Winzerin wider Willen?

Ein Gästehaus im Süden, ein Gourmet-Restaurant, ein kleines Weingut – das sind die Klassiker, von denen viele träumen. Man bekommt allerdings nicht immer, was man sich wünscht. Dafür bekommt man manchmal etwas, das man sich eigentlich gar nicht gewünscht hat.

Und deswegen stehe ich hier auf meinem kleinen Weingut und schneide Weinpflanzen. Dabei wollte ich nie Winzerin werden. Nichts lag mir ferner. Ich bin nicht so der Gartentyp. Aber ich wollte diesen Hof. Die Gegend ist toll, die Landschaft traumhaft schön, ich fühle mich hier wohl und die Weinpflanzen gehören zum Hof. Es ist so wie damals bei unserem Umzug nach Portugal. Da wollte der Zoll auf Grund irgendeines schwammigen Gesetzes Zoll auf unsere alten Matratzen kassieren. Aber auf die Matratzen einfach verzichten durften wir nicht. Entweder alles oder nichts, wurde uns gesagt. So ist das hier auch mit dem Hof und den Weinpflanzen.
Also habe ich 500 Weinstöcke und es wäre schade, diese alten Weinstöcke auszurotten. Ja, es wäre geradezu eine Schande, denn sie sind zum Teil fast 100 Jahre alt. Der Haken: Weinstöcke müssen gepflegt werden, sonst gehen sie ein. (Das wäre natürlich auch eine Lösung. Aber keine schöne.)
Also stehe ich hier und wähle den Ast, der bleiben soll. Schneide über der dritten Knospe. Entferne alle anderen Triebe.
Mein ganzes Winzer-Wissen kommt aus einem Doku über den Zyklus des Weins am Douro und dem Portwein-Krimi von Paul Grothe. Daher weiß ich, dass man die Blätter so entfernen muss, dass die Trauben Luft und Licht bekommen. Das leuchtet ein. Das ist mit gesundem Menschenverstand zu schaffen. Der Rest meines Weinwissens kommt von meinem Bruder, der so schlaue Sachen sagt wie: „Wein wird gut, wenn er kämpfen muss.“
Aber im Moment kämpfe eher ich als der Wein. Ich höre über Kopfhörer auf voller Lautstärke David Garretts „Rock Symphonies“ und rotte Brombeeren und Efeu aus, die meine Weinpflanzen ersticken. Sam sagt, er hat bei den Nachbarn gesehen, dass es um die Weinstöcke ganz frei sein muss. So machen wir es jetzt auch, aber es ist mühsam. Schon nach kurzer Zeit bin ich von oben bis unten dreckig, und als ich mir einen Lakritzbonbon aus der Tasche meiner Jacke fische und in den Mund stecke, schmeckt er nach Erde.
Jeder weiß, dass Wein und Philosophieren zusammen gehören. Und wie ja manche von uns wissen, gehören sie nicht nur zusammen, sondern bedingen sich gegenseitig in ihrer Intensität, denn je tiefer man ins Glas schaut, desto tiefgründiger die philosophischen Gedanken —und darauf stößt man dann ja gerne nochmal an. Jetzt entdecke auch ich, dass Wein schneiden und Philosophie zusammengehören. Man hat beim Schneiden der Weinstöcke viel Zeit, über sein Leben nachzudenken und darüber, ob Mensch wie Wein besser wird, wenn er viel zu kämpfen hat.
Schon unser Schuldirektor zog in der Abschlussrede für unseren Jahrgang den Vergleich zwischen Wein und Menschen. Er sagte: „Mit den Schülern ist es wie mit dem Wein, es gibt gute und schlechte Jahrgänge und Sie, meine Damen und Herren, gehören eindeutig zu den schlechten“. Und mit diesen Worten entließ er uns ins Leben.
Unseren ersten Wein haben wir unter Supervision der Nachbarn gemacht. Es wurde ein fantastischer Rotwein und ich habe entdeckt, wie viel Aroma so ein Wein hat. Wie vielseitig dieser Wein schmeckt, im Gegensatz zu einigen kalifornischen Weinen, die immer gleich schmecken, weil sie erst in ihre Bestandteile zerlegt und dann wieder zusammengesetzt werden.
Das Risiko: So ein natürlicher Wein kann auch gründlich schiefgehen. So wie in dem Jahr, wo die Frau in der Coop mir das Ergebnis der Analyse gibt und sagt: „Dieser Wein taugt nichts“.
Ich frage: „Und was kann man machen?“
Und sie sagt gnadenlos: „Den kann man nur wegschütten.“
Und als ich schon in der Tür bin, sagt sie: „Und schütten Sie ihn so weit wie möglich von der Adega entfernt weg.“
Ich schütte den Wein weit von der Adega entfernt weg und mache mir Vorwürfe. Ich bin keine Winzerin, ich habe es gewußt. Und alle Arbeit, Zeit und Geld, die wir in diesen Wein gesteckt haben, waren umsonst. In den nächsten Tagen riecht es überall in der Gegend nach saurem Wein. Ich bin also nicht die einzige, deren Wein nichts geworden ist. Es tut mir leid für die Nachbarn, aber im Grunde bin ich froh.
Ich schneide jetzt die Moscateltrauben, die im September so süß sind, dass man sie nicht essen kann, zu den vertonten Gedichte von Frida Kahlo. Angélique Ionatos singt: „Was brauche ich Füße, wenn ich fliegen kann“. Ich passe einen Moment lang nicht auf und fliege fast auf die nächste Terrasse, weil die Erde unter mir nachgibt. Das kommt, weil die Brombeeren sie nicht mehr zusammenhalten.
Ich kämpfe mit der Filmmusik von „Amélie“ im Ohr weiter gegen Efeu und Unkraut. Diese CD habe ich in einer Dauerschleife gehört, als ich vor fast drei Jahren in diesen Typ verliebt war, aber er leider nicht in mich.
„Hast du einen guten Tip für die Marinade für´s Hähnchen?“, fragt Sam. Habe ich. Ich könnte die Marinade auch machen.
„Ich kann die Marinade machen“, sage ich.
„Nein, du bleibst hier“, sagt Sam. „Du bist genau richtig hier, wo du bist.“
Und wissen Sie was? Ich merke, das stimmt. Ich bin hier genau richtig.
Es ist ein bedeckter Tag, nicht zu kalt und nicht zu warm. Die Sonne blitzt immer wieder durch die Wolken. Die alten Weinstöcke stehen in Reih und Glied auf den Terrassen. Winzerin wider Willen? Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil. Winzerin voller Willen. Und dieses Jahr werde ich einen richtig guten Wein machen.

Text:Annegret Heinold
www.annegret-heinold.com
Autorin von Reiseartikeln und des Buches „111 Gründe, Portugal zu lieben”
ESA 01/15

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