Lissabonner Theater

Vorhang auf!

Theater sei das ,,Zusammenspiel verschiedener Berufe. Der Schauspieler ist nur das Gesicht”, sagt Ruy de Carvalho, ein Veteran der portugiesischen Bühne. Sein Kollege José Peixoto sieht im Theater die ,,Bürgerschule, wie vor 2.500 Jahren im antiken Griechenland”. Zu Beginn der Spielzeit unternahm ESA einen Streifzug durch die bekanntesten Häuser

Sechsundvierzig Theaterstücke sind das Vermächtnis von Gil Vicente (um 1465 bis 1535), der als Gründer des portugiesischen Theaters gilt. Er führte die Dramaturgie aus den liturgischen Spielen des Hochmittelalters zur nationalen Eigenständigkeit. Doch erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Theater zur anerkannten Institution, als der Schriftsteller und Politiker Almeida Garrett im Aufwind nach der liberalen Septemberrevolution von 1836 das Nationaltheater gründete. Das Teatro Nacional D. Maria II (TNDM II) ist Portugals wichtigste Bühne. 1846 schuf der italienische Architekt Fortunato Lodi den neoklassischen Bau am Rossio, am Giebel eine Statue von Gil Vicente. Das TDNM II zeigte anfangs Stücke ausländischer Autoren, vor allem Alexandre Dumas. Bis 1755 residierte an dem Ort im Palácio dos Estaus die Inquisition. Auch damals gab es Spektakel für das Volk: Hinrichtungen, umrahmt von Stierkämpfen, Gauklern und Zirkusartisten. Die Saison 2006/07 bietet einen Zyklus des Dichters António José da Silva, Stücke von Beckett und dem Ensemble JER nach Konzepten des Happeningkünstlers John Cage. Das Haus gedenkt dem 100. Todestag von Henrik Ibsen und dem 100. Geburtstag von Fernando Lopes Graça. Weitere portugiesischsprachige Autoren, darunter Chico Buarque, folgen. Rossio, www.teatro-dmaria.pt Auch das Opernhaus Teatro Nacional de São Carlos hat eine lange Tradition. Gebaut wurde es 1793, die alte Oper hatte 1755 das Erdbeben zerstört. Baumeister José da Costa e Silva orientierte sich am Vorbild der Mailänder Scala, Portugals Adel spendete für den Bau. Berühmte Architekten gestalteten die Bühnenbilder, das Theater brachte Werke großer Opern-Komponisten jener Zeit: Rossini, Donizetti, Meyerbeer. Heute werden auch moderne Komponisten wie György Ligeti oder Hans-Werner Henze gespielt. Mozart, Brahms, Schönberg, Strawinsky, Wagner, Alban Berg, Verdi, Vivaldi, Rossini, Schostakowitsch, Mauricio Kagel und Astor Piazzolla stehen auf dem aktuellen Spielplan. Chiado, Largo de São Carlos, www.saocarlos.pt

Nebenan liegt das Teatro Municipal de São Luíz. 1894 besuchte die königliche Familie das Haus, das Intellektuelle jener Zeit als Bühne für ausländische Stücke schätzten. Es trug fortan den Namen der Regentin Dona Amélia, wurde aber nach dem Ende der Monarchie zum Teatro República. 1918 erhielt es den heutigen Namen, die filmbegeisterten Eigentümer verwandelten es in ein Kino. Die Rückkehr zum Theater fand 1963 denn auch mit einem Stück statt, das als Film Weltruhm erlangt hatte: Tennessee Williams’ ,,Endstation Sehnsucht”. Auch in dieser Spielzeit stehen Stücke über Schicksale auf dem Plan, zunächst ,,O Assobio da Cobra” (Das Zischen der Schlange) von Nuno Costa Santos. Zum Weltaidstag im Dezember findet eine Travestieshow statt. Ferner stehen Moby Dick, Julius Caesar und Musikalisches von Mozart bis Bernardo Sassetti an. Chiado, Rua António Maria Cardoso 38; http://teatrosaoluiz.egeac.pt Das Teatro da Trindade entstand im 19. Jahrhundert am Bairro Alto, dem Zuhause der Lissabonner Bohéme. Die Bauweise verleiht dem Trindade eine einmalige Akustik. Zuvor gab es an dieser Stelle die Künstlerschule und das Operntheater Academia da Trindade. Zu Karneval 1867 veranstaltete das Theater den ersten Ball. 1897 sahen die Lisboetas hier den Edison’schen Phonographen, später gab es auch hier Kinofilme. Die Spielzeit bietet Mozarts Hochzeit des Figaro, ein Stück über Fado, Paul Austers ,,Timbuktu” und Fabeln des Franzosen La Fontaine im modernen Gewand. Largo da Trindade 7 A, http://teatrotrindade.inatel.pt Ebenfalls im Bairro Alto befindet sich das Teatro da Cornucópia (dt.: Füllhorn). 1973 gegründet, wurde zunächst Klassik, vor allem Molière, aufgeführt. Die Stiftung Gulbenkian half finanziell. Nach der Nelkenrevolution dann der Gegenpol: Büchner, Gorki, Brecht, Ödon von

Horvath, Dário Fo, Franz Xaver Kroetz, Karl Valentin. Das Berliner Grips-Theater gastierte. Klassiker sind 2006/07 lebendig: Sophokles’ ,,Philoktet”, Shakespeares ,,Julius Caesar” und Anton Tschechows ,,Die Möwe”. Rua Tenente Raúl Cascais 1 A, www.teatro-cornucopia.pt Das Teatro Aberto spielt seit 1982, geleitet von Pionieren des unabhängigen Theaters. Es widmet sich dem Dialog mit dem Zuschauer und neuen SchauspielTendenzen. In 24 Jahren wurden 58 Stücke gezeigt. Das Teatro Aberto erhielt 59 Preise für Inszenierung, Bühnenbild, Maske und schauspielerische Leistungen. Praça de Espanha, www.teatroaberto.com Im Parque das Nações liegt das Teatro Camões der Companhia Nacional de Bailado. Klassisches Ballett ist neben modernem Tanz vertreten. Der Belgier Mark Deputter arbeitet als künstlerischer Direktor auf internationaler Basis und ehrt die Tradition des kürzlich aufgelösten Gulbenkian-Balletts. In dieser Saison stehen Schwanensee, Feuervogel und eine internationale Ballettgala auf dem Programm. Passeio do Neptuno, www.cnb.pt Viele einst berühmte Theater existieren nicht mehr. Im Apollo in der Rua da Palma fiel der letzte Vorhang 1957. Das Teatro da Rua dos Condes an der Avenida da Liberdade wurde erst zum Kino, dann zog das Hard Rock Café ein. Im Teatro Tália arbeitet jetzt das Wissenschafts-Ministerium. Dort aber, wo Theatermacher der Finanznot von Stadt und Staat trotzen, hält die Lust auf Spiel und Publikum an und der Wille zum allabendlichen ,,Bühne frei”.

ESA in Site
Das Casino de Lisboa www.casinolisboa.pt führt in die schöne neue Welt des 21. Jahrhunderts mit Shakespeares’ ,,Der Sturm”, mit Multimediaeffekten. Schauspiel zum Sehen und Lernen bietet das Theater-Studio Bocage: www.teatrobocage.com, es betreibt auch eine professionelle Castingagentur. Im Teatro Municipal Maria Matos www.egeac.pt geht es um die Neue Portugiesische Dramaturgie. Das Teatro da Comuna www.charmcomfort.com/ lista_clientes.asp?cod=220 ist weniger politisch, als der Name andeutet. Die Bühne setzt auf Teilnahme und ist ein Kulturzentrum, mit Programmen auch für Kinder.

Theater ist eine alte Kunst auf der Suche nach neuen Formen. Traditionelle Häuser setzen auf neue Stücke, junge Theater servieren Klassik, denn ,,die Welt ist eine Bühne”

Adaptationen klassischer Stücke an Portugals politischen Alltag ist das Konzept des www.teatromeridional.net seit 1992. Das Teatro A Barraca www.abarraca.com ist seit 30 Jahren auch in anderen Häusern zu Gast, um den Zuschauer neugierig zu machen auf den Sinn von Kultur. Die Truppe vom Chapitô www.chapito.org, gleichzeitig eine Künstlerschule, versteht die Schauspielerei als Komunikationsmittel. Das Haus für Musicals heißt Politeama www.teatropoliteama.net Über laufende Stücke an staatlichen Bühnen informiert aktuell www.min-cultura.pt/Agenda/Agenda.jsp Und die Tickets gibt es via Internet bei www.ticketline.pt.

Text und Fotos: HENRIETTA BILAWER
ESA 10/06

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