Volto ja

Was hat die Skyline am Frankfurter Flughafen mit den Verkehrsampeln von Viseu gemeinsam? Ganz einfach: Die Zeit wird in Sekunden angezeigt. Alle drei Minuten verbindet ein fahrerloser Zug Terminal 1 und 2, und wieviel Zeit vergeht, bis der nächste Zug kommt, wird in Sekunden angezeigt. Runter geht es in Zehner-Sprüngen, 180, 170, 160. Da sind die Verkehrsampeln von Viseu genauer. Die zeigen jede Sekunde an. Sekunde für Sekunde vergeht die Zeit, 17, 16, 15 Sekunden, dann dürfen wir endlich über die Straße gehen. Ich kann die Augen nicht von dieser Ampelanzeige wenden. Als ob sie mich hypnotisieren würde. Was wahrscheinlich der Sinn dieser Ampelanzeige ist. Sie hypnotisiert die Fußgänger und hält sie so davon ab, bei Rot über die Straße zu gehen, wie es hier in Portugal eigentlich üblich ist. Diese sekunden-pedantische super genaue Anzeige ist das Gegenteil des in Portugal sonst üblichen Zeitbegriffs. Beispiel: Volto já. Auf Deutsch: Ich komme gleich wieder. Jeder, der schon einmal vor einer geschlossenen Ladentür mit einem „Volto já“ Schild im Fenster gestanden hat, weiß, wovon ich rede. „Volta já“ hängt der Besitzer eines kleinen Ladens an die Tür, wenn er mal eben etwas einkaufen muss. Oder schnell irgendwo irgendwas holen will. Oder im Café gegenüber eine Bica trinkt. „Volto já“ bedeutet: Klar ist eigentlich normale Ladenöffnungszeit, aber nun ist der Laden eben mal kurz geschlossen. Ich frage bei portugiesischen Freunden nach, wie lange so ein „Volto já“ dauern kann. „O volto já deveria ser 10 minutos, mas há casos em que dura muu-uuuuuuuuuito mais”, chattet Sofia zurück. (Ich komme gleich wieder bedeutet eigentlich 10 Minuten, aber manchmal dauert es seeeeeeeeeehr viel länger). Ja, so wird Zeit hier in Portugal gehandhabt. Man verabredet sich zu einer bestimmten Uhrzeit. Und alle erscheinen irgendwann um diesen Zeitpunkt herum. Und zwar eher später als früher. In Deutschland ist Pünktlichkeit eine Sekundär-Tugend. In Portugal wohl eher eine Dezimär-Tugend. Interessanterweise hat der Begriff Pünktlichkeit in der Wikipedia gleich zwei Einträge auf deutsch, wenn man ripoarisch als deutsch durchgehen läßt. Was ripoarisch ist? Eine kontinentalwestgermanische Dialektgruppe, für die Pünktlichkeit so wichtig ist, dass jemand sogar einen Eintrag auf Wikipedia dazu verfaßt, obwohl es sonst wahrscheinlich nicht besonders viele Einträge auf ripoarisch gibt. Auf portugiesisch gibt es keinen Eintrag über Pünktlichkeit in der Wikipedia. Was jeden, der sich viel hier im Land aufhält, vermutlich nicht so besonders verwundert. Eigentlich müßten bei der Einreise an den Landesgrenzen und an Flughäfen Warnschilder stehen. Eine Warnung wie: Achtung – Sie verlassen den monochronen Kulturkreis und betreten einen polychronen Kulturkreis. Mit anderen Worten: Ab jetzt Tschüß Pünktlichkeit, denn das ist hier keine Kultur, die pedantisch auf die Sekunden achtet. Ja nicht mal auf die Minuten. Und weil es von jeder Regel eine Ausnahme geben muss, hat man die Verkehrsampeln von Viseu erschaffen, mit ihren Sekundenanzeigern. Eine Art von Trotz: wir könnten, wenn wir wollten, aber wir wollen nicht. Deswegen ist der Angestellte, den man sprechen will, gerade nicht da. Deswegen d-a-u-u-u-e-r-t es so lange an der Kasse. Deswegen dauert die Behandlung „Trottel (ich) hat Watte von Wattestäbchen im Ohr“ in São Pedro do Sul eine unterhaltsame halbe Stunde und in Waldstadt 7,5 Sekunden. „Gott schuf die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt“, lautet ein deutsches Sprichwort. (Bin mir nicht sicher, ob das ein Sprichwort ist oder einer von diesen Sprüchen, die auf Facebook kursieren, wo theoretisch klar ist, wie Glücklichsein geht. Nur mit der Praxis hapert es bei uns allen ein bisschen). Ein deutsches Sprichwort, das in Portugal perfekt umgesetzt wird. Untermauert durch ein portugiesisches Sprichwort, dem man nichts entgegensetzen kann: A pressa é inimiga da perfeição – Eile ist der Feind der Perfektion. Was einen aber nicht zu dem Umkehrschluß verführen sollte, alles was langsam und unpünktlich abläuft, wäre perfekt. Und so stehe ich vor einem Volto-já-Schild und warte. Gehe einen Kaffee trinken, komme wieder – das Schild hängt immer noch da. Und ich frage mich: Warum steht da nicht, heute nachmittag geschlossen oder bin um 16 h zurück oder eine andere Aussage, mit der man wirklich was anfangen kann. Aber nein – da hängt das schwammige sinnlose nervige nichtssagende „Volto já“. In der Wikipedia steht: Dort, wo monochrone und polychrone Kulturen aufeinandertreffen, muss es zwangsläufig zu Konflikten kommen. Was eine monochrone Kultur ist? Das ist eine Kultur, in der PÜNKTLICHKEIT groß geschrieben wird. Und eine polychrone Kultur? Das ist eine Kultur, in der die Leute Zeit haben. In der soziale Interaktion wichtiger ist als das Einhalten der Termine. In der Pünktlichkeit eine Dezimär-Tugend ist. Ich hatte zum Glück eine Mutter, die mich schon früh auf das Überleben in einer polychronen Kultur vorbereitet hat, obwohl wir in einer monochronen Kultur lebten. Bestes Bespiel ist die Konfirmation meines Bruders. Alle stehen fertig in der Tür, meine Mutter sucht noch irgendwas. Mein Bruder drängelt: „Jetzt beeil dich, wir kommen zu spät“. Und meine Mutter antwortet gelassen: „Einer muss der letzte sein“. Und erst jetzt in diesem Moment, jetzt wo ich hier diesen Text schreibe, wird mir klar: Das war womöglich eine frühe Vorbereitung auf mein späteres Leben in Portugal. Auf ein Leben, wo Sekunden nur auf Verkehrsampeln gezählt werden.

Annegret Heinold

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