Interview: Bürgermeister Vila do Bispo

Am Ende der Welt
Das Kap São Vicente in Sagres, Bezirk Vila do Bispo, gehört zu den meist besuchten Orten der Welt. Doch Portugals Staat hat den Bezirk seit langem vergessen. Eine Situation, die der sozialistische Bürgermeister Adelino Soares ändern will. ESA-Redakteurin Anabela Gaspar gegenüber offenbarte er seine Projekte

ESA: Wieso beschlossen Sie, für das Bürgermeisteramt zu kandidieren?
Adelino Soares: Seit acht Jahren bin ich politisch aktiv in der Gemeinde. Die letzten vier Jahre war ich zudem Vorsitzender des Gemeinderates. Für das Bürgermeisteramt kandidierte ich, weil ich der Meinung bin, dass der Bezirk falsch verwaltet wurde. Was Infrastrukturen betrifft, wurde nichts gebaut. Trotzdem führte die finanzielle Verwaltung zum Ruin in der Rathauskasse. Uns fehlen Einrichtungen, die andere Gemeinden schon seit Jahren haben. Vor allem aber kandidierte ich für das Amt, weil ich diesen Bezirk liebe. Es ist der Bezirk in dem ich beschloss zu leben und eine Familie zu gründen. Viele meinten, Sie seien zu jung für das Amt.

Betrachten Sie Ihre Jugend als einen Mehrwert oder ein Manko für die Ausübung des Amtes?
Ich war und bin jung. Aber dies bedeutet nicht, dass ich unfähig bin. Mit 34 Jahren finde ich, dass ich reif genug für das Bürgermeisteramt bin. Sonst hätte ich mich auch nicht beworben. Meine Jugend hat viele Vorteile. Zudem verdanken wir viele Ereignisse der Geschichte Portugals und auch der Welt eher dem Fortschrittsdenken der Jugend als älteren, konventionellen Personen, wie mein Vorgänger es war. Er hatte diesem Bezirk nichts mehr zu bieten.

Was unterscheidet Sie von Ihrem sozialdemokratischen Vorgänger Gilberto Viegas?
Der große Unterschied zwischen uns ist meine Bereitschaft für dieses Amt, dass ich den Menschen offen gegenüberstehe und sie mit Respekt behandle. Ich höre den Menschen zu und versuche immer dem Nächsten zu helfen. Ich musste mich nicht ändern, um dieses Amt anzutreten. Ich war schon immer so und will so bleiben. Ich will den Menschen bei ihren täglichen Problemen helfen. Dafür wird schließlich ein Bürgermeister gewählt. Nicht um sich im Rathaus einzusperren und den Bürgern nur kurz vor den Wahlen Beachtung zu schenken.

Ist es diese Einstellung, die dazu führt, dass Sie eine aktive Beteiligung der Bevölkerung bei der Erstellung des Gemeindebudgets unterstützen?
Die Idee stammt nicht von mir. Sie wird bereits in mehreren Bezirken des Landes durchgeführt und gute Ideen sollte man nutzen. Es geht darum, dass die Bürger, abhängig des zur Verfügung stehenden Budgets, zusammen mit der Câmara entscheiden, was im nächsten Jahr gemacht werden soll. Bei den organisierten öffentlichen Diskussionsrunden hat die Bevölkerung jedoch eher kleinere Probleme des täglichen Lebens zur Diskussion gestellt. Es handelte sich nicht so sehr um große Projekte, sondern um kleine Bauarbeiten wie die Sanierung einer Straße oder der Abwasserleitungen. Viele der vorgelegten Probleme waren einfach zu lösen und wurden auch bereits erledigt. Budens. All dies hat neue Arbeitsplätze geschaffen und wird dazu führen, dass die Bevölkerung im Bezirk bleibt. Was nun fehlt, sind mehr Sozialwohnungen, denn derzeit müssen die Menschen nach Lagos ziehen, um eine billigere Wohnung haben zu können. Mangelnde Sozialeinrichtungen, wie Sozialwohnungen, Kindergärten und eine städtische Schwimmhalle, war ja eins der von Ihnen aufgelisteten Probleme des Bezirks.

Welche Projekte haben Sie in diesem Bereich?
Das Rathaus verfügt derzeit nicht über ausreichend finanzielle Mittel, um selbst diese Pläne auszuführen. Unsere Strategie ist, die Sachen langfristiger zu planen, so dass auch die Zahlung langfristig sein kann. So wird es uns auch leichter gelingen, eine Finanzierung zu garantieren. Derzeit sind wir bereits dabei, den Kauf eines Grundstücks für das Schwimmbad zu verhandeln. Ihr Vorgänger hatte ein Projekt für das Schwimmbad durch eine öffentlich-private Partnerschaft, dem die PS, also auch Sie, nicht zugestimmt haben, und das deshalb nicht ausgeführt werden konnte.

Wieso verweigerten Sie Ihre Stimme, wenn Sie das Projekt als unentbehrlich für den Bezirk ansehen?
Es lag kein konkretes Projekt vor. Es gab einzig und allein den Wunsch einer öffentlich-privaten Zusammenarbeit. Bestimmte Beträge waren nicht festgelegt, sowie auch nicht das Verwaltungsmodell. Wir hatten nichts außer einem Papier, in dem stand, dass das Schwimmbad gebaut werden sollte. Zudem erschien dieses Dokument kurz vor den Wahlen. Ich habe beschlossen, nicht dieses Spielchen zu spielen. Verschiedenen Projekten meines Vorgängers, die ich als positiv für den Bezirk betrachtete, stimmte ich zu. Doch ein Dokument, das lediglich Wahlpropaganda war, konnte ich nicht billigen. Das gleiche geschah mit der Mehrzweckhalle von Sagres. Die Idee stammt aus der Zeit meines Vorgängers. Mehr hat er jedoch nicht getan. Erst jetzt in meiner Amtszeit wurde das Projekt fertig gestellt. Ich will, dass der Fischereihafen in Sagres auch ein Yachthafen wird.

Welche großen Bauwerke wünschen sich die Bürger?
Die Mehrzweckhalle und den Fischereihafen in Sagres, die städtische Schwimmhalle in Vila do Bispo, und in allen Freguesias werden mehr Sozialwohnungen gewünscht.

Während der Wahlkampagne nannten Sie die Abwanderung der Bevölkerung als Hauptproblem des Bezirks. Wie wollen Sie dem entgegen wirken?
Dies ist nicht einfach. Auch weil es eine Reihe von Raumordnungsplänen und staatlichen Institutionen gibt, die weisungsbefugt in diesem Bezirk sind und deshalb die Autorität des Rathauses begrenzen. Zudem mangelt es an Arbeitsstellen. Doch derzeit scheint sich dies zu bessern.

Und was Kindergärten und Sozialwohnungen betrifft?
Den Kindergarten in Budens stellen wir gerade fertig. Zudem sind wir in Verhandlungen mit der Wohltätigkeitsorganisation Santa Casa da Misericórdia in Sagres, die ein genehmigtes Projekt für einen Kindergarten hat. Ob dieser in Sagres oder in Vila do Bispo gebaut wird, steht derzeit nicht fest. Das Gesetz begünstigt die Partnerschaften. Ein Beispiel dafür ist das Seniorenheim in Budens. Das Projekt des Rathauses wurde nicht genehmigt. Erst nach der Partnerschaft mit der Santa Casa wurde es bewilligt. Dazu kommt, dass ein Projekt von einer Wohltätigkeitsorganisation staatliche Unterstützung bekommt, das von einem Rathaus hingegen nicht. Was Sozialwohnungen betrifft, sind wir dabei, einige Wohnungen zu verbessern, die seit zwei Jahren fertig sind, aber noch nicht vergeben wurden, weil sie zwischenzeitlich zu behebende Mängel aufwiesen. Wir haben Grundstücke zu günstigeren Preisen und sind dabei, ein Bauprojekt vorzubereiten, damit Interessenten die Grundstücke mit einem genehmigten Bauprojekt erwerben können. Da das Rathaus nicht ausreichend Geld hat, um mehr Sozialwohnungen zu bauen, haben wir uns für diese Variante entschieden, die es den Bürgern auch ermöglicht, ein Haus unter dem Marktpreis zu erwerben.

Einen weiteren Focus setzen Sie auf Wassertourismus. Gibt es Projekte in diesem Bereich?
Ich will, dass der Fischereihafen in Sagres ausgebaut wird, um auch als Yachthafen zu funktionieren. Sagres hat die idealen Bedingungen dafür. Es wäre nicht einmal nötig auszubaggern, da das Meer an dieser Stelle tief genug ist. Zudem sollen auch größere Schiffe anlegen können. Seien es Kreuzfahrtschiffe oder andere große Schiffe, die zum Beispiel für Säuberungsaktionen bei einer Umweltkatastrophe nötig sind und die sonst an keinem Hafen der Algarve anlegen können. Sagres ist die erste Anlegemöglichkeit an der Südküste. Es macht deshalb Sinn, hier einen Yachthafen zu haben.

Seit Jahren gibt es ein Projekt für den Bau eines Ozeanzentrums in Sagres. Soll es noch gebaut werden oder wurde das Projekt endgültig zur Seite gelegt?
Das Projekt ist bereits überholt und zudem verfügen wir nicht über die finanziellen Mittel, um es zu verwirklichen. Es ist über zehn Jahre alt und die EU-Gelder zur Förderung solcher Projekte gibt es nicht mehr. Was nun Sinn macht, ist ein Meereskundezentrum zu bauen, das mit Universitäten zusammenarbeitet.

Der Bezirk hat ein großes historisches Erbe. Doch es gibt kein Museum. Werden Sie eines bauen?
Für diese erste Amtszeit und angesichts der geringen finanziellen Mittel wollen wir einige alte Scheunen renovieren und traditionelle Ackergeräte ausstellen. Früher war der Bezirk die Speicherkammer der Region und das Rathaus hat viele der damals in der Landwirtschaft benutzten Geräte in seinem Besitz. Kinder, Jugendliche und Touristen könnten mehr über die Geschichte des Bezirks lernen und die älteren Bewohner hätten die Möglichkeit, in ihre Vergangenheit zu blicken. Auch wäre es sinnvoll, hier ein Museum über die Entdeckungsreisen zu haben. Aber alles was mit den Entdeckungsreisen verbunden ist, liegt in Lissabon. Es wird nicht einfach sein, aber unsere Anthropologin ist in Verhandlungen.

Viele Touristen besuchen lediglich die Festung von Sagres und das Kap São Vicente und lassen weiter kein Geld im Bezirk. Wie wollen Sie diese Situation ändern?
Dieser Bezirk hat große Chancen verpasst. Das Ozeanzentrum zum Beispiel wäre eine gute Chance gewesen, um die Touristen in die Stadt zu bringen. Der Leuchtturm des Kaps war einige Jahre geschlossen. Es war sehr enttäuschend dort anzukommen und vor geschlossener Tür zu stehen. Jetzt kann er wieder besichtigt werden. Die Festung von Sta. Catarina ist auch geschlossen und zerfällt. Das Rathaus hat sich angeboten, die Verwaltung des Gebäudes zu übernehmen. Dann gibt es auch das Gebäude der Marine in Sagres, das ebenfalls leer steht. Wir sind in Verhandlungen mit dem Innenministerium, damit das Rathaus die Verwaltung übernehmen kann. Ziel ist es, dort das Meeresbiologie Zentrum zu eröffnen. Der Ausbau des Hafens würde auch mehr Touristen in die Stadt bringen. Ein anderer Weg, unseren Bezirk bekannter zu machen, ist, bei Tourismusmessen vertreten zu sein. Und auch die Reisebüros spielen eine wichtige Rolle. Wir müssen versuchen zu erreichen, dass sie Sagres in ihrem Städtebesichtigungsprogramm aufnehmen.

Sie haben viele Projekte, aber nicht die finanziellen Mittel, um sie durchzuführen. Zudem hat das Rathaus ein Defizit von 8 Mio. Euro. Wie werden Sie die Situation lösen?
Bei vielen Projekten handelt es sich um Gebäude, die unter die Zuständigkeit des Staates fallen. Der Staat könnte die Kosten übernehmen oder mit dem Rathaus teilen. Was auch dringend nötig ist, ist die Sanierung der Landstraße EN 268, die nach Sagres führt. Diesbezüglich sind wir bereits in Verhandlungen mit der Straßenbaubehörde. Andere fällige Bauarbeiten unterliegen exklusiv der Verantwortung des Staates. Vor allem in Sagres, das an dritter Stelle der meist besuchten Orte Portugals steht. Die Erinnerung, die viele Touristen von Portugal behalten, ist die der Festung von Sagres. Es ist nur sinnvoll dort zu investieren. Was der Verantwortung des Rathauses unterliegt, wollen wir in zwei Jahren verwirklichen. Vorher müssen wir unsere Schulden bezahlen.

Glauben Sie angesichts des aktuellen Staatsdefizits, dass die Regierung diese Investitionen machen wird?
Wenn Millionen in Schnellzugverbindungen, Autobahnen zwischen Lissabon und Porto, usw., ausgegeben werden, meine ich, dass die Regierung auch einige Cents in Bezirke wie Vila do Bispo investieren muss, die immer vernachlässigt wurden. Ein Beispiel dafür ist die Via do Infante. Sie sollte von Sagres bis zur Grenze führen. Der Bau fing dann im Osten an und stoppte in Lagos. Wieso soll dann nicht zumindest in der Verbesserung der EN 125 bis Sagres investiert werden? Oder in den Ausbau der Via do Infante bis Sagres? Wir werden doppelt vernachlässigt.

Letzte Frage: stimmen Sie den Sparmaßnahmen der Regierung zu?
Wenn sie zu einer Verbesserung der Lage führen, ja. Aber daran glaube ich nicht. Seit Jahren leben wir in der Krise. Es wäre besser, nun wirklich drastische Maßnahmen zu treffen, die effektiv zur Verbesserung führen würden, als halbherzige Maßnahmen zu treffen, mit denen wir in wenigen Jahren wieder in der gleichen Lage sein werden. Wir gehen immer im Kreis. Im Teufelskreis.
Danke für das Gespräch.

Anabela Gaspar, ESA 08/10

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