Calouste Gulbenkian-Stiftung

Das Vermächtnis des Magnaten

In diesem Monat jährt sich zum fünfzigsten Mal der Todestag des Erdöl-Milliardärs und Kunstmäzens Calouste Gulbenkian. Gleichzeitig feiert seine Stiftung ein halbes Jahrhundert ihres Bestehens mit vielfältigen Aktivitäten und reichem Angebot fürs Auge

Eine Geschichte besagt, der kleine Calouste habe einmal von seinem Vater als Belohnung für eine gute Schulnote Geld bekommen, womit der Junge auf den Bazar ging und einige alte Münzen kaufte. Als sein Vater das erfuhr, soll er wütend gewesen sein, weil der Sohn Geld für alten Plunder ausgab. Doch bald stellte sich heraus: Die Münzen waren ziemlich wertvoll. Legende oder wahre Begebenheit ­ die Episode passt zum Leben von Calouste Gulbenkian, der zeitlebens Dinge, mit denen er sich befasste, in hohe Vermögenswerte verwandelte. Im Lexikon ist unter seinem Namen verzeichnet, er sei ein britischer Erdölmagnat armenischer Herkunft, geboren am 23. März 1869 im heutigen Istanbul als Sohn eines reichen Petroleumhändlers, ausgebildet an den besten Schulen und Hochschulen in Marseille und London und bekannt als ,,Mister Fünf Prozent”, weil er diesen Gewinnanteil an allen seinen Geschäften lebenslänglich beanspruchte, darunter Beteiligungen an den Erdölkonzernen Shell, Exxon und BP: Gulbenkian gilt als der erste Milliardär der Geschichte. Und er war einer der größten Kunstsammler der Gegenwart. Einen großen Teil seines Vermögens hinterließ er der nach ihm benannten Stiftung, deren Museum in Lissabon nur der publikumswirksamste Teil ist. Am 20. Juli jährt sich zum fünfzigsten Mal der Tag, an dem Calouste Gulbenkian in Lissabon starb, wo er seit 1942 gelebt hatte. Gleichzeitig feiert die Fundação Calouste Gulbenkian ihren fünfzigsten Geburtstag. Als sie 1956 mit einer finanziellen Basis von 67 Millionen US-Dollar gegründet wurde, war ,,unvorstellbar, was sich daraus entwickeln würde”, sagt Stiftungspräsident Rui Vilar. Die Geschichte der Gulbenkian-Stiftung bildet auch ein halbes Jahrhundert portugiesischer Geschichte ab: Von der Diktatur über die Nelkenrevolution zum Beitritt des Landes zur EU. Zum Jubiläum wurde ein vielseitiges Programm aufgelegt, das am 18. Juli beginnt und bis 2007 dauert. www.gulbenkian.pt/v1/attachs/ProgramaComemora%E7%F5es22030615053957.pdf.

Dazu gehören Ausstellungen, Theaterstücke, Filme, Konzerte und das multidisziplinäre Fo- rum „O Estado do Mundo“: „Der Zustand der Welt“, das einen Blick auf „das globale Dorf“ riskiert, so Rui Vilar. Die Stiftung erwirtschaftet immense Beträge für Portugals Kulturbetrieb und ist in den Bereichen Kunst, Wissenschaft, Bildung und Sozialarbeit aktiv. Die Arbeitsfelder verlangen, dass „das Datum Anlass zum Feiern, zum Resümieren und für einen Ausblick in die Zukunft“ gibt.
Die Öffentlichkeit ist im Sinne Gulbenkians Adressat aller Aktivitäten: Gerade lud das Wissenschaftszentrum Instituto Gulbenkian de Ciência (IGC) ein. Experimentierfreudige Menschen jeden Alters konnten Biomedizinern über die Schulter schauen und assistieren; etwa bei der DNA-Analyse einer Erdbeere, an der erläutert wurde, wie genetische Testverfahren ablaufen. Kinder begeisterten sich an der Vorführung der künstlichen Zeugung eines Seeigels. Jedes Kind bekam einen Seeigel, wenn es versprach ihn im Meer auszusetzen.

Die Gulbenkian-Stiftung unterstützt die Nationalbibliothek (BN) bei der Restaurierung von 375 historischen Büchern. BN-Direktor Jorge Couto berichtet, die Stiftung habe in der Vergangenheit viel zur Erweiterung der Bibliothek mit wertvollen Werken beigetragen. Und pünktlich zur 500-Jahr-Feier der diplo- matischen Beziehungen zwischen Iran und Portugal arbeitet die Stiftung Gulbenkian am Konzept zur Restaurierung portugiesischer Festungs Ruinen auf den Inseln Hormuz und Qeshm. Das Ballett der Stiftung, einst neben Bibliotheken und Ausstellungen ein Stützpfeiler des Mäzenatentums von Ca- louste Gulbenkian, wurde 2005 geschlossen. Nur die Tanz-Stipendien überlebten. Die Stiftung unterhält ein Sinfonieorchester und einen Chor und hat Vertretungen in Paris und London. Der preisgekrönte Gebäude- komplex der Stiftung aus dem Jahr 1969 in einem sieben Hektar großen subtropischen Park wurde Mittelpunkt einer Ausstellung über die Architek- tur der 1960er Jahre. Zu dem Bau gehören ein Kultur- und Theaterzentrum, ein Amphi- theater, eine Kunstbibliothek, ein künstlerisches Zentrum für Kinder und seit 1983 ein Zentrum für Moderne Kunst.

Die Kunstsammlung im Museu Calouste Gulbenkian umfasst etwa sechstausend Exponate aus vielen Jahrhunderten, Ländern und Stilrich- tungen. Hinter manchen Stü- cken stecken abenteuerliche Geschichten, wie im Fall der zwei Meter hohen Marmorstatue der Jagdgöttin Diana des franzö- sischen Bildhauers Jean-Antoine Houdon aus dem Jahr 1776. Wegen der detailgetreuen Darstellung des Frauenkörpers war die Statue bei ihrer Entstehung ein öffentliches Ärgernis. NichtwenigerumstrittenwardieTransaktion, die Gulbenkian in den Besitz der Statue brachte, die einst in der St. Petersburger Eremitage stand: Für die Realisierung des ersten Fünf- jahresplans brauchte die damalige UdSSR Geld und beschloss 1927, Kunstschätze gegen Devisen zu verkaufen. Renommierte Kunsthändler kamen als Schnäppchenjäger, Calouste Gulben- kian war einer von ihnen. Er erwarb die Diana-Skulptur und einige andere Kunstgegenstände von Weltgeltung, darunter Werke von Rem- brandt, Watteau, Lancret und Rubens – für insgesamt 325.000 Britische Pfund. Einige Historiker, die sich mit Calouste Gul- benkians Leben beschäftigten, kamen zu dem Schluss, wer mit Stalin kooperiere und unter an- derem auch mit Portugals Diktator Salazar, müsse „prinzipienlos sein und zur Mehrung seines Reichtums über Leichen gehen“. Die Entwicklung seiner Reputation wird seit 1956 durch die Leitung der Stiftung bestimmt. Zumindest in Portugal wird mit der Fundação Gulbenkian in der Regel aber nur Gutes in Verbindung gebracht. Museu Calouste Gulbenkian, Av. de Berna 45; geöffnet Di. – So. 10 h – 18 h

Die Londoner Filiale der Fundação Gulbenkian verlieh jetzt den Preis für das Museum des Jahres 2005 an die rekonstruierte S.S. Great Britain des Schiffbauers Isambard Brunel. Das Schiff liegt in Bristol, wo es 1843 als der Welt erstes von einer Schraube angetriebenes Schiff mit eisernem Rumpf vom Stapel lief und bis 1934 als Fähre für unzählige Passagiere auf ihrem Exodus nach Australien und USA diente, für Soldatentransporte nach Indien und später für Kohle nach San Francisco. Besucher des Museumsschiffs können nun dank spezieller Technik Geräusche, Gerüche und Landschaften wahrnehmen, wie sie zur Überfahrt nach Australien gehörten und das Leben von Passagieren und Mannschaft nachvollziehen. Der ,,Gulbenkian Prize for Museum of the Year” gilt als Großbritanniens wichtigster Kulturpreis.

Text: HENRIETTA BILAWER
ESA 07/06

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