Lissabon mal Drei

Hätte ein Beobachter zwei Jahrtausende auf dem Castelo de São Jorge verbracht, könnte er die wechselvolle, reiche Geschichte der Stadt, ihrer Bewohner und Kulturen erzählen, wie es sie nirgends sonst gab, schrieb der Reisende J.P. Texier vor 200 Jahren in seine dänische Heimat. Ein neues Freilichtmuseum an dieser ,,privilegierten Adresse” zeigt Details dieser Geschichte

Nationalmonument ist ein stolzer Titel für ein Bauwerk und vermutlich passt es zu kaum einem Ort in Portugal besser als zum Castelo de São Jorge. Portugals letzter König D. Manuel II verlieh dem JahrtausendGemäuer auf dem höchsten der sieben Lissabonner Hügel diese Würde im Juni 1910. Nun zelebriert die Stadt das Jubiläum. Wann die ersten Anlagen zu dem Kastell und seinen zehn Wachtürmen entstanden, ist nicht bekannt. Spuren vorrömischer Zeit zeugen von zweieinhalb Jahrtausenden Geschichte: Westgoten siedelten ab dem 5. Jahrhundert hier, später die Mauren, die die Festung über 400 Jahre hinweg erweiterten, bis die christliche Reconquista sie vertrieb. Portugals Nationengründer und erster König D. Afonso Henriques residierte ab 1147 auf der Burg und nach ihm bis 1511 die portugiesische Monarchie, bevor sie in Paläste am Tejo-Ufer umzog. Fortan diente das Castelo de São Jorge als Gefängnis und Waffenlager. Die Festung umfasste schließlich über 6.000 Quadratmeter ­ von hier aus wuchs Lissabon. Eine Dekade lang begaben sich Archäologen im Auftrag der Stadt auf Spurensuche und Rekonstruktion im Untergrund des Castelo. Nun sind die Arbeiten auf der Praça Nova an der Burgmauer abgeschlossen und geben den Blick in die Historie frei. Dass dies möglich wurde, verdankt Lissabon einem Zufall, erzählt die Archäologin Alexandra Gaspar, verantwortlich für die Ausgrabungen. 1996 sollte in unmittelbarer Nähe des Castelo de São Jorge ein Parkhaus entstehen, um den Verkehrsinfarkt in der historischen Altstadt zu bekämpfen. Bauarbeiter stießen auf Mauerreste und riefen das Amt für Denkmalschutz IPPAR. Schnell war klar, dass es sich um einen Jahrhundertfund handelte. Die Relikte erlaubten die Rekonstruktion von ,,Lissabon mal Drei”: Da sind Strukturen der Eisenzeit des vorchristlichen 7. Jahrhunderts, dann Spuren des alten, islamischen Lissabon, der Siedlung Al-Uxbuna, wie sie einst in den Mauern des Kastells florierte. Schließlich Mauern der Burg aus dem 11. und 12. Jahrhundert, Überreste des Bischofs-Palastes und des späteren Palácio dos Condes de Santiago. Nachdem im Núcleo Museológico schon seit 2008 einzelne Fundstücke wie Geschirr, Amphoren und Schmuck aus den Ausgrabungen im Bereich der Burg zu sehen sind, ist nun mit der Eröffnung des Núcleo Arqueológico die Geschichte begehbar geworden. Der Architekt João Luís Carrilho da Graça entwarf die Struktur des neuen Museumsraumes: Antik wirkende Stahlkonstruktionen umgeben den frei gelegten Teil der Siedlung aus der Eisenzeit, die sich in Richtung Westen ausdehnte, und Mauern, die einige Jahrhunderte jünger sind. Sie liefern eine Vorstellung davon, wie sich das islamische Al-Uxbuna auf den alten Grundmauern entwickelte: Straßenzüge sind nachvollziehbar, Fundamente von Wohnhäusern klar erkennbar, zum Teil wurden sie schematisch nachgebaut, sodass es leicht fällt, sich einzelne Räume und das Leben in dem Siedlungskomplex vorzustellen. Unterirdische Silos dienten als Getreidespeicher. Zwei Häuser sind mit über 160 Quadratmetern recht groß und verfügen über einen Küchen- und einen Vorratsraum. Dort, wo einst Wohnräume gewesen sein müssen, stehen Wandreste mit kunstvoll bemaltem Stuck, was auf reiche Eigentümer schließen lässt. Gleich nebenan gelingt ein Einblick in den mittelalterlichen Palast der Bischöfe von Lissabon, die nach der Vertreibung der Mauren und bis zum 15. Jahrhundert hier residierten. D. Afonso Henriques hatte dem ersten Bischof der Hauptstadt, D. Gilberto, hier ein Stück Land geschenkt. Als Fundament dienten dem sakralen Palast islamische Ruinen. Auch der Bischofspalast wuchs über die Jahrhunderte, wie Reste von Mosaiken an Wänden und Böden belegen, die gleichzeitig eine wertvolle Sammlung antiker Azulejos verschiedener Entwicklungsstufen darstellen: Blau-weiße ebenso wie solche, die mit Blattund Engelsmotiven dekoriert sind ­ diese Kachelmode datiert ins 17. Jahrhundert, als bereits die Grafen Santiago den bischöflichen Palast bewohnten. ,,Alles, was wir hier gefunden haben, hat Seltenheitswert und ist sehr gut erhalten”, freut sich die Archäologin Ana Gomes vom Nationalen Institut für die Verwaltung des architektonischen Erbes (IGESPAR): Schindeln, Öllampen, Schmucknadeln, Keramik, Münzen, ­ Gegenstände, die das Leben in den historischen Anfangszeiten der Stadt und in ihrem Verlauf für den Betrachter lebendig werden lassen. Dazu gehören auch Fundstücke aus dem vollständig ausgelöschten Hospital dos Soldados, das bis zum Erdbeben von 1755 hier stand. Diese jüngsten Fundstücke sind vom Feuer gezeichnet und zeigen auf beklemmende Weise, wie nach den Erdstößen andere Naturgewalten Tod und Zerstörung brachten. Unter anderem gruben die Archäologen eine Pfeifensammlung aus: Die Entdecker brachten Tabak aus Südamerika mit, dem heilende Kräfte zugeschrieben wurden: Das Rauchen einer Tabakspfeife war im Hospital dos Soldados Teil der Behandlung.

Castelo de São Jorge:

,,Monumento Nacional 1910 – 2010″: tägl. geöffnet von 9 h bis 21 h www.castelosaojorge.egeac.pt Im Juni zahlreiche Musikund Theater-Veranstaltungen. * Zum Nationalfeiertag, dem 10. Juni, wird ein Dia da História, mit geschichtlichem und aktuellem Tagesprogramm vorbereitet, u.a. am 5., 11., 19. u. 25. Juni: Fado no Castelo, jew. 22 h

ESA 06/10

 

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