Museum der Politik

Nach den Kommunalwahlen in diesem Monat werden auch im Rathaus von Lissabon neue Abgeordnete einziehen. Das Gebäude selbst blickt auf eine Jahrhunderte alte, bewegte Geschichte zurück, die Stadt und Staat betrifft
Vor dreihundert Jahren lebten tausende Menschen in den engen Gassen, deren historische Namen belegen, dass in diesem Viertel Arbeiter und Handwerker lebten. Die Rua Gaspar das Naus begann an diesem Platz, eine Straße, benannt nach einem Schiffsbauer. In dem Gebäudekomplex, der in alten Stadtkarten als Torre das casas onde fazem as bombardas ausgewiesen war, wurde für die Artillerie gearbeitet. Daneben die Rua da Ferraria, die Straße der Schmiede, die Rua dos Fornos, dort gab es öffentliche Backöfen, und die Rua do Aljube, hier war der Kerker. Die Calçada Nova de São Francisco da Cidade war sogar gepflastert und nicht nur mit Erdreich bedeckt. Diese Straße trug den Namen eines Mannes, der 1583 in Goa an einer kolonialen Strafaktion teilgenommen hatte. Die Bevölkerung wehrte sich, alle Portugiesen starben. Bis auf Francisco, der am nächsten Tag an einen Baum gebunden und mit Pfeilen getötet wurde. Francisco, der Hartnäckige, galt in Lissabon als Symbol der Unverwundbarkeit. Es half nichts: 1755 machte das Erdbeben auch die Gegend rund um die Calçada Nova zur Schuttwüste, wo heute das historische Rathaus von Lissabon steht. Maria João kennt viele solcher Geschichten. Die technische Angestellte der Stadtverwaltung führt Besucher durch die Säle des Stadthauses. Das erste Rathaus an dieser Stelle wurde nach dem Erdbeben von Eugénio dos Santos Carvalho, einem Baumeister des Marquês de Pombal erbaut: Als königlicher Minister war der Marquês mit dem Wiederaufbau betraut und nutzte seine Macht, den Neuaufbau auch symbolisch zu gestalten: Dort, wo heute der Stadtrat sitzt, siedelte der Marquês de Pombal den Senat an, dessen Palast sich zuvor auf dem Rossio befand. Die Neuplatzierung des Senatsgebäudes rückte symbolisch die lokale Autorität nah an die zentrale Staatsmacht, die nur wenige Schritte entfernt residierte. Auch die Symbole wirtschaftlicher Stärke fanden gleich nebenan eine neue Unterkunft: Die Staatsbank Banco de Portugal, die älteste Assekuranz des Landes Companhia de Seguros Fidelidade und das Tabakkontor.

Das heutige, im neoklassizistischen Stil erbaute Rathaus, auch Paços do Concelho genannt, ist jünger. Pombals Prachtbau brannte 1863 bis auf die Grundmauern nieder, nur das Geschichts- und Hauptarchiv der Stadt wurde gerettet. Die jetzige Câmara Municipal wurde um 1875 fertig. Seit dem Wiederaufbau und bis heute ­ denn im November 1996 brannte es erneut in den oberen Stockwerken ­ ist das Rathaus nicht nur politische Repräsentationsstätte, sondern auch ein Kunstwerk, an dessen Äußerem wie auch an der Innenausstattung die berühmtesten portugiesischen Architekten und bildenden Künstler gearbeitet haben. Der französische Bildhauer Anatole Calmels, der auch den Triumphbogen an der Rua do Comércio schuf, schmückte den Giebel mit einem Relief: Das Stadtwappen und zu dessen rechter und linker Seite allegorische Figuren, die Amor, Freiheit, Wissenschaft, Navigation, Industrie und Handel verkörpern. Beim Betreten des Rathauses erstaunt die Pracht der Eingangshalle und des Treppenaufgangs aus Marmor, geschmückt mit Kronleuchtern. Hier finden sich Gemälde der Künstler Pereira Cão, Columbano und Malhoa. An den Seitenwänden der Eingangshalle sind die Namen aller bisherigen Bürgermeister der Hauptstadt eingraviert. Pedro Santana Lopes, bis zu den Kommunalwahlen in diesem Monat im Amt, wartet noch darauf, verewigt zu werden. Es hat eine Weile gedauert, bis die Portugiesen das Hauptstadt-Rathaus als Museum entdeckt haben, berichtet Maria João. Zuerst fragten vor allem Schulen an und das Rathaus organisierte thematisch orientierte Spaziergänge als lebendige Geschichtsstunde. Noch immer kommen nur wenige Ausländer hierher, dafür umso häufiger Menschen, die früher selbst hier gearbeitet haben. José Martins ist einer von ihnen. ,,Wenn man hier täglich zum Dienst erscheint”, meint der Rentner rückblickend, ,,ist das genau wie der Gang in die Fabrik. Für die Schönheiten hat man erst ein Auge, wenn Zeit und Muße dafür da sind.” Maria João freut sich über solche Besucher, denn schnell ,,sprudeln Geschichten aus ihrer Erinnerung hervor, die wir nirgendwo sonst erfahren können”. Als die Sanierung nach dem Brand von 1996 abgeschlossen war, entschloss sich der Rat der Stadt, die Bürger in ihr Stadthaus zu lassen: Die Paços do Concelho gelten vielen Kunsthistorikern als das schönste Rathaus in Portugal. Und da dies ein politischer Ort ist, kommen auch viele, um ihrem Missmut über so manche RatsEntscheidung Luft zu machen. Das wurde gleich nach dem Feuer 1996 deutlich, bei dem es viel Polemik um die Löscharbeiten gab. Die Feuerwehr musste sich den Vorwurf der Schlamperei gefallen lassen: Es sei nur zögernd gelöscht worden. Doch die Hydranten waren teilweise beschädigt und der Wasserdruck zu niedrig. Die personell unterbesetzte Feuerwehr kann die mehr als zweitausend Hydranten in Lissabon nicht ständig kontrollieren. Und jede Neuinstallation kostet an die 700 Euro. Nach der Restaurierung präsentiert sich die Câmara Municipal heute in altem und gleichzeitig in neuem Glanz. Maria João leitet die Besucher durch das Gebäude und beschreibt detailgenau, was sie zeigt: Den Goldenen Saal, auch Saal der Republik genannt, und den Rittersaal, in dem alle offiziellen Empfänge des Rates stattfinden. Der Rosa-Araújo-Saal trägt den Namen des Bürgermeisters, der die Avenida de Liberdade in ihrer heutigen Form gestalten ließ. Der Weg führt durch die Räume für kleine Versammlungen zur Nordtreppe, die mit Literatur-Zitaten über Lissabon verziert ist, über die Galerie bis hinauf zum Dach. Nach einer Stunde, in der es auch einen Einblick ins Stadtarchiv gibt, endet der Weg im Foyer. Die Besucher haben viel erfahren. Nicht nur, dass vom Balkon des Rathauses am 5. Oktober 1910 die erste portugiesische Republik ausgerufen wurde. Auch die Gegend um das Rathaus durchlebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Neuerungen. 1901 fuhr in der Nähe die erste Straßenbahn der zu jener Zeit 436.000 Einwohner zählenden Stadt, ein Jahr später wurde der Aufzug Santa Justa eingeweiht. 1905 entstand der Alcântara-Markt, 1907 fuhren die ersten Mietwagen. Wer nach den Kommunalwahlen am 9. Oktober hier einziehen wird, sieht aus den Fenstern der Amtszimmer auf dem Rathausplatz den pelourinho, den Schandpfahl, sichtbares Zeichen der Gerichtsbarkeit. Das Säulendenkmal repräsentiert nicht nur die Stadtrechte. Im Mittelalter wurden an dem Pranger Menschen, die die Regeln der Gesellschaft missachtet hatten, angekettet und durch öffentliche Zurschaustellung bestraft. Diese so genannte Ehrenstrafe erlitten nicht wenige Räte der Stadt.

 

INFORMATION:
Jeden 2. und 4. Sonntag zwischen 9.30 h und 12.30 h ist das historische Lissabonner Rathaus den Bürgern als Museum zugänglich: Bei der Führung werden die Säle und die in ihnen untergebrachten Kunstgegenstände erklärt Führungen finden jeweils um 10.30 h und um 11.30 h statt, Eintritt frei

HENRIETTA BILAWER

ESA 10/05

 

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