Zukunft der Stadtgesellschaft

Lissabon lebt den Gegensatz: Die historischen Viertel gefallen den Touristen und sind somit ein Wirtschaftsfaktor. Doch immer mehr Menschen verlangen modernen Wohnraum und Infrastruktur. Architekten sehen die Stadt oft als Labor für Experimente. Ein Blick auf Lissabon als Bauwerk der Zukunft

 
Studenten der Architektur aus aller Welt sind aufgerufen, Gestaltungsvorschläge einzureichen für brachliegende oder verfallene Zonen am Tejo im Lissabonner Stadtteil Xabregas und den Orten Cacilhas, Barreiro und Samouco am Südufer. Die Internationale Architektur-Triennale, die vom 31. Mai bis zum 31. Juli 2007 in Lissabon stattfindet, präsentiert die Entwürfe. Die Ausstellung findet im ehemaligen Expo-Pavilhão de Portugal des Stararchitekten Álvaro Siza Vieira statt. Der Ort ist Programm und Vorbild: Mit dem heutigen Parque das Nações, dem Expo-Gelände von 1998, ist ein gewaltiger Wurf auf sumpfigem Brachland mit fantasievollen Bauten und Plätzen gelungen. Lissabon schlummert nicht mehr als Relikt lusitanischer Geschichte zwischen alten Mauern, lautet die Botschaft der Stadtplaner. Die Hauptstadt will sich neu erfinden, dabei sind ,,verfallene Bauten und ungenutzte Komplexe ein wichtiger Teil der Stadt des 21. Jahrhunderts”. Es gehe um Lösungen, etwa für das Industriegebiet von Alcântara. Dort leiden viele Anwohner unter dem einstigen Prestigeobjekt moderner Architektur, der Brücke 25 de Abril, die gerade 40 wurde. Mit ihren gigantischen Pfeilern verschandele sie das Viertel und seit vier Jahrzehnten landet in Gärten und auf Balkonen, was Autofahrer beim Überqueren der Brücke aus dem Fenster werfen. Das Projekt Alcântara XXI wird daran wenig ändern: Auf 41 Hektar plant Ambelis, ein Konsortium aus 40 öffentlichen und privaten Firmen, darunter Siemens, eine futuristische Stadt in der Stadt, mit neuem Bahnhof und eigener Metrostation. Alte Wohn- und Industrieanlagen sollen restauriert und in den Neubaukomplex integriert werden. Auch Lissabons Unterstadt sieht radikalen Veränderungen entgegen: Die Baixa und der Chiado sollen bis 2020 verkehrsberuhigt sein und einige tausend Neubürger ansiedeln, es wird unterirdische Parkhäuser und mehr Läden geben, zwei Museen und andere Freizeitangebote sowie einen Kai für Kreuzfahrtschiffe. Die auf 1,1 Milliarden geschätzten Umbauarbeiten könnten im Februar 2007 starten. Nur ,,der Wiederaufbau nach dem Erdbeben von 1755 hatte ähnliche Dimensionen”, erklärt Maria José Nogueira Pinto, Urheberin der Idee und 2005 Kandidatin für das Bürgermeisteramt. Auch die Avenida de Liberdade, der einstige passeio público, im 18. Jahrhundert Flaniermeile des Bürgertums, über die der Dichter Eça de Queiroz 1888 schrieb, sie zeige ,,Luxus, der ausgezogen war, die alte Stadt zu verändern”, soll als Wohnort wieder populär werden, mit weniger Autoverkehr und breiteren Spazierwegen. Der Architekt Manuel Fernandes de Sá will die Anwohnerzahl auf 15.000 verdoppeln und vor allem die Altbauzone um das Coliseu dos Recreios renovieren. Der Archäologe Luís Pascoal kritisiert die Bauwut: Über Jahrhunderte hätten Phönizier, Moslems und Christen die Stadt ihren jeweiligen kommerziellen Interessen angepasst, jedoch nie in das Lebensumfeld der Bevölkerung eingegriffen. Umwälzungen habe es fast ausschließlich durch Erdbeben und Brände gegeben; die Rückkehr in den Alltag sei den betroffenen Vierteln dann selten geglückt. Lissabon ist ein teures Pflaster geworden. Der Quadratmeterpreis im Neubau liegt bei 3.000, die Hälfte mehr als in Porto, errechnete die ConsultingFirma Prime Yield. Besonders Kleinwohnungen könnten bald unerschwinglich sein; ein Apartment vom Typ T0 kostet derzeit 140.000. Wie viele Städte in Europa wirbt Lissabon um die Rückkehr von Mittelschicht und Familien ins Zentrum, das zeigen derzeit auch Portugals Beiträge auf der Architektur-Biennale in Venedig. Energiesparendes Bauten ist angesagt ­ soeben bekam ein Gebäudekomplex an der Avenida Infante Dom Henrique grünes Licht, der mit erneuerbaren Energien versorgt wird. Der Ausbau des Nahverkehrs ist ebenso wichtig wie die Infrastruktur öffentlicher Plätze, Schulen in erreichbarer Nähe, Sport und Kultur. Hohe Investitionen, die allerdings nachweislich die Kriminalität reduzieren.

,,Chelas unida jamais será vencida”: Einigkeit macht unbesiegbar, so hoffen die Anwohner von Chelas im Osten Lissabons. Ihr Zorn richtet sich gegen die D. Pedro IV-Stiftung, die in ihren 1.500 Sozialwohnungen teils drastisch die Miete erhöht hat, angepasst an das Einkommen eines jeden Bewohners. Die Stiftung der Sozialfürsorge handle ungesetzlich, wenn sie sich am Profit auf dem Immobilienmarkt orientiere. Mieter beschuldigen die Stadt, sich ,,nicht um die Mehrheit der Bürger zu kümmern, sondern nur um Jet-Set-Architekten für das Zentrum”. Menschen, die am Stadtrand in Problemvierteln wie dem Bairro 6 de Maio leben, sind durch ihre Adresse so stigmatisiert, dass sie bei der Jobsuche oft abgelehnt werden. Die seit Jahren versprochene Umsiedelung ist nicht in Sicht. Solche Realitäten beschreibt der Journalist Fernando Câncio in seiner Vorstadtchronik ,,Cidades sem nome ­ crónica da condição suburbana”. Randbezirke würden heute ,,mit Armut und sozialer Ausgrenzung in Verbindung gebracht”. Helena Roseta, Präsidentin des Architektenverbandes, meint, ,,mangelhafte Flächenplanung” sei das wahre Problem. Es zu überwinden sei ,,oft nur mit veralteten Mechanismen und mit Korruption möglich”. Davon will der Stadtrat nichts wissen: Ein Großprojekt an der Avenida Infante Santos wurde gestoppt, weil der Bauherr sich nicht an die Pläne hielt, ein ungenehmigtes Schwimmbad baute und die Abgabe für die städtische Infrastruktur nicht bezahlte. Der Rat der Stadt will nun jedes Jahr eine CD-Rom herausgeben, auf denen Bürger Stadtplanung und -gestaltung und deren Kosten verfolgen können. Die Ausstellung Habitar Portugal 2003/2005 zeigt 79 Beispiele portugiesischer Architektur vom Einfamilienhaus über Wohn- und Bürotürme bis hin zu komplexen Großprojekten, privates wie staatliches Bauen. Das Objekt selbst zählt dabei ebenso wie die Vision seiner Einbettung in die Umgebung. Bis 9. Dezember, Di.-So. 10 h – 19 h, Centro de Exposições im Centro Cultural de Belém. Info: www.ccb.pt

Text und Fotos: HENRIETTA BILAWER

ESA 11/06

 

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