Interview Bürgermeister Monchique

Perspektiven
Rui André ist der neue amtierende Bürgermeister von Monchique.

Der mit 34 Jahren jüngste Bürgermeister in ganz Portugal eroberte seine Stelle, indem er den dienstältesten Bürgermeister der Region entthronte. Rui André verspricht nun, besser zu sein und mehr für Monchique tun zu wollen

ESA: Als Sie das Amt antraten, sagten Sie, zuerst das Haus aufräumen zu wollen. Was haben Sie dabei gefunden?
Rui André: Jahrelang funktionierte dieses Rathaus auf eine bestimmte Weise. In einigen Aspekten gut, in anderen weniger gut. Mein Ziel ist es, diese Maschinerie effizienter zu machen. Eine Reform durchzuführen, die dazu dienen soll, alle Abteilungen des Rathauses aktiver zu machen, zu entbürokratisieren und einen besseren Kontakt zur Bevölkerung aufzubauen. Das Rathaus soll den Bürgern eine bessere Dienstleistung bieten. Vor allem will ich ein für Investoren freundliches Klima schaffen. Was die Finanzen betrifft, haben wir ein großes Loch vorgefunden. Wir haben Riesenschulden an die Bank und an Lieferanten geerbt, Allein den Lieferanten schulden wir vier Millionen Euro. Wir haben bereits einen Zahlungsplan ausgearbeitet und versuchen, die Situation langsam zu korrigieren.

Wie wollen Sie sich von Ihrem Vorgänger Carlos Tuta unterscheiden?
Nach meiner Ansicht gehören die öffentlichen Ämter der Bevölkerung. Meine Macht ist in ihren Händen. Ihnen gegenüber muss ich mich rechtfertigen. Meine Arbeitsweise muss transparent sein. Die Bürger müssen verstehen, was täglich im Rathaus geschieht, von den Schwierigkeiten sowie von den Erfolgen Kenntnis haben. Und dies ist, was ich versuche zu erzielen. Vor allem will ich, dass die Bevölkerung versteht, dass das Rathaus dafür da ist, mit ihr zusammen zu arbeiten. Um ihren Forderungen und Anfragen nachzugehen.

Sie sind in Monchique geboren, lebten mit Ausnahme Ihrer Studienzeit immer hier und arbeiten hier. Doch Monchique, wie die meisten Bezirke des Hinterlandes, kämpft gegen die Landflucht der jungen Erwachsenen. Was wollen Sie unternehmen, um diese Situation zu ändern?
Die Algarve und Monchique werden bald, vielleicht schon Ende dieses Jahres, 10 eine Blütezeit erleben. Vor allem im Ökobereich. Unsere Entwicklungspläne sind alle in diesem Bereich. Natürlich ist es für die Algarve ein Plus, einen Bezirk wie Monchique zu haben, der eine Alternative zum Sonne- und Strand-Angebot ist. Und hier sind wir auf einem guten Weg. Wir wollen, dass Monchique als grüner Bezirk bekannt wird, in dem die Lebensqualität gut und die Natur Bestandteil unseres Alltags ist. Dafür müssen wir Synergien schaffen und Investitionen im Naturbereich fördern. Ich beziehe mich konkret auf Sportaktivitäten in der Natur, auf Land- und Gesundheitstourismus. All dies wird Jobmöglichkeiten für die junge Bevölkerung bedeuten. Doch sie brauchen auch Wohnungen und in diesem Sinne wird das Rathaus den Eigenheimbau fördern. Wir werden drei verschiedene Baupläne kostenlos zur Verfügung stellen und die Grundstücke zu einem symbolischen Preis verkaufen.

Viele denken aber, dass Monchique zu abgelegen ist …
Ja, das stimmt, doch es sind lediglich 20 Minuten Farhtzeit. Zudem plädiere ich für eine zweite Straßenverbindung, eine Art Schnellstraße, zwischen Portimão und Monchique. Dies könnte das Leben der Menschen, die hier leben oder arbeiten, drastisch verbessern. Erste Gespräche mit dem Vorsitzenden der Straßenbehörde fanden bereits statt. Ich verstehe, dass diese Verbindung für die Regierung nicht vorrangig ist, aber sie ist es für Monchique und deshalb werde ich dafür kämpfen.

Während Ihrer Kampagne war Sozialhilfe eines der Hauptthemen. Welche Projekte haben Sie für diesen Bereich?
Die soziale Lage dieses Bezirkes ist sehr bekümmernd. Die derzeit existierende Sozialstruktur deckt bei weitem nicht unsere Bedürfnisse. Was soziale Einrichtungen betrifft, haben wir derzeit nur ein Centro de Dia in Monchique, eines in Marmelete und eines noch in Bau befindliches in Alferce. Drei Altersheime sind ebenfalls in Bau. Sehr wichtig ist die Betreuung im eigenen Heim. Normalerweise denkt man, dass Seniorenheime die beste Lösung sind, doch die Senioren bleiben lieber in ihrem eigenen Haus. Dazu ist diese Alternative günstiger und beinhaltet trotzdem Essen und die Reinigung von Wäsche und Haus, sowie die persönliche Hygiene. Ein weiteres Projekt des Rathauses ist das Monchique Solidário. Es handelt sich dabei um einen kostenlosen Reparaturdienst für die kleineren Dinge, die im Haushalt anfallen. Zudem werden wir in diesem Jahr Stipendien vergeben, was auch eine Form der Unterstützung für die Familien ist. Wir sind aber erst seit kurzem im Amt und deshalb konnten viele unserer Maßnahmen in diesem Bereich noch nicht umgesetzt werden.

Was plant das Rathaus im Bereich der Infrastrukturen?
Leider sind die Notwendigkeiten von Monchique in vieler Hinsicht noch dieselben wie vor vielen Jahren. In den meisten Bezirken fordern die Bewohner Investitionen in den Bereichen Bildung und Kultur. In Monchique habe ich eine schwere Last geerbt, weil viele Projekte, die schon längst erledigt sein müssten, noch fehlen. Wie z.B. die Kanalisation für Abwässer und die Wasserversorgung. Dies sind Angelegenheiten, die meiner Meinung nach jeder Bürgermeister gleich zu Beginn seiner Amtszeit erledigen muss. In Monchique gibt es im Jahr 2010 leider noch viele Häuser, die keinen Anschluss an die städtische Kanalisation haben und unsere Abwässer werden in die Flüsse abgeleitet. Wir werden diese Mängel beheben und gleichzeitig versuchen, den Anschluss an einer weiteren Entwicklung im Bereich Bildung und Kultur nicht zu verlieren.

Und Infrastrukturen für das Gewerbe?
Wie jeder andere Bezirk brauchen wir einen Gewerbepark für mittelständische Betriebe und einen Messe- und Märkte-Park. Dies sind zwei Grundeinrichtungen, die schon längst hätten gebaut werden müssen. Es sind unentbehrliche Investitionen. Aber ich kann leider nicht an große Investitionen und größenwahnsinnige Projekte denken, wenn viele der Bewohner hungern und mit großen Schwierigkeiten leben. Ich muss den Leuten danken, mir die Möglichkeit gegeben zu haben, etwas für sie tun zu können.

Sie sind von Beruf Lehrer und haben auch die Verantwortung für die Bildungsabteilung übernommen. Was ist in diesem Bereich geplant?
Unsere Schulen müssen dringend renoviert werden. Die Gebäude sind in schlechtem Zustand. Aber die Schule besteht nicht nur aus Gebäuden. Die Lehrer spielen eine sehr wichtige Rolle. Und in dieser Hinsicht haben wir Glück, weil wir sehr gute Lehrer haben. Unsere Schüler, die nach Portimão zur Fortsetzung ihrer Ausbildung gehen, gehören zu den besten Schülern. Die Direktorin der Schule E.B. 2,3 belegt zudem Platz 10 im nationalen Ranking der besten Ergebnisse.

Wie wollen Sie das Kulturleben in Monchique bereichern?
Wir haben eine etwas ältere Bevölkerung, aber eine sehr aktive und beteiligungsfreudige. Zudem leben ca. Tausend Ausländer in Monchique, unter denen viele ein besonderes Interesse für Kultur haben. Bislang gab es nur ab und an Veranstaltungen. Das Programm war aber nicht strukturiert, es gab keine Strategie. Eine Kulturpolitik, die nicht strukturiert ist, macht für mich keinen Sinn. Man muss die Bevölkerung verstärkt hinführen, Kultur sollte ein Teil ihres Lebens sein …

Ja, aber beispielsweise ist die Galerie Santo António, die renoviert wurde, meistens geschlossen.
Ja, leider. Wenn mal eine Ausstellung lief, musste oft der ausstellende Künstler selbst die Galerie öffnen und schließen, damit Interessierte sie besuchen konnten. Meines Erachtens ist dies dem Künstler und der Bevölkerung gegenüber respektlos. Mittlerweile hat das Rathaus die Verwaltung der Galerie einer neuen Kunstassoziation unter der Leitung von Rolf Osang überlassen. Das Programm für die ersten sechs Monate steht schon fest. Jeden Monat wird es eine andere Ausstellung geben. Durch diese Partnerschaft wird ein neues Gebäude nicht weiter leer stehen und es gelingt dem Rathaus, der Bevölkerung kontinuierlich Kultur zu bieten Oft denkt man, dass Veranstaltungen unbedingt zwischen vier Wänden stattfinden müssen. Aber so muss es nicht sein. Wir haben einige Projekte, über die ich mich aber noch nicht äußern will, weil es bislang eben nur Pläne sind.

Meinen Sie die Kartierung der archäologischen Fundstätte?
Archäologische Fundstätten sind sehr interessant. In Monchique gibt es ca. 100. Doch viele wissen nichts davon, weil bislang nichts unternommen wurde, um dies bekannt zu machen. Wir haben Fundstätten aus den verschiedensten Zeitaltern und während der Bauarbeiten des OdeloucaStausees sind noch weitere ans Tageslicht gekommen. All dies könnte ein neues Tourismusangebot darstellen.

Gibt es auch Pläne für Museen?
Ja, wir würden auch gerne ein kleines Museum einrichten, in dem Funde wie Münzen oder Keramik ausgestellt werden könnten. Viele der in Monchique freigelegten Funde befinden sich in anderen Museen und auch in Privatsammlungen, weil es hier keine Stelle gibt, wo man sie abgeben kann. Ich würde gerne diese Stücke wieder in Monchique sehen, da sie ein Teil unseres Erbes, unserer Geschichte sind. Wer uns besucht, kann in solchen Pólos Museológicos mehr zur lokalen Kultur lernen. Um unsere Kultur bekannt zu machen, planen wir auch die Casa do Medronho. Hier soll man alles über die Frucht und den Destillierungsprozess dieses beliebten Schnapses lernen. Auch geplant ist ein Skulpturenfestival. Sieben internationale Künstler werden zwei Wochen lang an Skulpturen aus Granit ­ natürlich hier aus Monchique ­ an öffentlichen Stellen der Stadt arbeiten. Die Skulpturen werden später unsere Straßen und Plätze schmücken. Für die Organisation wird der bekannte Bildhauer Arlindo Arez zuständig sein.

Sie sprachen bereits von einigen Projekten, um Touristen zu gewinnen. Sind auch Tourismusanlagen, Hotels, geplant?
Das Gesundheitstourismus-Projekt Longivity ist ja praktisch fertig. Wir wurden auch von anderen Investoren kontaktiert, die interessante Projekte für Monchique haben. Viele sind kleinere Anlagen, die mit Naturtourismus verbunden sind. Aber es steht noch nichts fest. Für die Gegend etwas oberhalb des Autodroms gibt es ein großes Projekt, zu dem u.a. ein Universitätscampus, TechnologiePark und ein Solarenergie-Park mit 100.000 Quadratmetern, der größte in Portugal, gehören, sowie Hotels und Villen. Dieses Projekt befindet sich bereits in einer fortgeschrittenen Phase und ist sehr interessant, weil es auch Partnerschaften mit den lokalen Universitäten oder mit dem Stromversorger EDP vorsieht. Weiters werden wir auf die Bereiche Natursport und Jagdtourismus setzen.

Und die Rallye?
Die Rallye ist sehr beliebt und während dieser Zeit besuchen viele Touristen Monchique. Was auch dem lokalen Handel zu Gunsten kommt.

Aber viele der Bewohner sind gegen diese Veranstaltung…
Natürlich müssen wir die Vor- und die Nachteile bedenken. Natürlich ist der Zustand der Straßen danach nicht der beste. Zudem werden sie gesperrt, was die Anwohner oder wer hier arbeitet belästigt. Zukünftige Rallyes müssen in dieser Hinsicht anders organisiert werden. Wenn die Anwohner durch die Rallye gestört werden, sehen sie nicht mehr die Vorteile dieser Veranstaltung für Monchique.

Eine Neuigkeit in ihrer Wahlkampagne war, dass Sie einen Ausländer in einer wählbaren Position auf der Kandidatenliste hatten.
Ich war und bin der Meinung, dass diese wachsende Gemeinde der Ausländer, die in Monchique lebt, einen Repräsentanten im Rathaus haben muss. Deshalb lud ich Stephen Hugman ein, um Mitglied des städtischen Rates zu sein.

Sie sagten damals, dass Sie sich eine größere Beteiligung der ausländischen Residenten im politischen Leben wünschten. Sind Sie der Meinung, dass sie sich zu sehr ausschließen? Damals wurde in einer Zeitung eine Beilage in Portugiesisch, Deutsch und Englisch herausgegeben, die meinen Alltag während der Wahlkampagne schilderte und meine Projekte für Monchique bekannt machte. Dies führte dazu, dass diese, sagen wir, sich im Schlaf befindende Bevölkerung, aufwachte. So etwas war noch nie vorgekommen und die Leute fragten sich, wieso ich es gemacht hatte. Ich tat es nicht wegen der Stimmen, sondern mit Hinsicht auf das, was diese Bevölkerung für Monchique machen kann. Ich wollte ihr Interesse für das politische Leben von Monchique wecken. Es sind Menschen mit viel Erfahrung, die den Bezirk sicher bereichern können. In dieser Hinsicht plane ich auch mehrsprachiges Personal im Rathaus einzustellen. Ziel ist es, den Residenten besser helfen zu können und vor allem Bürger, die sich hier niederlassen wollen, zu unterstützen.

Es wird behauptet, dass jeder zweiter Satz, den sie sagen, über Monchique ist. Stimmt dies?
Ich bin kein Fanatiker, aber ich liebe Monchique. Wer aus Monchique ist, hat immer Monchique in seinem Herzen. Egal ob er hier lebt oder nicht. Man muss nur um sich schauen, um zu verstehen, wieso dies so ist. Zudem ist Monchique ein Bezirk mit großem Potential. Deshalb fühle ich mich sehr geehrt, dass die Bevölkerung mir ihr Vertrauen gegeben hat, sowie die Mittel, meinen Beitrag für Monchique leisten zu können.
Vielen Dank für das Interview

ANABELA GASPAR
ESA 02/10

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