Tchuva

 

Nein, Sie brauchen jetzt nicht zu googlen oder das Wörterbuch zu holen. Tchuva ist richtig geschrieben. Tchuva heißt Regen. Auf Kreolisch. Auf Portugiesisch heißt es natürlich chuva.

Chuva ist eins von den Dingen, die jeder braucht, aber keiner will. Natürlich soll es regnen, damit alles schön grün bleibt, schließlich will keiner von uns in der Wüste leben. Aber muss es denn gerade heute sein? Und erst wenn der Sommer wieder so richtig heiß ist und der Staub auf Pinien und Palmen liegt, wenn die Erde brüchig ist und das Gras verdorrt, dann fängt man an, sich nach Regen zu sehnen.
Ich habe mal einen Sommer lang an einem Strand in Südwestportugal Crêpes verkauft. Wir waren zu dritt. Die drei von der Crêpebude, sozusagen. Und unsere Crêpes waren der Renner. Das schreibe ich nicht, weil die Crêpe-Saison in der Erinnerung immer besser wird, nein, ehrlich, unsere Crêpes waren wirklich der Renner. Ein dünner Teig, genau richtig gebacken. Eine lange Karte, aus der man wählen konnte. Wer wollte, konnte sogar blauen Curaçao auf seinen Crêpes bekommen! Der simple Crêpe kostete 50 Escudos und war mit Zimt und Zucker bestreut. Die Luxusvariante war ein üppig mit Thunfisch, Käse, Zwiebeln und Tomaten belegter Crêpe. An heißen Tagen schwitzten wir über den glühenden Crêpesplatten, ganz besonders, wenn eine Kindergeburtstagsmassenproduktion anlag, bei der jedes Kind so viele Crêpes essen durfte, wie es konnte.
An solchen Tagen, wenn die Hitze unerträglich wurde, halfen wir uns mit dem „Gewittersong“. Wie dieser Song hieß? Ach, wenn ich das noch wüsste! (Jeder Tipp willkommen! Ich wüsste zu gerne, wie dieser Song heißt).

Man legte die Kassette ein, drückte auf play und schloss die Augen.
Es donnerte.
Der Regen prasselte.
Wurde stärker und stärker.
Und dann rauschte es so richtig runter.
Mann, tat das gut. Das kühlte einen richtig ab.
Dann machte man die Augen auf und stand wieder in der Hitze.

Abends zum Sonnenuntergang fuhr oft ein Schiff genau vor die untergehende Sonne, so, als ob das Touristenamt es passend losgeschickt hätte. Es war perfekt. Noch später abends packte Thomas seine Gitarre aus und spielte seinen selbst komponierten Känguru-Song. Ach du, mein kleines Känguru … mehr musste er damals nicht tun und die Frauen lagen ihm zu Füßen. Manchmal im wahrsten Sinne des Wortes, denn so richtig viele Sitzgelegenheiten hatten wir an unserer Crêpebude nicht.
Irgendwann sehr spät nachts machten wir Schluss. Eine Sperrstunde gab es nur theoretisch, jeder machte so lange auf, wie er Gäste hatte.
Im September wurde der Strand täglich leerer. Die Café-Besitzer stellten ihre Stühle nach drinnen und schlossen ab. Wir drei von der Crêpebude teilten uns Mehl, Milch und Blue Curaçao. Und dann war die Saison zu Ende.
Und kurz darauf setzte der erste Regen ein.
REGEN!
Alles wurde grün. Aber schon nach ein paar Regentagen hatte man den Regen auch schon wieder satt. Ich fuhr trotzdem in die Stadt. Parkte das Auto geschickt. Sprang über Pfützen. Wenn es regnet, dann regnet es aber auch gleich richtig, dann lässt der Himmel den aufgestauten Regen des Sommer auf einmal raus.
Von meiner Jacke tropfte es auf den Boden des Papiergeschäfts. „Tut mir leid“, sagte ich zu der jungen Frau hinterm Tresen. „Das ist der doofe Regen.“ – „Ich liebe Regen“, sagte die Frau. „Besonders am Wochenende. Ich wache auf, muss nicht zur Arbeit gehen. Dann bleibe ich im Bett liegen und höre dem Regen zu.“
Tchuva heißt das erste Album von Kiki Lima. Ein Text auf Kreolisch für den Regen. Denn ohne Regen wäre alles Wüste.

Text und Foto: Annegret Heinold
In ESA 02/16

Share.

Comments are closed.