Tuga resiste

Gibt es etwas Schöneres, als um Mitternacht in einer schummerigen Bar zu sitzen und dem Pianisten zu lauschen, der „As Time goes by“ spielt? Ja, selbstverständlich, noch besser ist „Manhã de Carnaval“. Das ist mein Lieblingssong, den wünsche ich mir jedes Mal.
„Muss es denn immer dieser Song sein?“, fragt Santos dann genervt.
Aber er ist nicht genervt, er spielt den Song gerne für mich. Nicht, weil ich irgendwie was Besonderes bin, sondern einfach, weil es schön ist, wenn jemand zuhört, den er kennt.
Santos spielt in der gesichtslosen Bar eines gesichtslosen Vier-Sterne-Hotels. Nichts gegen vier-Sterne-Hotels. Sie sind komfortabel. Der Service stimmt. Das Frühstücksbuffet ist gut. Aber Originalität und Gemütlichkeit sind in der globalen Sterne-Welt auf der Strecke geblieben.
Die Bar hat klobige Polstersessel an kleinen Tischen, auf denen man die Drinks abstellen kann. An der Wand hängen Drucke von alten Stichen. So sah es hier früher in Faro-Lagos-Tavira-Olhão aus. In der Ecke steht das 
Klavier. Auf diesem Klavier spielt Santos, zierlich und glatzköpfig, Abend für Abend von neun bis kurz nach Mitternacht.
Vereinzelt kommen Hotelgäste, trinken einen Whiskey oder einen Portwein und hören einen Moment lang zu.
Manchmal gehe ich abends in die Hotelbar und wünsche mir „Manhã de Carnaval“. Mit einem Portwein in der Hand beobachte ich die Gäste. Das verliebte Paar noch voller Hoffnung. Das ältere Paar, das die Hoffnung längst verloren hat. Die hochaufgeschossene Frau in der Ecke, ganz in schwarz, mit den dunklen Locken.
So unnahbar, so alleine. Wer ist sie? Ist sie traurig, oder ist das nur meine Interpretation, weil sie hier alleine ist? Und ich? Bin ich nicht auch alleine hier? Nicht wirklich, denn ich kenne den Mann am Klavier. Und wenn wenig Gäste in der Bar sind, dann macht er eine Pause und unterhält sich mit mir.
Er streckt seine Hände aus, massiert die 
Finger. Es wird immer schlimmer mit den 
Fingern, die Schmerzen nehmen zu, hat er mir erzählt. Und auch, warum er hier trotzdem immer noch Klavier spielt mit seinen siebzig Jahren. Weil er nämlich von seiner Rente von dreihundert Euro nicht leben kann. Deswegen spielt er im Hotel „As Time goes by“ und 
seine Frau gibt Musikunterricht.
„Gestern Nacht“, sagt Santos, „hatte ich einen merkwürdigen Traum. Die Lídia und ich wollten in die Stadt gehen, ich machte die Haustür auf und wir traten auf die Straße. Und als ich auf der Straße stand, merkte ich, dass wir 
beide bewaffnet waren. Wir hatten jeder ein Gewehr in der Hand.“
Santos macht eine Pause. Er reibt sich die 
Finger.
„Soweit ist es also gekommen. Ausgerechnet Lidia und ich. Wir könnten doch keiner Fliege was zuleide tun. Wir sind wieder umgedreht und ins Haus gegangen.“
Was soll ich dazu sagen. Es ist schummerig in der Bar. Die Frau in Schwarz nippt an ihrem Cocktail. Wir hoffen alle auf bessere Zeiten. Darauf, dass die Wirtschaft einen Sprung nach vorne macht. Aber bis dahin heißt es durchhalten und weitermachen.
„Tuga resiste“ heißt das Motto einer Fast-Food-Kette, die Slow Food anbietet. Tuga steht für Portugiese, eigentlich abfällig, es kommt aus dem Angolakrieg, aber jetzt bekommt es plötzlich etwas Kämpferisches, denn resiste bedeutet ‘widerstehen’.
Die Frau in Schwarz nippt an ihrem Cocktail.
„Ich sollte wohl wieder was spielen“, sagt Santos.
„Manhã de Carnaval“, wünsche ich mir. Er lässt die Finger über das Klavier gleiten und schon entsteht Musik. Aber er spielt nicht meinen Lieblingssong, sondern „As time goes by“…
Text: Annegret Heinold
ESA 09/15

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