Im falschen Film

Ein Land im Schwebezustand

Während über Portugals Grenzen hinaus die politische und finanzielle Stabilität des Landes diskutiert wird, entstehen immer neue Baustellen, die bevorstehende Entscheidungen und das Gefüge des Landes und der Staatskasse belasten

Scheherazade, die Geschichtenerzählerin aus Tausendundeiner Nacht, hat auf den ersten Blick nichts mit Portugal zu tun. Der portugiesische Filmemacher Miguel Gomes ist anderer Ansicht und nutzte die Dramaturgie der Mär aus dem Morgenland als Gerüst für eine Zustandsbeschreibung seiner abendländischen Heimat. Gomes hochgelobter dreiteiliger Film Arabian Nights tourt gerade durch Europas Kinos. Er ist eine europäische Koproduktion – ebenso sehen viele Portugiesen die Krise: als Folge internationalen Zusammenspiels. Gomes hat über ein Jahr lang Geschichten mit der Kamera festgehalten, die „von Armen und Reichen, Mächtigen und Unbekannten, Kindern und Alten, Menschen und Tieren“ im Land erzählen, episodenhaft.
Die jüngsten Ereignisse sind nicht Teil des Films: Das Interregnum zwischen einer ins Amt berufenen und kurz danach gestürzten Regierung, die wochenlangen Debatten um eine neue, gleich oder anders zusammengesetzte, geschäftsführende oder von Dritten durch einen Pakt unterstützte Regierung sowie die Rolle eines Staatschefs, der entscheidungsmüde, aber reisefreudig auf die Wahl seines Nachfolgers im Januar wartet, ganz so, wie das Land auf den Haushalt 2016 wartet. Das noch zu berechnende Budget muss ein Defizit verarbeiten, das Portugal mit 7,2 Prozent EU-weit auf den vorletzten Platz drückt, vor Zypern. Solange der Etat nicht steht, dürfen die Staatsausgaben monatlich ein Zwölftel der Obergrenze für 2015 nicht übersteigen, doch in der Zeit der Regierungslosigkeit lagen Maßnahmen zur Defizitsenkung auf Eis und der internationale Kreditmarkt bewertet das Risiko einer Staatspleite in den kommenden fünf Jahren mit 16 Prozent.
Portugals Realität sei sehr komplex, sagt Regisseur Gomes und stellt sie in Fragmenten dar, die der Zuschauer fortschreiben kann. Der erste Teil der Trilogie heißt ‘Der Ruhelose’ (O Inquieto) und befasst sich unter anderem mit dem Schicksal von Werftarbeitern im nordportugiesischen Viana do Castelo. Die Parallele zum VW-Montagewerk Autoeuropa drängt sich auf, einem der größten Arbeitgeber des Landes mit 3.700 derzeit verunsicherten Mitarbeitern. „Volkswagen wird bis 2018 rund 677 Millionen Euro in die Modernisierung investieren und fünfhundert neue 
Arbeitsplätze schaffen“, hieß es 2014 beim Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck. Heute, nach dem Dieselgate, regiert vor Ort die Wut, weil „ein paar Gauner die Motoren manipuliert haben.“ Aus Optimismus wurde Schadensbegrenzung: VW hat für Portugal eine Nachrichtensperre verhängt. Wie es mit den Plänen weitergeht, welche Autos künftig hier gebaut werden – niemand weiß etwas. Derzeit ist das Werk nicht ausgelastet. Dabei ist Autoeuropa eine feste Größe für den Staatshaushalt. Das Unternehmen garantiert die Existenz von rund tausend Zulieferbetrieben und ist Portugals drittgrößter Exporteur, was zur Entscheidung für die Hafenerweiterung in Setúbal beitrug. Der Ausbau wird vom portugiesischen Staat und von der EU finanziert. Über die Rentabilität möchte jetzt niemand sprechen.
Der Filmtrilogie zweiter Teil porträtiert den ‘Verzweifelten’ (O Desolado); dabei spielen allerlei nicht immer nachvollziehbare Transaktionen eine Rolle, ähnlich wie sie Gonçalo Brás von der Universität Coimbra darstellt: Der größte Teil der seit 2012 neu entstandenen Kleinbetriebe „sind aus der Not geboren, ohne durchdachtes Geschäftsmodell. Sie schaffen ein eher anämisches Wachstum und wirtschaftliche Kraftlosigkeit“, schreibt der Wirtschaftswissenschaftler. Förderprogramme der Regierung, um die Zahl der Arbeitslosen „koste es, was es wolle zu reduzieren, schaffen ökonomische Unwägbarkeiten.“ Allen Anstrengungen zum Trotz meldet Eurostat jetzt für Portugal das fünftniedrigste Wirtschaftswachstum in der Eurozone. Schulden hingegen wachsen: Laut Staatsbank stehen Unternehmen und private Haushalte zusammen mit knapp 206 Millionen Euro bei Kreditinstituten in der Kreide. Bei etwa einem Zehntel davon sieht die Banco de Portugal „die Rückzahlung gefährdet oder nicht gewährleistet“ – ein neuer Rekord.
Junge Leute sind die großen Verlierer der Krise. Vertraut man der Bertelsmann-Studie „Soziale Gerechtigkeit in der EU“, stieg in Portugal die Zahl der armutsgefährdeten Jungen seit 2007 um 1,2 Millionen auf 7,6 Millionen. Sie leben in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens oder gar in „quasi-erwerbslosen Haushalten“ und „erleiden schwere materielle Entbehrungen.“ Auch Verdiener leiden unter Kaufkraftschwäche: Mit Durchschnittseinkommen von rund achthundert Euro ist die Wirtschaft kaum anzukurbeln. Laut Angaben des Finanzministeriums sind auch die Steuereinnahmen wieder rückläufig.
Portugal ist das EU-Land mit den meisten Emigranten pro Kopf der Bevölkerung und noch nie seit der Nelkenrevolution verließen so viele Portugiesen auf der Suche nach wirtschaftlicher Sicherheit ihre Heimat wie 2015 – insgesamt 135.000. Filmemacher Gomes macht die französische Hafenstadt Marseille, wohin es zahlreiche Emigranten zieht, und die Armenviertel Lissabons zum Hintergrund des dritten Filmteils ‘Der Entzückte’ 
(O Encantado). Tristesse und Saudade fließen zusammen. Und doch stellt die portugiesische Statistikbehörde INE in Umfragen wachsendes Vertrauen der Bevölkerung in die Zukunft fest, jüngst sogar den höchsten Wert seit 2008.
Die Zuversicht ist gefährdet, seit der Terror islamistischer Extremisten sich in Europa zurückmeldet. Durch die verheerenden Anschläge steht auch Portugal vor unvorhergesehenen Sicherheitsaufgaben – und -ausgaben, im EU-Verbund wie auch im eigenen Land. Die Zahl der Sicherheitskräfte an den Grenzen, Häfen und Flughäfen des Landes wurde gerade deutlich erhöht, bestätigt die Grenzkontrollbehörde Serviço de Estrangeiros e Fronteiras (SEF). Sollte die Bedrohungssituation andauern, verursacht sie ökonomische Kosten, weil sich Konsum-, Spar- und Investitionsmuster in diesem Klima verändern, sagen Experten. Kleine Länder seien anteilig stärker betroffen als starke Ökonomien. Es könnte insbesondere die Versicherungsbranche und Reiseunternehmen empfindlich treffen.
Bereits im Sommer meldeten Zeitungen, der IS wolle seinen Terror in Länder tragen, die in ihrer Geschichte Kämpfe gegen Araber führten. Auf einer 
Liste mit siebzig Staaten steht laut der Zeitschrift Sábado auch Portugal. Die Geschichte der Reconquista gehört zum Lehrplan für das zehnte Schuljahr und Alexandre 
Guerreiro, Assessor im Lissabonner Parlament, veranstaltet Fragestunden in Schulen, um den Jugendlichen zu erklären, dass „sie sich in jeder Hinsicht auf ein Leben unter veränderten Bedingungen vorbereiten müssen.“ Dabei und in anderen Diskussionen reagieren viele mit dem Ausspruch: „Tirem-me deste filme“ – sie fühlen sich im falschen Film.

Text: Henrietta Bilawer
In ESA 12/15

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