Afrika in Lissabon

Lissabon, einst Hauptstadt der halben Welt, ist heute ein melting pot verschiedener Kulturen. Mitte der 70er Jahren strömten zigtausende Retornados aus den ehemaligen Kolonien in die Metropole, offiziell leben derzeit rund 120.000 Afrikaner in Lissabon

 

Zum Auftakt des Afrika-EU-Gipfels im Herbst 2007 hatte Ministerpräsident José Socrates Lissabon stolz ,,als afrikanischste Stadt in Europa” bezeichnet. Der neue Kulturtempel ,,África.cont” im Stadtteil Lapa (Eröffnung 2012) soll die Weltoffenheit der Hauptstadt noch unterstreichen. Multikulti wird trotz allem hierzulande erst langsam vom plakativen Konzept zur Realität. Die Medienberichterstattung konzentriert sich meist auf die gewaltsamen Tragödien, die sich in den afrikanischen Elendsvierteln rund um die Stadt abspielen und vielfach haftet den Schwarzen immer noch ein Immigranten-Image an, obwohl sie längst waschechte Portugiesen sind. Allmählich aber verändert sich die Wahrnehmung in der portugiesischen Öffentlichkeit. Schwarze Künstler und Sportler, wie z.B. die kapverdischen Sänger Tito Paris oder Lura, die angolanisch stämmige Elektro-Funk-Band Buraka Som Sistema oder der portugiesische Dreisprung-Weltmeister Nelson Évora, machen international Furore und sorgen so auch hierzulande dafür, dass man die kulturelle Vielfalt als Bereicherung begreift. Conceição Queiroz ist eines der wenigen schwarzen Gesichter im portugiesischen Fernsehen. Die quirlige Reporterin vom Sender TVI ist in Mosambik geboren und kam mit zwölf Jahren nach Lissabon. Regelmäßig erhält sie Einladungen von Schulen und anderen Institutionen, um über ihre Erfahrungen als schwarze Afrikanerin hier in Portugal zu berichten. Die Journalistin und Buchautorin ist eine echte Powerfrau, deren offene, fröhliche Art ansteckend ist. Sie fühlt sich hier pudelwohl, zuhause und willkommen. Dass es nicht jeder so leicht hat, weiß die 34-Jährige aber. ,,In Portugal existiert Rassismus im Tarnanzug”, deutet sie an und bemängelt fehlende Chancengleichheit für Schwarze. Trotz der vorhandenen Missstände ist sie zuversichtlich und glaubt fest an einen gewissen Obama-Effekt: ,,Amerika hat eine ganz klare Nachricht in die Welt geschickt, die Wahl von Barack Obama zum Präsidenten der USA bedeutet für uns Schwarze Hoffnung. Er hat bewiesen, dass man sein Ziel erreichen kann, wenn man nur will.” Dafür ist die Geschichte des ehemaligen, mittlerweile erblindeten, Box-Champions Jorge Pina das beste Beispiel. Der Kapverdianer ist in Lissabon geboren, seine Mutter war, mit ihm schwanger, aus Angola nach Portugal gekommen. Der heute 33-Jährige erlebt eine behütete Kindheit in einem typischen kapverdischen Viertel mitten in Lissabon. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater Polizist. Das Leben ist nicht einfach für die zehn-köpfige Familie und Jorge verlässt früh die Schule, um etwas dazu zu verdienen. Beim Boxen im örtlichen Sportverein kann er die Alltagssorgen vergessen. Er trainiert hart, landet schließlich beim Topclub Sporting und holt in drei verschiedenen Klassen die nationalen Titel. Dann, kurz vor dem großen Karrieresprung nach Amerika, der Schock: Jorge erblindet, eine genetisch bedingte Krankheit macht seinen größten Traum zunichte. Der junge Sportler strauchelt, es folgt der Absturz in Alkohol und Drogen. Doch Jorge Pina ist eine Kämpfernatur und rappelt sich wieder auf. Er wird Boxtrainer und gründet mit einem befreundeten Fotografen die Sportleragentur Megabox. Seinem Revival setzte er im vergangenen Sommer die Krone auf, bei den Paralympics in Peking lief Jorge Pina für Portugal im Marathon. ,,Dabei sein ist alles” kommentiert der sanftmütige Boxer lächelnd seinen 18. Platz. Der kapverdische Musiker Tito Paris ist ein Symbol für das gemischte Lissabon und auf allen Kontinenten ein Star. Der heute 44-Jährige kam 1982 mit 19 Jahren in die portugiesische Hauptstadt. Der Start hier war für ihn nicht einfach: ,,Wenn wir Afrikaner heute in Europa Schwierigkeiten haben, kannst du dir vorstellen, wie das damals war.” Der Musiker weiß allerdings zu differenzieren: ,,Unglücklicherweise gibt es immer noch Leute mit armseliger Moral, aber diese geistige Armut gibt es genauso in Afrika.” Mit der Eröffnung seines schicken Restaurants Casa da Morna vor einigen Jahren setzte der sympathische Sänger Maßstäbe in der afrikanischen Gastro-Szene der Hauptstadt. In seinem stilvollen Lokal speist man bei gedämpften landesüblichen Pianoklängen Spezialitäten aus der ehemaligen portugiesischen Kolonie. Die Casa da Morna ist eine Referenz in Lissabon, dienstags und donnerstags tritt Tito Paris selbst auf. Hierher kommen alle Afrikaner gerne, denn die Vorliebe für scharfe Küche und heiße Rhythmen eint die schwarze Lissabonner Community.

Afrika in Lissabon ­ zum Anfassen
Die Küche aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien dominiert im Angebot der afrikanischen Restaurant-Szene Lissabons. Eintopfgerichte, wie Cachupa, Muamba oder Calulu fehlen auf fast keiner Speisekarte. Associação Cabo-Verdiana Im achten Stock eines Bürohauses mitten in der City nahe der Avenida Liberdade hat die kapverdische Vereinigung ihren Sitz und bietet mittags einfache kapverdische Gerichte zu Kantinen-Preisen an. Dienstags und donnerstags gibt es Live-Musik und während des Essens wird hier kräftig das Tanzbein geschwungen. An diesen Tagen sollte man unbedingt reservieren, denn der afrikanische Schwof am Mittag ist bei Alt und Jung ein Renner. Mo – Fr 12 h -15 h, Rua Duque de Palmela 2-8º, Tel. 213 531 932 EnClave Beliebter Treffpunkt von Fans der kapverdischen Küche und Musik. Anfang der 70er Jahre gründete der große kapverdische Balladensänger Bana sein Restaurant und bis heute hat es sich seinen ganz eigenen Charme erhalten. Im Restaurant gibt es sanfte LiveMusik bis Mitternacht, in der Diskothek im Untergeschoss, Typ Partykeller, wird am Wochenende aufgespielt und bis in die Puppen gepflegt das Tanzbein geschwungen. Gemütlich und familiär. Die Küche ist bis 4 Uhr geöffnet. Di geschl., Rua do Sol ao Rato, 71A Tel. 213 888 738 od. Mob. 919 209 114 Mindestverzehr Disko 15. Ibo Casa da Morna Die backsteinfarbenen Mauern erinnern an die Erde Afrikas, Schwarz-Weiß-Fotografien von kapverdischen Musikgrößen zieren die Wände und warme Pianomelodien untermalen das Dinner. Restaurant, Bar und Kunstgalerie, feine afrikanische Küche und Live-Musik. So geschl., Alcântara, R. Rodrigues Faria, 21, Tel. 213 646 399 Die schnellen Rhythmen, nach denen in den afrikanischen Clubs der Hauptstadt recht aufreizend getanzt wird, haben so exotisch klingende Namen, wie Funaná, Kuduro oder Kizomba, eine Art afrikanischer Lambada. Eher moll-lastig dagegen ist die Coladeira oder die sehnsuchtsvolle Morna, quasi die kapverdische Antwort auf den Fado. Die Musik aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien gibt es bei Radio RDP África, Frequenz Lissabon 101.5 FM, Faro 99.1 FM. Mussulo Tanzmuffel haben im Mussulo schlechte Karten. Der Club ist das pulsierende Herz der afrikanischen Musikszene Lissabons. Sonntags ist ladies-night, d.h. freie Drinks für die Damen. Turnschuhe und Schlabberlook sind hier ein absolutes No-Go. Mi – So, 23 h – 6 h, Eintritt ab 7 Rua Sousa Martins, 5D www.discotecamussulo.com Gala Kretcheu Hier brodelt es. Afrikanische Tanzveranstaltung, jeden Freitag ab 23 Uhr im Armazém F am Cais do Sodré direkt am Tejo. Eintritt 7 incl. ein Bier. Rua da Cintura , Armazém, 65 Cais do Gás, www.armazemf.com ,,Wenn Du laufen kannst, kannst Du auch tanzen”, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Mosambik trifft auf Portugal. Das neue Terrassen-Restaurant im coolen Minimal-Schick direkt am Tejo hat neben portugiesischer Küche einige mosambikanische Gerichte auf der Speisekarte. Sehr lecker, z.B. Krebssalat mit Mango oder Xacuti, ein scharfes Kokosnuss-Curry vom Zicklein. So geschl., Cais do Sodré, Armazém A Tel. 213 423 611, www.ibo-restaurante.pt Academia de Recreio Artistico ARA Gratis-Schnupperstunde für traditionelle kapverdische Tänze und Kizomba mit Susana Sequeira. Jeden Do 20 h, Rua dos Fanqueiros, 286 – 1. Stock Mob. 916 284 192 dancingsu@hotmail.com Der bunte afrikanische Look ist in der Modewelt gerade angesagt. Die in Mosambik lebende Portugiesin Carla Pinto macht aus den traditionellen mosambikanischen Stoffen, den Capulanas, trendy Sommermode und Accessoires. Ideias a Metro Comtempo, Rua Bulhão Pato, 14B Mob. 919 013 193 www.ideiasametro.net Afrikanische Kunst gibt es auf Lissabons Antik-Meile Rua D. Pedro V. Fernando Moncada Tribal Art Alexandrina aus Mosambik und ihr Mann Fernando sind Kenner und Liebhaber afrikanischer Antiquitäten. In ihrem winzigen Eckladen gibt es ausgewählte Sammlerstücke und antike Objekte: Masken, Skulpturen, Schmuck, Waffen und Stoffe. Edle Raritäten, die aber auch ihren Preis haben. Mo – Fr 13 h – 19 h, Rua D. Pedro V, 145 Tel. 918 353 015 od. Mob. 919 459 721 Pó di Terra Julia Simão hat lange Jahre in der ehemaligen Kolonie Guinea-Bissau gelebt. Hier kauft sie auch hauptsächlich die Ware für ihren kleinen Laden ein: Masken, Skulpturen, Stoffe und Schmuck, zeitgenössisch oder antik, aus West- und Zentralafrika. Mo – Sa 11 h – 19 h, Rua D. Pedro V, 62, Tel. 213 423 011 Feira Tradicional Africana ,,Drei Tage mit viel Farbe, Geschmack, Tradition und Kunst” verspricht das Afrika-Happening, das im Juli stattfindet. Geboten wird afrikanisches Kunsthandwerk, Malerei, Fotografie, Literatur, Musik, Tanz und Gastronomie. 24.-25.7. 16 h – 4 h, 26.7. 16 h – 24 h, Teatro da Luz, Largo da Luz, Carnide, Info: Mob. 963 660 756 od. gala.kretcheu@gmail.com

ESA 06/09

Text: ANNETTE HÜLLER Portraits: ALEXANDER KOCH

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