Zeitgleiten für Anfänger

Bestimmt haben Sie sie schon oft gesehen – die Gleitschirmflieger mit ihren bunten Schirmen, die geräuschlos über den Bergen oder dem Meer gleiten. Aber wußten Sie, dass man nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit gleiten kann? Und dass sich Portugal dafür ganz besonders gut eignet? Letzte Woche habe ich mir auf dem Monatsmarkt eine Taschenuhr gekauft. Für fünf Euro. Diese Monatsmärkte in Portugal sind sowieso klasse, weil man hier einfach alles bekommt. Vom lebenden Huhn über den Trichter zum Schlachten bis zum eßfertigen Brathähnchen. Außerdem Granatäpfel- und Kirschbäume, die man in seinem Garten anpflanzen kann. Und Sonnenhüte und Regenschirme. Eben einfach alles, was zum Alltagsleben in Portugal dazu gehört. Also auch Uhren. Und meine neue Uhr ist eine echt portugiesische Uhr. Damit meine ich nicht, dass sie in Portugal hergestellt wurde, aber sie hat eine portugiesische Seele. Wieso? Weil sie langsamer geht als andere Uhren. Sie ist nicht wirklich kaputt, denn sie läuft ja. Im Schnitt geht sie eine halbe Stunde nach. Das Interessante ist: wenn ich sie stelle, verliert sie im Laufe einiger Stunden die halbe Stunde, dann hält sie den halb-Stunden-Abstand. Das ist der Beweis dafür, dass sie normal gehen könnte, wenn sie wollte, aber sie will anscheinend nicht. Mit anderen Worten: Sie ist auf portugiesischer Zeit. Denn hier nimmt man es mit der Zeit nicht so genau. Der Arzttermin ist um zehn. Da nimmt man sich besser den ganzen Vormittag frei. Oder lieber gleich den ganzen Tag. Denn wer weiß, wie lange das dauert. Das Wartezimmer ist voll. Wir sitzen und warten. Warum bestellen die uns für unsere Termine nicht „zeitgleicher“, wie es so schön auf Neudeutsch heißt? Und bin ich eigentlich die Einzige, die davon genervt ist? Manchmal sieht es so aus. Die anderen sitzen und unterhalten sich. Ich sitze und bin genervt. Ich war mal auf einem spanischen Kreuzfahrtschiff. Die Passagiere Spanier und Portugiesen. Plus ein deutsches Paar. Und ich deutsch, aber getarnt durch portugiesische Begleitung. Es war eine chaotische Kreuzfahrt. (So chaotisch, dass die Kreuzfahrt bei Lanzarote abgebrochen wurde. Aber das ist eine andere Geschichte). Hier geht es um den Moment, in dem ich mit anhören durfte, wie sich das deutsche Paar unterhielt. „Ich werde denen sagen“, sagte der Mann zu seiner Frau und tippte auf seine Uhr am Handgelenk, „dass ich um 6.34 h angerufen habe, um mich zu beschweren und es ist immer noch nichts passiert.“ Und in diesem Moment begriff ich so richtig, was es bedeutet, deutsch zu sein. Der Mann hatte nicht morgens angerufen. Oder um halb sieben. Oder um fünf nach halb sieben. Nein – er hatte um 6.34 h angerufen. Er wußte die genaue Zeit, auch jetzt noch, zwei Stunden und 27 einhalb Minuten später. So ein Mann würde sich wahrscheinlich aufhängen, wenn er mit meiner Taschenuhr leben müßte. Nehmen die Deutschen die Zeit zu ernst oder nehmen die Portugiesen sie nicht ernst genug?„Jeder Mensch hat seine eigene Uhr“, schreibt Manu auf seiner Seite wasistzeit.de. Auf mich trifft das allemal zu. Früher haben meine Eltern die Uhr am Sonntag eine Stunde zurückgestellt, damit sie länger schlafen konnten. Somit war ich schon als Kind auf portugiesische Zeit. Zumindest Sonntags. Jetzt habe ich meine Taschenuhr vom Markt. Aber natürlich reicht so eine Uhr nicht, um ein echter Zeitgleiter zu sein. Zeitgleiter sind Menschen, die sich für einen kurzen Moment in einer anderen Zeit befinden. In der Vergangenheit oder in der Zukunft. Es gibt erstaunlich viele Berichte darüber. Ein Mann sieht einen funktionierenden Waschsalon, obwohl der erst Wochen später eröffnet wird. Eine Frau gleitet in einer Kapelle in die Vergangenheit. Ein Mann kauft in einem Laden, der vor Jahrhunderten existiert hat, und als er das nächste Mal in den Laden geht, ist es die Gegenwart. Unwahrscheinlich? Wer weiß. Vielleicht muss man einfach ein bisschen üben, damit einem das gelingt. Und dafür bietet sich Portugal ganz wunderbar an. Denn hier existiert sie noch, die alte Zeit. Und so geht Zeitgleiten für Anfänger: Fahren Sie nach Aljezur. Stellen Sie sich auf den Parkplatz und warten. Nach einer Weile wird er auftauchen, der Bauer mit dem Muli. Das Muli zieht einen Holzkarren. Der Bauer parkt ihn neben den Wohnmobilen. Dann steigt er im Zeitlupen-Tempo vom Wagen. Spannt das Muli aus. Führt das Muli unten an den Rand des Feldes. Kommt wieder nach oben. Zieht sich in aller Ruhe seine Schuhe aus und Gummistiefel an. Dann spannt er sein Muli vor den Pflug (oder ist es eine Egge?). Vier Holzbalken, die er wahrscheinlich zusammengebastelt hat. Vielleicht an langen Winterabenden. Womöglich hat er sie aber auch von seinen Vorfahren geerbt. Er macht es seelenruhig. Alles in Zeitlupe. Ich wette, für diesen Mann wäre selbst meine Markt-Taschenuhr zu schnell. Wir ziehen unsere Kameras und fotografieren mit diesem Objekt der Gegenwart ein Bild der Vergangenheit. Ich gehe jede Wette ein: Eine Zeitangabe wie 6.34 h kommt im Leben dieses Mannes nicht vor. Und wenn alle Uhren der Welt stehenbleiben, dieser Bauer wird mit seinem Muli im gleichen Tempo weiterpflügen, so, wie es das Feld erfordert. Sie könnten auch in den Gassen eines alten Dorfes umherschlendern. Oder in eine Tasca mit einem Fliegenvorhang aus bunten Plastikstreifen und einer brüchigen Marmortheke gehen. Oder … Beispiele für die alte Zeit gibt es in Portugal viele. Es ist zwar kein echtes Zeitgleiten. Aber es ist genauso interessant.

Annegret Heinold

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