Erlebnisräume

2,2 Millionen Menschen besuchten 2009 Portugals 28 staatliche Museen und fünf Nationalpaläste. Auch private und kommunale Museen melden Publikumszustrom. Die Kulturministerin präsentierte nun den ,,Strategieplan für Museen des 21. Jahrhunderts” zur Öffnung des Kunstbetriebs

Portugals Hauptstadt kennt viele Rekorde. Einige stehen in Geschichtsbüchern, andere im Guinnessbuch. Ob die Eintragung der Friseure Sérgio e Margarida Cabeleireiro für die meisten in 24 Stunden registrierten Haarfärbungen (es waren 380) trotz Farbenspiels eine kulturelle Würdigung verdient, sei dahingestellt. Anders die Aktion, bei der 15.000 echte und HobbyKünstler mit 20.000 Pinseln und 2.500 Litern Farbe gemeinsam eine fünf Kilometer lange Leinwand gestalteten. Die Idee dahinter: Kunst und Kultur können ihre elitäre Aura ablegen und sich denen öffnen, die vom Betrachter zum Akteur werden oder beide Rollen wahrnehmen möchten. Kunst-Konsumenten können nur dann Kunstgestalter werden, wenn sich die institutionalisierte Kunst dem Konzept nicht verschließt. Kulturministerin Gabriela Canavilhas stellte jetzt in Lissabon den ,,Strategieplan für die Museen des 21. Jahrhunderts” vor: Alte oder Moderne Kunst, knappe Finanzen oder Personalmangel ­ Museen ,,sind die Hüter des nationalen Erbes”. Canavilhas will ,,nicht kürzen, sondern umgestalten”, vor allem angesichts der ,,begrüßenswerten Verdreifachung der musealen Räume in Portugal seit 1999″. Mittelfristiges Ziel ist der kostenlose Eintritt ins Museum. Museen hätten ,,die Aufgabe, Wertmaßstäbe zu setzen”, der Strategieplan widerspreche dem nicht, sagt Isabel Carlos, Direktorin des Centro de Arte Moderna (CAM) der Fundação Gulbenkian und Herrin über neuntausend Werke. Das CAM soll ein ,,erweitertes Museum werden, denn Wert, Kunst und Alltag sind verbunden”, meint Carlos und gibt Beispiele: Das Aktionshaus Christie’s versteigerte im Oktober das Bild der Berliner ,,Paris Bar” von Martin Kippenberger für 2,28 Millionen Pfund. Tatsächlich stammt das Bild nicht von Kippenberger. Autor war (in Kippenbergers Auftrag) Götz Valien, durch handgemalte Plakate für die Berlinale bekannt geworden. Für das Bild der Paris Bar erhielt Valien einmal 1.000 D-Mark. Kunst zu bewerten, sagt Carlos, habe mit persönlichen Vorlieben zu tun. ,,Kunstkenner im 19. Jahrhundert wählten für die berühmten Pariser Salons fast nie Van Gogh, Monet oder Cézanne. Weder die heute hoch bewerteten Impressionisten noch die Realisten waren damals anerkannt”. Isabel Carlos möchte ,,mit dynamischem Programm und kritischem Bewusstsein einen für Publikum und Künstler begehrenswerten gemeinsamen Raum” schaffen. Mit dieser Identität könne sich die Kunst in Zeiten der Krise im allgemeinen Bewusstsein behaupten. Isabel Carlos setzt auf ein Gleichgewicht von portugiesischen und ausländischen Künstlern und will viel Raum für Erst-Anthologien junger Künstler schaffen, ähnlich wie ein Projekt zur Verbindung der Werke junger Künstler zum Alltag: Kunst-, Design- und Architekturstudenten gestalteten Waggons für die U-Bahn in Lissabon und Porto. Laut Statistikamt INE holt Portugal Kunstund Kulturgegenstände für viermal so viel Geld ins Land, wie es exportiert. Zwar sind das oft Bücher, Sammlerstücke und Antiquitäten, doch ,,auch Alte Kunst begann ihr Dasein als frisch hergestelltes Produkt”. Kunst als ,,jederzeit machbar zu verstehen und zu fördern, ist eine stimulierende Herausforderung, die mit der Kunsterziehung beginnt”. Der Kunstunterricht, in Portugal in Technologie, Bildende Kunst und Kunstgeschichte unterteilt, soll Museen und Ausstellungen in das Curriculum einbeziehen: ,,Jede Kunst schließt ein Handwerk in sich ein; das Handwerk ist der Teil der Kunst, den man lehren und lernen kann. Wo das Handwerk aufhört, beginnt die eigentliche Kunst”. Stärke und Tücken der Kunst liegen im Umgang mit dem Publikum und dessen emotionalen Werten. Je präsenter Kunst im Alltag ist, desto eher entsteht Teilnahme. Die erste Biennale für Moderne Kunst Portugal Arte im Juni spannt einen Bogen in die Provinz und macht die Alentejostadt Grândola zum gleichberechtigten Veranstaltungsort neben Lissabon. Hier wie dort verlässt die Kunst ihren traditionellen Platz und exponiert sich an gewöhnlich kunstfernen Orten, auf Straßen, Plätzen, Bahnhöfen. Eingeladen sind der in Bitburg geborene US-Künstler Sterling Ruby, der sich in allen Genres bewegt, und der Perfomance-Künstler Chris Burden. Die Aufbruchstimmung weckt private Ambitionen, wobei es ganz ohne Guinnessbuch nicht geht: Der Buchautor und Journalist Vítor Duarte Marceneiro möchte Lissabon als die meistbesungene Stadt der Welt eingetragen sehen und arbeitet an einer Datenbank zu Liedern, Märschen und Fados, die die Metropole besingen. Viele Noten und Texte liegen in den Archiven der Museen.

Foto: Palácio da Pena, eines der meistbesuchten Palästen Portugals

 

 

 

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