und die Trenchcoat-Mentalität das Gebot der Stunde. Besonders unauffällig schmiegt sich der deutsche Polizist mit seiner Oberförsteruniform in die Landschaft. Man sieht ihn praktisch gar nicht. Das heißt, in der Stadt, wo es nicht so viel Grün gibt, da geht es ja noch. Auf dem Lande dagegen ist er zwischen Birken, Rindviechern und deren Auswurf kaum auszumachen. Mein Neffe Tobias meint sogar: ,,Noch unscheinbarer als der Bulle ist die Bullette. Die ist mit ihrer kuhfladengrünen Kutte, die sie Uniform nennt, kaum vom echten Kuhfladen zu unterscheiden. Nur, dass der erotischer wirkt. Die Bullette geht sogar extra auf die Sonnenbank im Münz-Mallorca, damit ihre Gesichtsfarbe so kackbraun wird wie die Landschaft.” Eines der unauffälligsten Exemplare unseres Universums ist der Individualist. Richtig: der Individualist! Das ist jemand, der zwischen all den Unauffälligen dadurch auffällt, dass er sich zum Beispiel bei der Silvesterknallerei auf dem Rathausplatz unter tausenden von Spaßvögeln die Böller spart und stattdessen pupst.

Der Individualist liebt es, in aller Ruhe alleine zu sein. Beispielsweise wandert er gerne in Reebok-Tarnuniform und Pepitahut durch verschwiegene Täler der Monchique-Berge. Dort sieht und hört man ihn fast gar nicht. Fast. Hätte der Unauffällige nicht die auffällige Vorliebe, mit dreißig oder vierzig anderen Individualisten im Individualistenrudel zu wandern, die auch gerne alleine sind. Dort kann er sich dann mit Gleichgesinnten lautstark darüber unterhalten, wie schön ruhig und einsam es doch hier ist und wie gut es ist, nicht so wie die anderen zu sein, sondern eben Individualist. Der mustergültig Unauffälligste ist aber ohne Zweifel der Parlamentarier während der Haushaltsdebatte. Er ist so gut wie unsichtbar. Bei der Fernsehübertragung sieht es so aus, als würden im Plenarsaal lauter leere Stühle stehen. Den Abgeordneten sieht man mit bloßem Auge gar nicht. So gut kann sich nur ein echter Volksvertreter eines Volkes von Unauffälligen tarnen. Nicht ohne Stolz kann ich behaupten, dass auch ich mal viele Jahre geradezu beispielhaft unauffällig war wie ein Becquerel. ,,Da habe ich 14 Jahre gesagt: Immer den Ball flach halten; hab’ nicht geraucht, keinen Alkohol getrunken, keinen Sex gehabt und keinen einzigen Punkt in Flensburg bekommen”, erklärte ich meinem Neffen. ,,Und was ist dann passiert?”, fragte er. ,,Dann wurde ich konfirmiert.”

Roter Streifen auf der Krawatte! Typisch Müller, das eingebildete Arschloch! Muss immer auffallen und den Individualisten rauskehren.
Klaus-Dieter S.

Der Autor ist zu erreichen unter klausdieter.s@clix.pt

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ESA 07/05

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